Klimafreundliches Biologiezentrum

Manuel Pestalozzi
27. Oktober 2021
Der neue Institutsbau steht an der Schlachthausgasse – und damit in einem Quartier mit spannender Geschichte und heute gemischter Nutzung. (Foto © Bruno Klomfar)

Anfang des Monats wurde das neue Biologiezentrum der Universität Wien in Sankt Marx eröffnet. Es signalisiert emblematisch den Aufbruch des Quartiers im 3. Wiener Gemeindebezirk. 

Seinen Namen hat Sankt Marx von einem Krankenhaus aus dem 13. Jahrhundert, dessen Kapelle dem heiligen Markus geweiht war. Im 19. Jahrhundert siedelte Wien sein Schlachthaus und den Zentralviehmarkt dort an. Denn damals lag das Gebiet noch am südlichen Stadtrand und seine günstige Lage sorgte dafür, dass das Stadtgebiet kaum von Geruchsemissionen belästigt wurde. Heute ist das Gebiet längst Teil der Stadt. An der Einmündung der Viehmarktstraße in die vielbefahrene Schlachthausgasse – beide Namen erinnern an die eben erwähnten und mittlerweile verlegten Versorgungseinrichtungen – ist ein neues Biologiezentrum entstanden. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Ende des 20. Jahrhunderts angelegte Vienna BioCenter, in dem Biotech-Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Räume für die Lehre untergebracht sind. Zuletzt entstanden im Quartier auch neue Wohnungen.

Der Neubau der Architekten Karsten Liebner und Marcel Backhaus aus Berlin ging aus einem offenen, einstufigen Realisierungswettbewerb hervor, der 2017 entschieden wurde. Die Errichtung erfolgte in einer Arbeitsgemeinschaft mit dem einheimischen Büro Vasko+Partner. Das langgezogene, im Grundriss trapezförmige Hauptvolumen erstreckt sich entlang des Straßenraums der Schlachthausgasse. Die abgerundeten Ecken verleihen dem Bau zusammen mit den durchlaufenden Fenster-, Storenkasten- und Brüstungsbändern wie auch der Dachterrasse einen nautischen Charakter. Die vier oberen Geschosse sitzen auf einem zweigeschossigen Sockel. Dieser beherbergt ein in Längsrichtung durchlaufendes Foyer. Dies widerspiegelt die Gliederung des Gebäudes, das in zwei Bereiche unterteilt ist: einen öffentlichen Teil mit Bibliothek, Mensa und Hörsälen im Sockel und einen weiteren mit Labors, Büros und zusätzlichen Arbeitsräumen darüber. Die geschlossenen Fassadenteile sind weitgehend mit Klinker aus der Slowakei verkleidet – eher eine Seltenheit in Wien.

Auf der Rückseite des Gebäudes befinden sich einige flache Anbauten. In einem befinden sich Büros der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft, einen Hörsaal für 100 Personen und Seminarräume. Ein anderer nimmt zwei weitere Hörsäle für 300 beziehungsweise 400 Personen mit Ausblick ins Freie und natürlicher Belichtung auf. Und ein weiterer Bau schließlich beherbergt die Mensa, die sich mit einer großen Glasfront zu einer Terrasse hin öffnet.

Entlang der rückwärtigen Fassade des Hauptbaukörpers gliedern verschiedene Anbauten den Grünraum. (Foto © Bruno Klomfar)
Wärmerückgewinnung aus der Laborabluft

Die Universität Wien legt großen Wert darauf, dass man sich um ein klimafreundliches Universitäts- und Forschungsgebäude bemüht habe. Der Grundriss wurde so flexibel wie möglich geplant, die Größen der Räume lassen sich dank installationsfreien Zwischenwänden frei anpassen; Laborflächen können in Büros umfunktioniert werden und umgekehrt. Dies trägt, so hofft man, zur Langlebigkeit des Bauwerks bei. Weitere klimafreundliche Maßnahmen sind der außenliegende Sonnenschutz mit intelligenter Steuerung, die Verwendung von zertifiziertem Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft und der Verzicht auf Oberflächen aus Polyvinylchlorid (PVC). Außerdem wird die Laborabluft zur Wärmerückgewinnung genutzt. Das geschehe, so die Bauherrschaft stolz, in Wien bei einem Forschungsgebäude zum ersten Mal. Mindestens 30 Prozent der benötigten Wärme sollen sich im Vergleich zu einem herkömmlichen Laborgebäude einsparen lassen. Das Biologiezentrum soll das Siegel klimaaktiv Silber erhalten.

Mit seiner differenzierten Front- und Rückseite, seiner Kleinteiligkeit im Detail und seinem eher zurückhaltenden Auftreten gelingt es diesem »Ozeandampfer« recht gut, sich ins heterogene Quartier einzugliedern, das sich momentan mitten in einem spannenden Entwicklungsprozess befindet. 

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