Pavillon der Norman Foster Foundation in Madrid von Norman Foster

Glänzend eingepasst

18. September 2017
An der Straßenseite kaum auffällig: Der Pavillon der Norman Foster Foundation in Madrid schiebt sich quasi zwischen zwei Häuser. (Bild: Guillermo Rodríguez / Frener&Reifer)
In Madrid hat der Londoner Architekt Norman Foster dieses Jahr eine Stiftung zum interdisziplinären Denken und Forschen ins Leben gerufen. Neu neben dem historischen Haupthaus ist ein Pavillon mit nahezu transparenter Fassade und glänzender Konstruktion.
Projekt: Pavillon der Norman Foster Foundation (Madrid, ES) | Architektur: Design studio of the Norman Foster Foundation – Norman Foster, David Delgado, Raúl Gómez and Jorge López (Madrid, ES) | Bauherr: Norman Foster Foundation (Madrid, ES) | Hersteller: Frener & Reifer (Brixen, IT), Kompetenz: Konstruktion und Bau der Fassade
Ein historischer, denkmalgeschützter Palast aus der Feder des Architekten Joaquín Saldaña (1870 – 1939) in Madrid dient der Norman Foster Foundation seit dem 1. Juni dieses Jahres – übrigens dem 82. Geburtstag von Sir Norman Foster – als Headquarter. Der selbst definierte Anspruch dieser Institution ist es, interdisziplinäres Denken und Forschen zu fördern und die kommenden Architekten-, Designer- und Stadtplaner-Generationen bei der Gestaltung der Zukunft zu unterstützen. «It has been said that if you wish to see far ahead in time then you must first look back to see lessons from the past», beginnt Norman Foster seine ganz persönliche Reflexion auf der Stiftungs-Homepage und sinniert auch über das Leben als ein Architekt, der mittlerweile auf eine über fünf Jahrzehnte andauernde Schaffensperiode zurückblicken kann.

Die Norman Foster Stiftung indessen ist zwar in Madrid beheimatet, will zukünftig aber weltweit agieren. Ergänzend zu dem historischen Gebäude hat Norman Foster in eine Lücke zum Nachbargebäude einen Pavillon erbaut, der als flexibler Raum für Ausstellungen und Veranstaltungen dienen wird. Auf die baulich heterogene Umgebung aus klassischen und moderneren Gebäuden reagiert er dabei mit einer gestalterisch klaren Architektur, die sich im Foster‘schen Sinne stark zurück nimmt zugunsten des historischen Bestands und der gezeigten Exponate.
Mit den Ausstellungen und Konferenzen, die im Pavillon künftige stattfinden sollen, will die Stiftung eine ganzheitliche Sicht auf Architektur, Design, Technologie und Kunst eröffnen. (Bild: Guillermo Rodríguez / Frener&Reifer)
Die Grundidee für den asymmetrischen, schmalen und dafür langen Raum, der zwischen den Häusern für den Pavillon zur Verfügung stand, ist zunächst recht simpel: Auf einer geschlossenen Rückwand ruht ein innen spiegelndes Dach, das den Raum optisch nach oben verdoppelt. Die zwei Haupt-Fassadenflächen funktionieren dabei allerdings gänzlich ohne Stützen. Tragende Funktion übernimmt die Glasfassade selbst, die aus neun bis zu 7 x 3 m großen, fünfschichtigen Scheiben besteht.

Entwickelt hat Norman Foster die Konstruktion gemeinsam mit Franz Reifer, stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats bei Frener & Reifer. Foster ist speziell dafür im Oktober 2016 nach Brixen gereist, um an den technischen Details zu tüfteln. Die Zeit drängte, schließlich sollte der Pavillon bereits wenige Monate nach diesem Planungsstartschuss eröffnet werden können. Möglich war dies schlussendlich nur durch die Vorfertigung aller Fassaden- und Türelemente, die just-in-time nach Madrid transportiert wurden. Vor Ort mussten die Teile dann nur noch über das dreigeschossige, historische Haus der Stiftung gehoben, in eine an ihrer schmalsten Seite nur 2,50 m breiten Häuserschlucht gefädelt und schließlich montiert werden.
Zum Innenhof lässt sich der Pavillon über eine Wendeflügeltür großzügig öffnen. (Bild: Guillermo Rodríguez / Frener&Reifer)
Eine Herausforderung für die Ingenieure war unter anderem die Wendeflügeltür am Eingang zum Pavillon: Mit der Größe von 5,60 x 2,80 m und einem Gesamtgewicht von rund 3 Tonnen musste sie sich dennoch sehr elegant in den Entwurf einfügen. Gestalterisch gelöst wird das über filigrane Profile aus glasperlengestrahltem, spiegelpoliertem Edelstahl mit einer Sichtkante von nur 8 mm und eine verdeckte tragende Stahlstruktur. Direkt daneben befindet sich eine weitere Glas-Drehtür, die trotz ihrer Größe neben ihrem großen Bruder allerdings recht normal dimensioniert wirkt. So ist eine sehr transparente, stützenlose und 160 m² große Glasfassade entstanden, die dem Raum einem besonders offenen, nahezu grenzenlosen Charakter verleiht. Unterstützt wird dieser Effekt durch die vielen spiegelpolierten Stahlemente, die sich eher immateriell geben.

