Generalsanierung Landtagsgebäude in Stuttgart von Staab Architekten und Licht Kunst Licht

Ein Himmel für die Politik

4. September 2017
In der Nachtansicht hat sich nach der Generalsanierung des Stuttgarter Landtagsgebäudes vordergründig nicht viel verändert. (Bild: Marcus Ebener / Licht Kunst Licht)
Das Gebäude des Landtags Baden-Württemberg in Stuttgart war 1961 der erste Parlamentsneubau im Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und Aufbruch in ein neues Selbstverständnis. Diesen Gedanken will auch die jüngste Generalsanierung von Staab Architekten und Licht Kunst Licht fortsetzen.
Projekt: Generalsanierung des Gebäudes des Landtags Baden-Württemberg (Stuttgart, DE) | Architektur: Staab Architekten GmbH (Berlin, DE) | Lichtplanung: Licht Kunst Licht AG (Bonn/Berlin, DE) | Bauherr: Land Baden-Württemberg, vertreten durch den Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg (Stuttgart, DE) | Hersteller 1: Trilux GmbH & Co. KG / RSL (Arnsberg, DE), Kompetenz: Lichtlinien, Deckeneinbauleuchten, Downlights | Hersteller 2: EControl-Glas GmbH & Co. KG (Plauen, DE), Kompetenz: dimmbares Sonnenschutzglas | weitere Projektbeteiligte siehe unten
Anfang der 1960er-Jahre herrschte in Deutschland zumindest architektonisch die Nachkriegsmoderne vor, die bekannte Werke hervorbrachte wie den Kanzlerbungalow in Bonn (1963-64) von Sep Ruf, das Dreischeibenhochhaus in Düsseldorf (1957-60) von HPP oder die Siemens-Zweigniederlassung in Saarbrücken (1962-66) von Peter von Seidlein. Und natürlich waren Entwürfe wie der deutsche Pavillon auf der Weltausstellung 1958 von Sep Ruf und Egon Eiermann wie auch die Architektur des Mies van der Rohe in aller Munde. In diesem architektonischen Fahrwasser entstand 1961 das neue Parlamentsgebäude des Landtags von Baden-Württemberg, dessen Entwurf auf dem Wettbewerbsbeitrag von Kurt Viertel basiert, der vom damaligen Leiter der Bauverwaltung Horst Linde (im vergangenen Herbst mit 104 Jahren leider verstorben) zusammen mit Erwin Heinle errichtet wurde. Der Bau war damals der erste Parlamentsneubau in einem noch jungen Europa, dem der Zweite Weltkrieg noch bestens in Erinnerung war. Umso mehr war ein solches Vorhaben politisch aufgeladen, denn es ging um nicht weniger, als die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in ein neues Selbstverständnis aufzubrechen. So zeigt das Gebäude durch große Fensterflächen viel vom dem, was innen geschieht. Lediglich der Parlamentssaal ist geschlossen, introvertiert und fensterlos, eine Art geschütztes Herz und Schmiede der Zukunft. Das war für damalige Verhältnisse einzigartig und wurde nur noch ein paar Jahre später vom Neubau des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe (1965-69) von Architekten dem Paul Baumgarten übertroffen, der eine kompromisslose und völlige Transparenz bis ins Innere schuf.
Das Bauwerk wurde 1961 im Stil der Nachkriegsmodern errichtet und ist ein Stahlskelettbau, der heute unter Denkmalschutz steht. (Bild: Marcus Ebener / Licht Kunst Licht)
Bei der nun anstehenden Generalsanierung des rund 50 Jahren alten Bauwerks mussten zwei schwer vereinbare Ziele zusammengebracht werden: Ohne die Denkmaleigenschaft des Bauwerks zu beeinflussten sollte es modernisiert, energetisch ertüchtigt und mit zusätzlichem Licht für den Plenarsaal versorgt werden. Das ideale Team für dieses Vorhaben fanden die Bauherren in dem Architekten Volker Staab / Staab Architekten und dem Lichtplaner Andreas Schulz / Licht Kunst Licht, die bereits einige preisgekrönte Projekte gemeinsam gestemmt haben. Grundcharakter ihrer Arbeit ist, dass die zahlreichen Veränderungen am Ende zwar spürbar, aber nicht sichtbar sein sollen.

Das Raumkonzept der Foyers und Büros musste dafür nicht verändert werden, da es auch nach dieser langen Zeit noch erstaunlich zeitgemäß ist. Neu ist hier allenfalls die Beleuchtung, nun komplett aus LEDs. Sie nimmt die Zonierung und Schlichtheit des Ursprungsbaus auf und bewahrt so den Charme des Bestands. Änderungen geschehen nur im Kleinen, etwa wenn die Deckenleuchten im Foyer symmetrisch auf die Säulen abgestimmt werden, die Treppenhausblöcke mit umlaufenden LEDs inszeniert werden oder die Reliefwand vor dem Restaurant mit ihren Fossilien aus der Jurazeit durch schwenkbare LED-Strahler inszeniert werden. All diese Maßnahmen dienen vor allem der Außenwahrnehmung des Gebäudes, durch dessen konsequent transparente Hülle mit nur wenigen Bronze-Verkleidungen bei Dunkelheit ein heller Kern nach außen strahlt.
Die formale Klarheit im Innenraum ist auch nach der Generalsanierung als Markenzeichen des Entwurfs erkennbar. (Bild: Marcus Ebener / Licht Kunst Licht)
Die thermische Behaglichkeit in den Büros wurde – ohne die originalen Fassadenpaneele anzutasten – durch eine zweite, innenliegende Glasfassade gelöst. Jalousien im so entstandenen Zwischenraum sorgen für Verschattung. Zusätzlich ist in der Wandelhalle ein freistehender Aufzug entstanden, der genau genommen bereits Teil des von Henning Larsen Architects erreichteten Bürger- und Medienzentrums ist und das Landtagsgebäude mit dem davor im Boden angeordneten Neubau verbindet.

Wichtigster Teil der Generalsanierung allerdings war die Neugestaltung des Plenarsaals. Er war bisher fensterlos, erhellt von zahlreicher künstlicher Beleuchtung, durch das helle Holz der Wandverkleidung zwar freundlich im Charakter, dennoch gestalterisch wie eine Grube, in der die Abgeordneten sitzen mussten, beäugt von den Zuschauern auf den Rängen darüber. Verständlich ist also der Wunsch, diesen Raum zumindest ein Stück weit zu öffnen, was Staab Architekten durch vier verglaste Wandöffnungen schaffen, die die Saalebene mit der Wandelhalle verbinden und so schließlich einen Blick nach draußen ermöglichen. Als Reminiszenz an den alten Saal wurden Geometrie und Proportion der originalen Holzauskleidung in die Gestaltung der Oberflächen übernommen.
Vier große Wandöffnungen erlauben nun den Durchblick von der Plenarsaalebene ins Foyer und dahinter schließlich in den Oberen Schlossgarten. (Bild: Marcus Ebener / Staab Architekten)
An der Decke des Plenarsaals befindet sich einer der wichtigsten Eckpunkte der Sanierung: Eine Tages- und Kunstlicht-Decke zaubert den Abgeordneten einen Himmel ins Gebäude, wodurch der direkte Außenbezug erst richtig spürbar wird. Um das zu erreichen, wurden 12 kreisrunde Oberlichter mit einem Durchmesser von 2,60 m und 36 Oberlichter mit einem Durchmesser von 0,80 m in das Flachdach gebracht. Gerade so viel also, dass die Denkmaleigenschaft erhalten bleiben konnte. Sie sind zunächst mit elektrochromen Gläsern versehen, dimmbares Sonnschutzglas (zweifach Isolierglas) also, die sich elektrisch verdunkeln lassen, um den Licht- und Wärmeeintrag bei Bedarf zu verringern (Econtrol).

