Industriegeschichte sichtbar machen

Susanna Koeberle
14. Juni 2020
Der neue Showroom von Schätti Leuchten wurde wie die Leuchtenkollektion selber von Jörg Boner entworfen (Foto: Felix Wey)

Schätti Leuchten eröffnete kürzlich einen neuen Showroom auf dem ehemaligen Gelände der Firma Therma in Schwanden. Die langjährige Zusammenarbeit zwischen den Inhabern von Schätti und dem Designer Jörg Boner zeigt schön, dass Designprozesse am besten langsam reifen.

Meine Reise nach Schwanden entpuppt sich auf verschiedenen Ebenen als ein Eintauchen in die Schweizer Industriegeschichte. Die Stränge führen von den Anfängen der Industrialisierung (ab circa 1815) bis in die Jetztzeit. Anlass des Ausflugs ist der Besuch des neuen Showrooms von Schätti Leuchten. Die Firma Schätti wurde bereits 1934 gegründet und stellt bis heute auch Metallwaren her, unter anderem ist sie Zulieferer für andere Hersteller im Tal. Heute leitet Thomas Schätti zusammen mit seinem Bruder die Geschicke der Firma. Als Hobbyhistoriker und passionierter Sammler von Gegenständen (dazu später mehr) ist er ein spannender Gesprächspartner – nicht nur, was das eigene Unternehmen betrifft. Auch zur Geschichte von Schwanden hat er einiges zu erzählen. 

Das Dorf im Glarnerland war einst ein wichtiger Industriestandort und erlebte zwei Phasen der Industrialisierung. Während die Textilindustrie im Kanton Glarus im 19. Jahrhundert zunächst blühte, zeichnete sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein Wandel ab, viele Textilfabriken schlossen ihren Betrieb. Andere Branchen, wie die Metallwarenfabrikation, Maschinenbau, Brauerei oder Offsetdruck, wuchsen stattdessen stark. Der Standort bot bis zu tausend Arbeitsplätze. Allgemein bekannt dürfte die Firma Elektrolux sein. Diese übernahm im Jahr 1978 die Therma – 1907 gegründet von Samuel Blumer, einem Pionier der Wirtschaft und Technik. Zu Beginn stellte die Therma Bügeleisen, Kleinkochgefäße und Zimmerheizöfen her. Später kamen auch Großküchen etwa für Hotels oder Spitäler hinzu. Dank anhaltender Nachfrage nach elektrisch betriebenen Apparaten konnte sich die Firma vergrößern. 1941 gab man ein neues Verwaltungsgebäude bei Hans Leuzinger (1887–1971) in Auftrag; der Glarner Architekt baute später auch das Kunsthaus Glarus. Nach dem Krieg setzte ein Boom ein, der die Geschäftstätigkeit der Therma positiv beeinflusste. 1958 gelang es, den Elektroingenieur und bekannten Designer Hans Hilfiker (er hat unter anderem die bekannte SBB-Bahnhofsuhr entworfen) als Delegierten des Verwaltungsrats der Therma zu gewinnen. Hilfiker veränderte die Produkte, die Fertigung und das gesamte Erscheinungsbild der Firma. Damit gab er ihr ein neues Gesicht. 

Zu den Neuheiten gehört die Tisch- und Bodenleuchte »Stedar«. (Foto: Felix Wey)

Wie diese Geschichte mit der Firma Schätti zusammenhängt, zeigt ein Besuch im Keller des neuen Sitzes des Showrooms. Dort lagern alte Produkte von Therma, die Thomas Schätti vor Ort gefunden hat und seither auch sammelt; mittlerweile ist ein richtiges Therma-Archiv zusammengekommen. Der Raum gleicht fast einem kleinen Designmuseum, und es bestehen Pläne zu einem »richtigen« an einem anderen Ort in Schwanden, welches nächstes Jahr eröffnen soll. 2017 erwarben die Schättis eine der ehemaligen Werkhallen der Elektrolux. Einen Teil der Räume werden von Schätti selber genutzt, die anderen werden vermietet, etwa als Co-Working-Spaces. 

In einem der oberen Räume landen wir schließlich in der Jetztzeit. Dort hat Jörg Boner, der seit den Anfängen der Firma Schätti Leuchten im Jahr 2012 mit an Bord ist, einen Showroom entworfen, der mehr ist als eine Bühne für die von ihm entworfene Leuchtenkollektion. Denn ein weiteres Standbein des Unternehmens Schätti ist die Produktion der Kaffeemaschinen von Olympia. Die Firma war ursprünglich im Tessin beheimatet, seit 2010 ist dieser Zweig Teil des Portfolios von Schätti. Es ging also darum, einen Raum zu schaffen, der die beiden Markenwelten adäquat repräsentiert, ohne dass diese sich konkurrenzieren. Es sollte für Besucher*innen auch erkennbar sein, dass hier gearbeitet wird, deswegen beließ man bewusst die Spuren der Industrieräumlichkeiten. Der große Raum ist hell und vereint mit seinem Blick in die Berglandschaft Natur und Industrie. Für die Inszenierung der schlichten Leuchten schuf Boner ein ovales Podest, das durch einen semitransparenten Vorhang abgeschlossen wird. Als Pendant dazu befindet sich gegenüber eine ovale Bartheke, die mit einer Schweizer Steinplatte versehen wurde. Die Installation strahlt etwas Südländisches aus, in Anlehnung an den Ursprung der Olympia.

Der Designer Jörg Boner ist seit den Anfängen von Schätti Leuchten mit dabei. Von ihm stammen alle Entwürfe, rechts im Bild der CEO Thomas Schätti. (Foto: Felix Wey)

Die Kollektion von Metallleuchten wuchs langsam und fokussiert auf eine einheitliche Formensprache. Die blendfreie Lichtabgabe eignet sich für den Arbeitsplatz, kann aber auch für größere Architekturprojekte auf vielfältige Weise eingesetzt werden. Zu Beginn waren die Produkte in Grau und Weiß erhältlich, später entwickelte Boner eine subtile Farbpalette. Die Grundidee hinter der Kollektion ist das Schaffen einer Typologie, die verschiedene Anwendungen erlaubt. Das hohe Know-how der Metallverarbeitung ist deutlich ablesbar. Die Produkte muten durch ihre Reduktion und präzise Verarbeitung sehr schweizerisch an. Sie erinnern zugleich an ein Stück Industriegeschichte.

Die neue Bodenleuchte »Vlar« funktioniert auch für den Wohnbereich. (Foto: Felix Wey)

Designer Jörg Boner im ausführlichen Interview

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