Vom Sputnik-Schock zum »Bildungsschock«

Manuel Pestalozzi
10. März 2022
Die Schau ist in 35 thematische Stationen gegliedert. (Foto © Petra Rainer)

 

Die technischen und sozialen Umbrüche der 1960er- und 1970er-Jahre werden in der Ausstellungserläuterung als Folge des sogenannten Sputnik-Schocks gedeutet. Die Nachricht, dass es Sowjetunion gelungen war, einen ersten Satelliten in die Umlaufbahn der Erde zu schießen, verunsicherte im Jahr 1957 viele Menschen in den westlichen Ländern. Das Ereignis hatte tiefgreifende Auswirkungen: Allen voran die Vereinigten Staaten begannen in der Folgezeit mit Hochdruck daran zu arbeiten, ihren scheinbaren Rückstand in der Forschung aufzuholen. Schließlich war die Raumfahrt im Kalten Krieg von enormer strategischer, aber auch emotionaler Bedeutung. Große Investitionsprogramme für Forschung und Bildung wurden also nach 1957 im Westen aufgelegt.

Diese Initiativen hatten auch beträchtliche technisch-räumliche Folgen: Ganztagsschulen und Bildungszentren wurden gebaut, Reformuniversitäten gegründet und Sprachlabore eingerichtet. Erstmals wurde der Ausdruck »lebenslanges Lernen« geprägt. Darauf geht das Forschungs- und Ausstellungsprojekt »Bildungsschock – Lernern, Politik und Architektur in den 1960er- und 1970er-Jahren« des Berliner Hauses der Kulturen der Welt ein, das neu in Vorarlberg zu sehen ist. Es befasst sich mit der angesprochenen Epoche vor dem Hintergrund aktueller Debatten um die Beziehung von Bildung und Raum. Das macht die Schau für Architekt*innen in besonderem Maße interessant.

 

Die Ausstellung im Vorarlberger Architektur Institut geht auf die neuen Betrachtungsweisen der Architektur, die der »Bildungsschock« auslöste, ein. (Foto © Petra Rainer)

Das Ausstellungskonzept folgt dem Prinzip der Fallstudie. In 35 Stationen werden bestimmte Aspekt des globalen Bildungsgeschehens der 1960er- und 1970er-Jahre herausgearbeitet, darunter auch eminent architekturrelevante Themen wie »Das räumliche Gefüge des Lernens«, »Experimentalisierung des Sozialen« oder »Großraum – offenes Lernen«. Für die Ausstellung haben die mitwirkenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen die Archive durchforstet. Den Besucher*innen wird eine Epoche näher gebracht, die geprägt war von Experimenten und Aufbruchsstimmung, aber auch von Kritik und Zweifeln. Auch konkreten Anliegen der Gegenwart wird dabei Rechnung getragen; so ist der »Pandemie als Lernort« eine eigene Station gewidmet. 

Die Schau kann als Ressource für den Umgang mit den bildungspolitischen Krisen der Gegenwart und Zukunft dienen. Etwas bedauerlich ist, dass sie nicht mit regionalen Aspekten zu diesen globalen Themen angereichert wurde. Doch am 10. und 11. Juni bieten die Architekturtage 2021/2022 eine entsprechende Ergänzung: Es werden unter dem Motto »Architektur und Bildung: Leben Lernen Raum« in ganz Österreich innovative Bildungsbauten und Konzepte vorgestellt. Die Ausstellung im Vorarlberger Architektur Institut in Dornbirn ist noch bis zum 25. Juni 2022 geöffnet.

 

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