Österreichs beste Sanierungen?

Manuel Pestalozzi
31. März 2022
Beim Stadthaus Linz konnte der Heizwärmebedarf von nahezu 130 kWh/m2a auf unter 30 gesenkt werden. (Foto © Kurt Hoerbst)

 

Mit dem sogenannten ETHOUSE Award werden seit 2008 Gebäudesanierungen ausgezeichnet. Hinter dem Architekturpreis steht die Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme. – Der Fokus richtet sich also wenig verwunderlich auf den Umgang mit Wärmedämmverbundsystemen (WDVS). Auch diese Auszeichnung ist also ein Lobby-Preis. In diesem Jahr wurde in den drei Kategorien »Öffentliche Bauten«, »Wohnbau« und »Wohnbau mit gewerblicher Nutzung« je ein Siegerprojekt prämiert.

 

Privater Wohnbau mit gewerblicher Nutzung
Stadthaus Linz
Architektur: mia2 Architektur
Verarbeitung: Markmont
 
Wohnbau
Wohnanlage 1110 Wien
Generalplaner: Gesellschaft für Stadt- und Dorferneuerung
Bauträger: Gemeinnützige allgemeine Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft
Verarbeitung: ARGE aus Porr Bau und Zinglbau
 
Öffentliche Bauten
Volksschule Brixlegg
Architektur: ARGE aus Architekturhalle Wulz-König und Iliova architektur
Verarbeitung: Bodner
Das Erscheinungsbild des Linzer Stadthauses (hier vor dem Eingriff) hat sich durch Umbau, Sanierung und Aufstockung stark verändert (siehe oben). Doch einige Elemente des historischen Baus, die alten Kastenfenster etwa, blieben erhalten. (Foto © mia2 Architektur)
Stadthaus Linz: Sanierung und Aufstockung eines historischen Baus

Die Grundsubstanz des Hauses stammt aus dem 16. Jahrhundert. Es wurde erweitert und beherbergt neu Wohnungen, aber auch Gewerbeflächen. Die Erschließung mit einer Treppenanlage und einem Lift wurde neu angeordnet. Die gelungene Aufstockung erfolgte in Mischbauweise. »Das Projekt ist eine architektonisch ausgesprochen gelungene Sanierung eines historischen Gebäudes«, hält die Jury dazu lobend fest und fährt fort: »Positiv hervorzuheben ist der Erhalt der Kastenfenster und auch der Freiraum im Hof, wodurch Bedürfnissen der Nutzer*innen nachgekommen werden konnte.«

 

Bei der Wohnanlage Hauffgasse im 11. Wiener Bezirk ließ sich der Heizwärmebedarf von 119 kWh/m2a auf nur noch 23 reduzieren. (Foto © Gesellschaft für Stadt- und Dorferneuerung)
Glattgebügelte Fassaden, doch auch größere Loggien und neue Dachgeschosswohnungen

Auch die Wohnanlage Hauffgasse in Wien aus den 1980er-Jahren erhielt durch ein WDVS ein neues Erscheinungsbild: Die einst prägnante horizontale Gliederung der Fassade ist heute nur noch durch Farbwechsel angedeutet. Im Rahmen der Fördermittel durch den Wohnfonds Wien wurden zahlreiche Maßnahmen umgesetzt. Neben der signifikanten Reduktion der Energiekennzahl fand auch eine Vergrößerung der Wohnungsfreiflächen (Loggien) statt. Die Siedlung erhielt zudem 79 neue Dachgeschosswohnungen. Die Einordnung der Jury lautet wie folgt: »Mit dieser Sanierung wurden Maßstäbe gesetzt, sie hat Vorbildwirkung im großvolumigen Bau. Außerdem ist die Ressourcenschonung wie die soziale Qualität des sanierten Gebäudes hervorzuheben.«

 

Im Zuge der Sanierung der Volksschule Brixlegg wurde eine hundertprozentige Versorgung mit erneuerbarer Heizenergie sichergestellt. Der Energieverbrauch sank von fast 170 kWh/m2a auf knapp über 30. (Foto © Angelo Kaunat)
Volksschule Brixlegg – schöne Lernumgebung, aber auch ein Verlust an identitätsstiftenden Details

Der Bau der Volksschule Brixlegg stammt aus dem Jahr 1966. Gemeinsam haben die Büros Architekturhalle Wulz-König und Iliova architektur das Schulhaus saniert und umgebaut. Schüler*innen und Lehrer*innen bekommen neu eine zeitgemäße Lern- und Arbeitsatmosphäre geboten. Geheizt wird fortan mit Pellets. Die Optimierung der thermischen Hülle wurde als fester Bestandteil eines Gesamtkonzeptes interpretiert. Das äußere Erscheinungsbild veränderte sich durch die gestalterisch und städtebaulich sinnvolle Verlegung des Eingangs von der Giebel- zur Längsseite. Fassadenmalereien und Materialwechsel in der Fassade jedoch wurden durch eine homogene Oberfläche ersetzt. Die Jury urteilte: »Die Optimierung der thermischen Hülle ist integrativer Teil eines klugen Gesamtkonzeptes. Über die bauphysikalischen Ansprüche hinaus wurde eine schlichte und zugleich freundlich einladende Fassade gestaltet, die Tageslicht im Gebäudeinneren ermöglicht.«

Die drei ausgezeichneten Sanierungen zeigen, dass sich durch eine Optimierung der Dämmleistung große Mengen an Energie einsparen lassen. Das ist an sich positiv. Die Umbauten dokumentieren allerdings auch einen Verlust an gestalterischen Finessen im Hinblick auf die Fassaden und somit an Identität. Teils gingen mannigfaltige Details verloren. Die außen liegenden Dämmschichten sorgen dafür, dass die alten Bauwerke ein neues, glatteres Gesicht bekommen haben. Es stellt sich die Frage, ob das »Einpacken« historischer Bauten der vorbehaltlos richtige Weg ist. Vielleicht liegt die Lösung zuweilen auch im grundlegenden Überdenken unserer Ansprüche an den Komfort. Zumal Wärmedämmverbundsysteme durchaus auch ökologische Nachteile mit sich bringen. Setzt sich die jetzige Entwicklung fort, kommt es absehbar zum Zielkonflikt zwischen dem Schutz unseres wertvollen baukulturellen Erbes und dem Einhalten klimapolitischer Vorgaben.

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