Neubau im Herzen Wiens: Kann Ikea in Sachen Nachhaltigkeit punkten?

Manuel Pestalozzi
31. August 2021
Das weiß gestrichene Stahlgerüst ist neben den überdimensionalen Topfpflanzen das auffälligste Erkennungszeichen der neuen Ikea-Filiale in der Wiener Innenstadt. (Foto © Ikea)

Lange war das Gebäude umstritten, am 26. August wurde es eröffnet. Das schwedische Unternehmen möchte Vorreiter beim klimafreundlichen Bauen sein. Welche Lösungen hat das Büro querkraft dafür entwickelt?

Angefangen hat Ikea mit großen Einkaufshallen in der Agglomeration. Damals stand es um den Ruf der Firma in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz nicht zum Besten. Die Billigmöbel und das »Benutze es und wirf es weg«-Konzept boten zum Beispiel viel Anlass zu Kritik. Heute scheint sich die Firma der Nachhaltigkeit verschrieben zu haben, und ihre Marketingabteilung bewirbt dies offensiv – vielleicht auch, um dem Zeitgeist und den Kundenwünschen zu entsprechen. Und der schwedische Einrichtungskonzern drängt in die Innenstädte, um sich damit ein urbanes Flair zu geben, das sich dem Lebensstil jüngerer Generationen anpasst. 

Die Wahl der Bauparzelle an der Mariahilfer Straße nahe dem Wiener Westbahnhof entspricht diesem Trend. Umstritten war sie in der Hauptstadt allerdings lange: Vielen missfiel, dass der Vorgängerbau aus der Gründerzeit eingerissen wurde und die ÖBB Flächen an das Einrichtungshaus verkauften. Andere hätten sich auf dem Grundstück einen neuen Park gewünscht, denn in der Gegend mangelt es an Grünraum. Das Architekturbüro querkraft lieferte schließlich ein Konzept, das die Jury am dreistufigen Wettbewerb mit mehreren Workshops überzeugte und auch in der Bevölkerung die Gemüter zumindest etwas beruhigte. Es ist vergleichsweise klimaschonend und auf Fußgänger, Radfahrer und den öffentlichen Verkehr ausgerichtet. Sperrgut sollen die Kunden nicht länger mit dem eigenen Auto abtransportieren, stattdessen wird es ihnen nach Hause geliefert.

Das siebengeschossige Volumen lässt sich frei bespielen. (Visualisierung © querkraft)

Das siebengeschossige Gebäude mit einem annähernd quadratischen Fußabdruck wird durch vorgefertigte Stahlbetonstützen gegliedert. Sie stehen auf einem Raster von 10 auf 10 Metern, was eine vielseitige Nutzung und Ausgestaltung der Räume erlaubt. Schließlich erhöht eine gute Anpassbarkeit die Wahrscheinlichkeit, dass Gebäude länger erhalten bleiben. Ein durchgehender Luftraum ermöglicht ansprechende Blickbeziehungen zwischen den Geschossen. Im unteren Teil des Baus findet man aktuell eine Ikea-Filiale, in den oberen zwei Stockwerken ist das Jo&Joe-Hostel mit 345 Betten untergebracht. Durch diesen Mix ist das Haus den ganzen Tag über und an allen Wochentagen belebt – nicht nur zu den Öffnungszeiten des Einrichtungshauses. Und auf dem Dach befindet sich eine für alle zugängliche Terrasse ohne kommerzielle Nutzung.

Die Zimmer des von der Accor-Gruppe betriebenen Hostels Jo&Joe gewähren imposante Blicke auf die Skyline der Hauptstadt. (Foto © Ikea)

Markenzeichen des Gebäudes ist seine 4,3 Meter tiefe Außenzone, die mit ihrem weiß gestrichenen Stahlgerüst den Stadtraum prägt. Sie legt sich wie ein »Regal« um das Gebäude, ermöglicht erkerartige Raumerweiterungen, bietet Platz für Terrassen und nimmt Infrastrukturen wie Lifte, Fluchttreppen und Haustechnik auf. In dieser Außenzone und auf der Dachterrasse wurden 160 Bäume in Töpfen aufgestellt. Es sei dahingestellt, wie lange sie so überleben – jedenfalls wurde ein komplexes Bewässerungssystem installiert, das ihr Wohlergehen sichern soll. Die Architekten sind überzeugt, dass die Bäume das Mikroklima spürbar positiv beeinflussen werden. Computersimulationen ergaben nämlich eine relevante Temperaturabsenkung von 1,5 Grad. Die Bäume wurden ergänzt durch Rankpflanzen, die ebenfalls kühlend und befeuchtend wirken sollen. Mit diesen Maßnahmen entspricht die Bauherrschaft dem »Urban Heat Island-Strategieplan« der Stadt Wien. Allerdings werden die Pflanzen, wie schon angedeutet, ständiger und intensiver Pflege bedürfen. Außerdem wäre ein Austausch mit einem größeren Aufwand verbunden. 

Ob die Topfbäume in ihrer neuen Umgebung nachhaltig gedeihen, wird sich zeigen. Sie nötigenfalls auszuwechseln, wäre ein großer Aufwand. (Foto © Ikea)

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