Neben der städtischen Wildnis

Ulf Meyer
30. Januar 2020
Foto © Rupert Steiner

BEHF Architects haben in Wien eine Wohnanlage gestaltet. Die Häuser sind architektonisch qualitätsvoll, doch die Mieten betragen nur rund 7 Euro pro Quadratmeter.

»Ich würde gern einmal eine Minute lang nur wohnen. Denn das Wohnen ist eine sonderbare Tätigkeit. Man wohnt und wohnt und merkt es nicht. Wohnen müsste ein Geräusch machen, knacken oder leise singen, damit es als Aktion bemerkbar würde.«

Max Goldt, Schriftsteller

BEHF Architects haben eine dezidierte Haltung zum Thema Wohnungsbau: »Wir sind Bauherren- und Welten-Versteher«, sagt Stephan Ferenczy, das »F« in »BEHF«. »Wir geben uns Mühe verschiedene Positionen zu verstehen und zu vertreten. Denn wir kämpfen nicht alleine um architektonische Qualitäten, sondern auch um die Realisier- und Finanzierbarkeit.« Budgetzwänge können schließlich auch zu Qualitäten führen. Nach Ansicht von BEHF Architects gibt es im Wohnungsbau »ordinäre und ernsthafte Qualitäten. Nur erstere sind leicht zu erreichen«, so Ferenczy, »…und die haben nicht zwingend mit Geld zu tun«. »Wir entwerfen Wohnungen, die belastbar, haltbar und günstig im Betrieb sind«, formuliert er das Ziel. Im Wiener Wohnungsbau gibt es traditionell hohe Qualität – auch weil es in der Stadt Wohnbauträger gibt, die Haltbarkeit, Leistbarkeit und günstigem Unterhalt verpflichtet sind. Dies ist ein Produkt der Sozialdemokratie, hat mit der Vielfalt der Stadtbewohner*innen zu tun und der Tradition der Stadt als Ort der urbanen Beschäftigung. 

Foto © Rupert Steiner

Für den Bauherren BUWOG/Vonovia haben BEHF Architects in der Vorgartenstraße vier Wohnhäuser gebaut, für die Mieten von nur 7 Euro pro Quadratmeter vorgegeben waren. Trotz niedriger Erstellungskosten von rund 1'850 Euro pro Quadratmeter NNF haben die Häuser Klinkerfassaden, Holzböden und Holzfenster. Hohe Qualität im Detail war eine Auflage der Stadt Wien, die ein Qualitäts-Sicherungs-Gremium eingesetzt hatte, das auf alle Feinheiten schaute. Der städtebauliche Entwurf von Studio Vlay Streeruwitz sah Gebäude als Hochpunkte vor. Die 25 Meter hohen Objekte mit acht Etagen bleiben baurechtlich aber unter der Hochhaus-Definition. Die Freiflächen zwischen ihnen gehen in einen urbanen, verwilderten Park am benachbarten Nordbahnhof-Gelände über. Neben teils mehrgeschossigen Patio-Wohnungen bietet der Entwurf auch Einheiten mit Laubengang-Erschließung. Jedes Haus hat seinen Eingang an einem anderen Punkt. Die Erdgeschosse sind mit Gärten und gemeinschaftlich genutzten Flächen animiert. Jede Wohnung hat eine Loggia oder Zugang zu einem privaten Garten. Horizontale Bänder geben den Fassaden ihre elegante Proportion. Trotz spielerischer Fenestrierung haben die Gebäude einen monolithischen Ausdruck, der zeitlos wirkt. Hier macht das Wohnen leise »knack«. 

Foto © Rupert Steiner
Foto © Rupert Steiner
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