Der Außenraum, der Innenhof der Foundation also, ist von einer Art Sonnenschirm überdacht, der von der spanischen Künstlerin Cristina Iglesias entworfen wurde. Ihre Arbeit «The Ionosphere (A Place of Silten Storms)» besteht aus mehreren leichten Carbonfaser-Mustern, deren Gestalt aus einem Text aus dem Science-Fiction-Roma «The Fountains of Paradise» (dt. Fahrstuhl zu den Sternen) generiert ist. Und noch eine Besonderheit wartet auf den Architekturfreund: Im Pavillon steht ein 1927er Avions Voisin C7, der originale, historische Wagen von Le Corbusier, das auf vielen Fotografien seiner frühen Arbeiten zu sehen ist. Madrid ist seit dem 1. Juni 2017 also umso mehr wieder eine Reise wert.
Filigran fügen sich die wenigen sichtbaren Stahl-Rahmenelemente, die zum Teil aus spiegelpoliertem Edelstahl bestehen. (Bild: Guillermo Rodríguez / Frener&Reifer)
Freude am Detail: Zwischen Naturstein und Edelstahl entsteht eine fingerbreite Schattenfuge. (Bild: Guillermo Rodríguez / Frener&Reifer)
Die Ecklösung ist bei Konstruktionen, die vor allem filigran sein wollen, eine besondere Herausforderung für den Architekten. Es grüßt Mies van der Rohe. (Bild: Guillermo Rodríguez / Frener&Reifer)
Im ebenfalls polierten Dachabschluss – hier zur Straßenseite hin – spiegelt sich die historische Fassade des Haupthauses. (Bild: Guillermo Rodríguez / Frener&Reifer)
Auch der Türgriff ist eine Spezialanfertigung nach dem Entwurf Norman Fosters. (Bild: Luis Asín / Foster and Partners)
Axonometrie und Grundriss (Quelle: Foster and Partners)
Konstruktionsschnitt vertikal Türportal mit Oberlicht, Türoportalrahmen und Türflügel (Quelle: Foster and Partners)
Konstruktionsschnitt vertikal Anschluss zum Dach (Quelle: Foster and Partners)
Konstruktionsschnitt horizontal Eckfassade: In die Glasfugen wurden zur optischen Verbesserung zusätzlich spiegelpolierte Edelstahlprofile eingesetzt. (Quelle: Foster and Partners)
Entwurfsskizzen von Norman Foster (Quelle: Foster and Partners)
Entwurfsskizzen von Norman Foster (Quelle: Foster and Partners)
Skizze Entwurfsidee von Norman Foster (Quelle: Foster and Partners)
Mit seiner Stiftung will der 82-jährige Norman Foster zukünftigen Architektengenerationen eine interdisziplinäre Anlaufstelle bieten. Im Hintergrund: Le Corbusiers 1927er Avions Voisin C7. (Bild: Guillermo Rodríguez / Frener&Reifer)
Projekt
Pavillon der Norman Foster Foundation
Madrid, ES

Architektur
Design studio of the Norman Foster Foundation
Norman Foster, David Delgado, Raúl Gómez and Jorge López
Madrid, ES

Bauherr
Empty SL und BAUobras SL
Madrid, ES

Hersteller
Frener & Reifer GmbH
Brixen, IT

Kompetenz
Konstruktion und Bau der Fassade

weitere Hersteller
Glasscheiben: Sedak GmbH & Co. KG
Stahldecke: Kikukawa Kogyo Co Ltd
Galsvitrine: Crisel Glass SL, Nerpaser SL

Architekt vor Ort
BAUproyectos SLP
Miguel Kreisler, Ángel Jaramillo
Madrid, ES

MEP-Ingenieur (Mechanical, electrical and plumbing)
R. Urculo Ingenieros Consultores SA
Rafael Úrculo
Madird, ES

Tragwerk
Euteca Proyectos y Estructuras SLP
Juan de la Torre
Madrid, ES

Fassade
Eckersley O’Callaghan Ltd
James O’Callaghan
London, GB

Licht
Años Luz Iluminación de Vanguardia SL
Javier Martín
Madrid, ES

Fertigstellung
2017

Fotografie
Guillermo Rodríguez
Luis Asín
 
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