Typologie der Geburtshilfe

Manuel Pestalozzi
6. Mai 2021
Im Zuge ihrer Abschlussarbeit hat die junge Architektin Josephine Herrmann runde Gebärlandschaften entworfen. (Visualisierung: Josephine Herrmann)

Gibt es eine prädestinierte architektonische Umgebung für die Geburt? Darüber hat sich Josephine Herrmann, selbst Mutter, in ihrer preisgekrönten Diplomarbeit an der TU Wien Gedanken gemacht.

»Das Licht der Welt – Typologie der Geburtshilfe in Wien«, so lautet der Titel der Diplomarbeit von Josephine Herrmann, die auf issuu gelesen werden kann. Die Autorin setzt sich darin aus architektonischer Perspektive mit dem Thema Geburt auseinander. Sie hinterfragt dabei auch etablierte Standards im Krankenhausbau kritisch. Auf ihre Arbeit wurde die Öffentlichkeit auf verschiedenen Wegen aufmerksam gemacht. So gibt es beispielsweise einen Podcast, der online abrufbar ist. Darin erläutert Herrmann, dass ihre Auseinandersetzung mit dem Thema auch einen persönlichen Hintergrund hat: Bei der Geburt ihres ersten Kindes in einem Wiener Spital habe sie am eigenen Leib erfahren, dass der falsche Raum und die falsche Architektur die Macht hätten, den Geburtsvorgang zu hemmen. Es habe, erinnert sie sich, etwa am Zugang zu Geburtshilfe oder einer Gebärbadewanne gefehlt.

Die Arbeit ist aber mehr als nur eine Kritik am Status quo. Sie enthält Vorschläge für eine bessere Geburtsraum-Architektur. In etlichen Zeichnungen und Visualisierungen hat Josephine Herrmann ihre Ideen dargestellt. Auffallend sind dabei die vielen Kreisformen oder abgerundeten Ecken. Qualitäten wie Bewegungsfreiheit, Ausblicke, Lichtatmosphären und Materialität misst sie eine große Bedeutung bei. Sie plädiert zum Beispiel für die Verwendung von natürlichen Materialien wie Holz. Eine runde Gebärlandschaft ermögliche, davon ist Herrmann überzeugt, werdenden Müttern maximalen Bewegungsspielraum. Sie könnten sich intuitiv in verschiedene Positionen begeben und ihre individuelle Position für die Geburt finden, schreibt sie.

Die Arbeit der jungen Architektin wurde unlängst mit dem Architecture for Health Students’ Award – gestiftet von der Christine und Hans Nickl Foundation und ausgelobt vom European Network Architecture for Health (ENAH) – ausgezeichnet. Mit dem Preis werden wegweisende Arbeiten von Student*innen, die sich mit dem Themenkomplex Bauen und Gesundheit auseinandersetzen, gewürdigt.

Die richtigen Oberflächen und Lichtatmosphären schaffen nebst der Raumform das bestmögliche Umfeld für die Geburt, meint Josephine Herrmann. (Visualisierung: Josephine Herrmann)

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie