Prada und Pravda

 Ulf Meyer
2. November 2018
Zum Besselpark formuliert der Neubau einen klaren Rand (Bild: Rory Gardiner)
Der Print-Journalismus ist tot – lang lebe der Print-Journalismus! Zumindest architektonisch tut er es, aktuell in Form des taz-Neubaus in Berlin.
Das Berliner Zeitungsviertel ist seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust nur noch ein Schatten seiner selbst: Die Tageszeitung „taz“ hat einen aufsehenerregende Neubau eingeweiht, dem man den „Modernisierungs-Stress“ des Internet-Zeitalters anmerkt: In Zeiten sinkender Auflagen für Printtitel soll der Bau helfen, eine architektonische Identität für das „linke“ Medium zu formulieren.
Der vertikale Lastabtrag und die Aussteifung erfolgen über ein rautenförmiges Fachwerk aus Stahlverbundstützen (Bild: Rasmus Norlander)
Das Schweizer Architekturbüro E2A (Piet und Wim Eckert) aus Zürich haben den Neubau der „taz“ geplant. Ihr Entwurf im neuen „Kreativquartier“ am ehemaligen Berliner Blumengroßmarkt spielt auf den Entwurf der Gebrüder Vesnin für die Pravda in Moskau an. Die Wahl der Schweizer Architekten legt eine Nähe der Zeitung zur Grünen Partei nahe: Die selben Architekten hatten 2008 den Neubau der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin entworfen. Für die „taz“ sahen sie eine Fassade aus Glas und Stahl vor, die „offen und transparent“ wirken soll – ein Klischee der Moderne. Interessanter ist das rauten-förmige Fachwerk-Netz aus Druck- und Zugstäben, das die Fassade prägt.

Das Image der taz als „Werkstatt und Produktionsstätte“ soll durch Bezüge zur Architektur des sowjetischen Konstruktivismus der 1920er-Jahre widergespiegelt werden. Der Moskauer Sitz der Leningrader Pravda war von Alexander Vesnin 1924 als gebaute „Werbung mehr denn als Büro“ aufgefasst worden. Der schlanke Turm auf einem nur 6×6 m großen Grundstück bot ebenfalls einen Lesesaal in den beiden unteren und Redaktionen in der oberen vier Etagen.
Rohe Materialien bleiben sichtbar und werden nicht verkleidet oder kaschiert (Bild: Rasmus Norlander)
Das Zeitungsviertel in Berlin war 1919 ein Hauptschauplatz des Spartakusaufstandes. Architektur-symbolisch wähnen sich die taz-Redakteure immer noch hinter Papierrollen verschanzt im Kampf gegen „die rechte Presse“. Die hat ihr publizistisches Domizil nur einen Straßenblock entfernt. Die Architekten selber nennen den Moskauer „Schabolowka“-Radioturm von Wladimir Schuchow aus den 1920er Jahren als Vorbild. Der Radioturm steht ihrer Meinung nach für „die Fortschrittlichkeit und Leistungsfähigkeit der jungen Sowjetunion“.
Die umlaufenden Balkone werden später zur vegetativen Schicht vor der Fassade (Bild: Rory Gardiner)

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