Wien: Zoff um den Paragrafen 69

Manuel Pestalozzi
14. Juni 2021
In Wien gibt es zahlreiche Aufbauten auf historischen Bauten. Möglich wird dies durch die örtliche Bauordnung. Während die einen das begrüßen, schäumen andere. Das Foto zeigt eine Aufstockung an der Nibelungengasse von  RLP Rüdiger Lainer + Partner. (Foto © Hubert Dimko)

Der Paragraf 69 der Wiener Bauordnung regelt »unwesentliche Abweichungen von Bebauungsvorschriften« – und formt so die Stadt wesentlich mit. Doch die Mehrheit der Bevölkerung lehnt den »Verbauungs-Paragrafen« laut einer neuen Umfrage ab. 

»Wie man ihn dreht und wendet, immer besticht der 69er der Wiener Bauordnung durch perfekte Passform. Die einen wenden ihn an, um sinnvollerweise Gründerzeitbauten mit außen gelegenen Liftanlagen nachrüsten zu lassen oder neuen Wohnraum zu schaffen. Die anderen argumentieren mit ihm, um Großprojekte (oft sogar in denkmal- oder naturgeschützter Umgebung) durchzubekommen«, schrieb im Jahr 2004 der Standard. Offenbar ist die Beliebtheit des Paragrafen 69 eine Frage des Blickwinkels; Bauwillige und die Planungsbranche erkennen in ihm vielfältige Chancen bei der Projektierung, die breite Öffentlichkeit hingegen befürchtet eine Verschandelung der an etlichen Stellen architektonisch außergewöhnlich schönen Hauptstadt.

»Dachausbau Horror« – so titelte nun die Kronen Zeitung und widmete sich sodann der »Volksmeinung« zum Paragrafen 69. Konkreter Anlass für den kritischen Beitrag ist zuvorderst der Abriss des beliebten »Leiner« in der Mariahilfer Straße. Das bekannte Möbelhaus wird durch eine KaDeWe-Filiale (Kaufhaus des Westens) ersetzt, entworfen vom international bekannten niederländischen Architekturbüro OMA (Office for Metropolitan Architecture). Die Redaktion der Kronen Zeitung urteilt, es werde hier ein wertvoller Altbau abgebrochen, um »ein seelenloses Einkaufszentrum hinzuklotzen, das auch dank Paragraf 69 nach oben wuchern soll«. Den Zusammenhang zwischen dem Entwurf und dem Paragrafen wird den Leser*innen nachher zwar nicht näher erläutert, dafür aber werden in der Online-Version des Artikels die »Auswüchse« auf historischen Bauten mit einer interessanten Fotoserie dokumentiert. Die Kritik der Zeitung richtet sich in besonderem Maße gegen den Grünraum auf dem Dach des neuen Gebäudes.

Der Entwurf einer KaDeWe-Filiale von OMA spaltet die Gemüter. Die Redaktion der Kronen Zeitung sieht in der grünen Dachlandschaft eine »Wucherung«, die dem Pargrafen 69 der Wiener Bauordnung zu verdanken sei. (Visualisierung © OMA)

Zudem präsentiert das Blatt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie und Datenanalyse, die den umstrittenen Paragrafen zum Gegenstand hat. »Die Mehrheit der Befragten«, bilanziert dort der Meinungsforscher Christoph Haselmayer, »interpretieren den Paragrafen 69, nachdem sie die Bestimmung gelesen haben, als Verbauungs-Paragraf«. 54 Prozent seien dieser Meinung, 20 Prozent teilten sie nicht und der Rest enthalte sich.

Es bleibt spannend, ob und wie die Meinung der Bevölkerungsmehrheit künftige Bauvorhaben in der Stadt beeinflusst. Denn Dachaufbauten sind ein probates Mittel zur bei vielen unbeliebten, aber doch notwendigen Nachverdichtung.

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