Shop Till You Drop

Ulf Meyer
29. April 2021
Foto: Bruno Klomfar

Sie geraten durch den Onlinehandel unter Druck und können die Innenstädte veröden lassen – doch Einkaufszentren am Stadtrand sind auch eine Architekturaufgabe. Das haben BEHF Architects im Burgenland gezeigt.

Viele Architekt*innen würden Einkaufszentren nicht mit spitzen Fingern anfassen, obwohl solche Alltagsarchitekturen die tägliche Lebensqualität eigentlich oft mehr bestimmen als Theater und Museen. Ohne Dünkel gehen BEHF Architects aus Wien das Thema an und helfen, den Dirty Realism typologisch weiterzuentwickeln und Einkaufszentren zu akzeptableren städtischen Nachbarn zu machen. Das beweisen sie auch im Burgenland unweit der Grenze zu Ungarn und der Slowakei.

Angesichts der Corona-Krise, den dramatischen wirtschaftlichen Folgen und des beispiellosen Booms beim Onlinehandel, aber ihrer ökologischen Fragwürdigkeit werden veraltete Shopping-Konzepte derzeit schnell obsolet. Handelspassagen funktionieren nicht als mittelmäßige, mickrige und orientierungslose Sackgassen, die vom Nirgendwo ins Nichts führen, vorbei an drittklassigen Geschäften, frei von Tageslicht und fernab des städtischen Wegenetzes. Um die Jahrtausendwende entstand – nicht nur in Österreich – ein neuer Typus von Einkaufszentrum: Das Fachmarktzentrum, bei dem – von außen zugänglich – mehrere Markenanbieter gemeinsam eine Einkaufsdestination schaffen. Dieser Typus steht neben den Hyper-Centern französischer Art und sogenannten Stand-Alones.

Der Wandel der ausufernden Orte vom »hart gekochten Ei über das Spiegel-Ei zum Rührei« zeigt bisweilen ein Manko hinsichtlich der Raumordnung. Aber Architektur kann immerhin helfen, aus belanglosen Centern echte Zentren zu formen – wie einst die Galleria Vittorio Emanuele II (1875) von Giuseppe Mengoni (1829–1877) in Mailand.

Das neue Einkaufszentrum in Parndorf im Burgenland mit 30 Geschäften befindet sich neben dem McArthurGlen Designer Outlet – am Stadtrand und direkt neben der Autobahn 4. Die Architekten haben für Übersichtlichkeit und eine angenehme Atmosphäre gesorgt, Highlight des Zentrums sind der sogenannte Food Court und eine überdachte Außenterrasse mit Veranstaltungsbereich und Wasserfläche samt Fontänen. Die U-Form des Gebäudes mit breitem Baldachin ermöglicht es Besucher*innen, trockenen Fußes von einem Geschäft zum anderen zu spazieren. Durch unregelmäßige Öffnungen im Dach gelangt Tageslicht ins Innere. 

Zwischen plumpem Konsum und attraktivem Treffpunkt

Malls sind in gewisser Weise eine österreichische Erfindung: Der Architekt Victor Gruen (1903–1980) hat die ersten modernen Einkaufszentren am Rande amerikanischer Großstädte gebaut. 1940 zog Gruen für den Auftrag einer großen Einzelhandelskette nach Los Angeles und gründete dort sein Büro, das mit bis zu 300 Angestellten bald eines der größten in den Vereinigten Staaten wurde. Bei Detroit gestaltete er ein riesiges Einkaufszentrum und wurde so zum Erfinder der Shopping Mall. Gruen sah Malls als neue Stadtzentren an, als »bessere Downtowns«. Gruens Mall in Minneapolis von 1956 nahm neben Geschäften auch eine Schule, einen Hörsaal und sogar eine Eislaufbahn auf. Gruen setzte sich nicht nur als Kind seiner Zeit für den bequemen »Konsum in einer autogerechten Welt« ein, sondern auch für eine lebenswerte Umwelt. Seine multifunktionalen Zentren sollten, durchaus fortschrittlich, öffentliche und soziale Einrichtungen beherbergen, Gruen war ein Gegner reiner Einkaufszentren.

Foto: Bruno Klomfar
Doch kein Auslaufmodell?

»Architekten sollten sich nicht beklagen über eine triste Umwelt, wenn sie sich nicht engagieren und gestalterisch mit modernen Einkaufsformen auseinandersetzen«, sagt Armin Ebner, einer der Gründer von BEHF Architects. Für ihn sind Einkaufszentren am Stadtrand also noch kein Auslaufmodell, er glaubt, dass sie eine Zukunft haben können. »Beratung und Service müssen stimmen, Kleidungsstücke anprobiert und Bücher angeblättert werden dürfen«, so sein Credo.

Um der Fatigue gegenüber den omnipräsenten Allerweltsmarken zu begegnen, setzen viele Manager von Einkaufszentren heute auf »örtliche Bezüge«. Ein Ort unter Arkaden wie in Parndorf könne zur »Entschleunigung an der Schnellstraße beitragen«, so Ebner. Neben dem Handel könnten Einkaufszentren durch Fitness-, Gesundheits- und Veranstaltungsorte aufgewertet werden – ganz im Sinne Gruens.

Foto: Bruno Klomfar

Wie dynamisch die Entwicklung ist, zeigt die kurze Geschichte des Standorts bei Parndorf. Das von einer britischen Gruppe gebaute Outlet war einst das erste in Österreich. Bis 2017 wurde es in fünf Schritten ausgebaut. Mit 1800 Mitarbeiter*innen zählt es zu den größten Arbeitgebern der Region. Fast die Hälfte von diesen und rund ein Drittel der Kundschaft stammt aus den Nachbarländern Ungarn und Slowakei. Es folgte das Fashion Outlet Parndorf (2005) und schließlich das Villaggio Fashion Outlet (2012). Villagio übernahm 2014 die Galerien Parndorf, benannte den Komplex in Fashion Outlet Pardorf um und erweiterte die Fläche auf nunmehr 27 500 Quadratmeter. 

Foto: Bruno Klomfar

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