Lebendig und abstrakt: Ausstellung und Symposium zur Architektur Ludwig Mies van der Rohes

Ulf Meyer
9. März 2020
Der Architekturtheoretiker Jörn Köppler aus Potsdam und sein Wiener Kollege Albert Kirchengast haben parallel zu einer Konferenz in Berlin auch eine Ausstellung erarbeitet. (Foto: Thomas Grabka)

Ein Symposium in Berlin widmete sich unlängst der »Aktualität von Mies’ Architekturdenken«. Initiatoren der Veranstaltung waren der Potsdamer Architekturtheoretiker Jörn Köppler und der Wiener Albert Kirchengast. Gemeinsam haben sie parallel auch eine passende Ausstellung auf die Beine gestellt.

Hundert Millionen Euro an Steuergeldern für die Renovierung eines historischen Gebäudes auszugeben, das hinterher nicht »besser« sein wird, ist etwas Besonderes – gerade in Deutschland. Bei der Sanierung der Neuen Nationalgalerie in Berlin von Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) geht es just darum: Um die eleganten Proportionen der Fassaden beispielsweise nicht zu verfälschen, wird bei der Sanierung Einscheiben-Glas verwendet und die Profile werden auch nicht thermisch getrennt. Mit derlei diffizilen Details setzt sich derzeit Alexander Schwarz auseinander, der »Kopf« des Berliner Büros von David Chipperfield, das mit der aufwendigen Pflege des ikonischen Baus beauftragt wurde. Schwarz’ Vortrag im Rahmen des Symposiums »Zur Aktualität von Mies’ Architekturdenken« drehte sich um die Frage, wie die »Zeiterfahrung in die Moderne eingekehrt« ist und die »Moderne das Versprechen ihrer ewigen Jugend gebrochen hat«.

In Chicago, wo schon zwei Mies-Bauten umfassend renoviert wurden, hatten die Sanierungen seinerzeit große Kontroversen um den richtigen Umgang ausgelöst. Schwarz möchte originale Substanz nicht abbilden, sondern erhalten. Insofern unterscheidet sich der denkmalpflegerische Umgang mit Gebäuden der Moderne nicht von jenem mit älteren, handwerklich hergestellten Bauwerken.

Der Ort für das Symposium war gut gewählt: Das Haus Lemke in Berlin-Hohenschönhausen ist das letzte von Mies entworfene Wohnhaus in Deutschland, bevor er 1938 in die USA emigrierte. Der eingeschossige Bau mit nur zwei Zimmern und einer Ziegelfassade dient heute als Ausstellungspavillon. Die Initiatoren besagten Symposiums, die beiden Architekturtheoretiker Jörn Köppler aus Potsdam und Albert Kirchengast aus Wien, haben parallel zur Konferenz eine Schau entwickelt, die aktuell im Haus gezeigt wird. Zu sehen sind sechs Modelle von Mini-Architekturen. Damit erfassen die Kuratoren auch die Essenz des Hauses Lemke, das ganz auf seinen von Karl Foerster (1874–1970) gestalteten Garten ausgerichtet ist. 

Die Gestaltung des Hauses Lemke ist ganz auf den Garten ausgerichtet. (Foto: Thomas Grabka)

Der Architekturtheoretiker und Mies-Experte Fritz Neumeyer arbeitete am Symposium sehr schön heraus, wie in Mies’ Entwürfen die »Gebäude teils auf sich selbst schauen«. Das gilt selbst im kleinen L-förmigen Haus Lemke. Nicht nur die Öffnungen in den Wänden, sondern auch die Gebäude als Ganzes werden zu »Fenstern in die Ewigkeit«. Weil Menschen sich nur Endliches vorstellen können, wird die unendliche »Natur« zum höheren Rahmen der menschlichen Existenz, der »Aufgehobenheit« vermitteln kann – nachgerade keine kleine Leistung für ein paar Wand- und Deckenscheiben. »Architektur ist deshalb für ein gutes Leben unerlässlich«, schloss Neumeyer.

Er zeigte das anhand des Projekts »Mies missing materiality« von Anna und Eugeni Bach, die den Barcelona Pavillon 2017 mit weißen Folien abgeklebt hatten, wie Mies’ Räume »ent-architektonisiert« werden könnten. Denn »Vielfalt und Opulenz der Oberflächen« sind essentielle Bestandteile seiner Gestaltungen. Als »morphologischen Dialog« beschrieb Neumeyer Mies’ »Architektur des Sowohl-als-auchs«, die unter der Bedingung der Abstraktion, die während der Geburt der Moderne herrschte, dennoch lebendige, beseelte Räume schafft: nicht nur durch besagte Oberflächen, sondern auch mit anthropomorphen Skulpturen und eben Vistas.

»Material und Fügung« werden unter den Bedingungen der Abstraktion wichtiger und machen Renovierungen von Mies-Gebäuden so delikat. Interpretieren lassen diese sich als »Seh-Geräte«, die nicht nur geschickt Blicke in die umgebende Natur rahmen, sondern sogar im Inneren ein Gefühl des Aufenthalts im Außenraum vermitteln, gestützt oft nur von einer Wandscheibe auf einer Seite. Die Natur ist der »geheime Held der Ausstellung« (und des Symposiums), wie Schwarz formulierte. Denn sie ist etwas »nicht-herstellbares«, ein Element der Poesie. Nicht nur damit beweisen die Gestaltungen von Mies Zeitlosigkeit und Aktualität zugleich.

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