Das Licht fällt dann zunächst in Kunststoffröhren, die an der Decke hängen und mal als kurze Zylinder oder als sich nach unten verjüngende Kegelstümpfe ausgebildet sind. Die Zylinder sind mit einer hochreflexiven Folie vergekleidet, enden nach etwa 50 cm und werfen so ihr komplettes Licht in den Deckenzwischenraum. Die Kegelstümpfe hingegen, deren Wandungen das Licht zu einem Teil in den Zwischenraum lassen und den anderen Teil durch glatte Flächen nach unten transportieren, reichen bis in die abgehängte Deckenebene, die ebenfalls aus transluzentem Material besteht, und durchstoßen diese. Von unten ist so der Himmel sichtbar.
Wie eine Art Wolkenhimmel schimmert die Decke des neuen alten Plenarsaals, ein Mix aus Tages- und Kunstlicht. (Bild: Marcus Ebener / Licht Kunst Licht)
Um die Zylinder und Kegelstümpfe herum sind zusätzlich lineare LED-Leuchten angeordnet, gedreht um jeweils 30°, damit die Zylinder, Kegelstümpfe und die Decke gleichmäßig beleuchtet werden. Nach Bedarf kann so das Tageslicht durch Tunable-White-Kunstlicht mit Farbtemperaturen zwischen 2.700 und 6.500 K ergänzt werden – Human Centric Lighting für die Abgeordneten also. Die Beleuchtungsstärke, im Normalbetrieb auf 500 bis 600 lx eingestellt, kann bis zu 1000 lx erhöht werden, was vor allem für Fernsehkameras wichtig ist. Das alles schließlich ist DALI-gesteuert und per Touch Panel abrufbar. So haben die Architekten und vor allem die Lichtplaner von Licht Kunst Licht eine Mischung aus diffusem und direktem Licht geschaffen, das dem Plenarsaal Lebendigkeit und Tiefe verleiht und den Raum ungemein bereichert – und von jedem Sitzplatz aus die direkte und weitestgehend ungehinderte Sichtverbindung zum Himmel gewährleistet.
Verschieden große und lange Lichtkegel und -zylinder leiten das Tages- und Kunstlicht intelligent durch die transluzente Decke. (Bild: Trilux)
Der konisch zulaufende Kegelsumpf der Lichtöffnungen verkürzt optisch die Deckenstärke und scheint den Himmel an die Kante der Lichtdecke heranzuführen. (Bild: Michael Tümmers / Licht Kunst Licht)
Die 48 großen und kleinen, kreisrunde Oberlichter sind mit einem Glas ausgestattet, das sich verdunkeln lässt. (Bild: Michael Tümmers / Licht Kunst Licht)
Lageplan (Quelle: Staab Architekten)
Grundrisse Obergeschoss, Hauptgeschoss, Erdgeschoss, Schnitt (v.l.o.n.r.u.) (Quelle: Staab Architekten)
Die linearen LED-Leuchten sind in einem Winkel angeordnet, um die Zylinder, Kegelstümpfe und die gesamte Lichtdecke optimal auszuleuchten. (Bild: Marcus Ebener / Staab Architekten)
Die Innenseite der Kegelstümpfe ist glatt und leicht spiegelnd, die Außenseite erhielt durch ein spezielles Lackierungsverfahren eine raue Haptik, wodurch das Licht gestreut wird. (Bild: Marcus Ebener / Staab Architekten)
Im Restaurant des Landtags bildet eine sich durch den Raum schlängelnde Lichtlinie ein grafisches Element in Anlehnung an die geraden Lichtlinien in den Geschossen darüber. (Bild: Marcus Ebener / Licht Kunst Licht)
Vor allem bei Dunkelheit ist de architektonische Dramaturgie des Hauses gut ablesbar: Die Bronzeverkleidung und die getönten Scheiben fassen die beiden Obergeschosse zu einem kraftvollen Kubus zusammen. (Bild: Trilux)
Projekt
Generalsanierung des Gebäudes des Landtags Baden-Württemberg
Stuttgart, DE

Generalsanierung/Architektur
Staab Architekten GmbH
Berlin, DE

Lichtplanung
Licht Kunst Licht AG
Bonn/Berlin, DE

Projekt- und Teamleitung: Benjamin Dorff, Maik Czarniak
Projektteam: Tanja Baum, Edwin Smida

Bauherr
Land Baden-Württemberg
vertreten durch den Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg
Stuttgart, DE

Hersteller 1
Trilux GmbH & Co. KG / RSL
Arnsberg, DE

Kompetenz
Sonderanfertigung Lightpipes und LED-Lichtlinien, Deckeneinbauleuchten Belviso (leicht adaptiert)

Hersteller 2
EControl-Glas GmbH & Co. KG
Plauen, DE

Kompetenz
dimmbares Sonnenschutzglas

weitere Hersteller
Möblierung: Walter Knoll AG & Co. KG (George Drehstuhl, Foster 500, Leadchair Executive)

Auszeichnungen
Deutscher Architekturpreis 2017
Hugo-Häring-Auszeichnung 2017

Fertigstellung
2016

Fotografie
Marcus Ebener
Michael Tümmers
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