Fortyseven & Co in Frankfurt am Main von TEK TO NIK Architekten

Natursteinwelle

12. März 2017
Die Mainzer Landstraße in Frankfurt am Main wird geschmückt von einem Neubau mit dreidimensionaler Natursteinfassade von Tektonik Architekten. (Bild: Andreas Stimpert)
Die von eher praktisch-nüchterner Büroarchitektur geprägte Mainzer Landstraße in Frankfurt am Main hat einen neuen Baustein aus der Feder von Tektonik Architekten erhalten, dessen aufwändige Natursteinfassade für Bewegung im Straßenbild sorgt.
Projekt: Büro- und Geschäftshaus Fortyseven & Co (Frankfurt am Main, DE) | Architektur: TEK TO NIK Architekten und Generalplaner GmbH (Frankfurt am Main, DE) | Bauherr: Projektgesellschaft Mainzer Landstraße 47 (Frankfurt am Main, DE) | Hersteller: Hofmann Naturstein GmbH & Co. KG (Werbach-Gamburg, DE), Kompetenz: Creme Royal, Kalkstein, weiß, geschliffen C60 | vollständige Bautafel siehe unten
Allseits bekannt ist Frankfurt am Main etwa für seine zahlreichen Banken, und mit ihnen für eine architektonische Atmosphäre in der Innenstadt, die von einigen ansehnlichen und vielen eher mittelmäßigen Bauten geprägt ist. Das war nicht immer so, denn vor dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt bekannt für ihren «Frankfurter Stil», eine Epoche der Baukunst aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, die das Bild der damaligen freien Reichsstadt vor dem Krieg maßgeblich prägte. Wie in vielen deutschen Städten wurden auch in Frankfurt die meisten Gebäude zerstört. Die Stadt musste sich baulich also neu erfinden, was – so die Meinung vieler Frankfurter – nicht immer zum Vorteil war. Auch die Mainzer Landstraße zwischen Hauptbahnhof und Taunusanlage ist von einer gestalterischen Gleichgültigkeit geprägt, die eher zum Vorbeifahren animiert. Als das Gebäude in der Mainzer Landstraße 47 aus den 1960er-Jahren mit Vorhangfassade und horizontalen Fensterbändern 2012 den Eigentürmer wechselte, wurde bald klar, dass ein Neubau unumgänglich ist, nicht zuletzt um den Anforderungen an ein Bürogebäude sowie der Flexibilität in der Grundrissplanung gerecht zu werden. Ein zusätzlicher, geladener Fassadenwettbewerb führte schließlich dazu, die ebenfalls in Frankfurt beheimateten Tektonik Architekten mit dem Bau zu beauftragen. Die erdachten ein Bauwerk, das den Fokus auf die Fassade als gestalterisch-städtebauliches Zeichen legt und bewusste die Anknüpfungspunkte an den historischen «Frankfurter Stil» aufnimmt. Der Neubau ist als Stahlbetonskelettbau mit den gleichen Dimensionen wie sein Vorgängerbau konzipiert. Die hochwärmegedämmte und selbsttragende Vorhangfassade gründet auf einem gleichmäßigen Raster aus 8 x 8 quadratischen Fensteröffnungen mit einem zentralen, zweigeschossigen Eingangsbereich.
Das Fassadenbild ist durch das Vor- und Zurückspringen der Elemente optisch in ständiger Bewegung. (Bild: Andreas Stimpert)
Viel Raum für Gestaltung blieb den Architekten bei der Planung der Fassade jedoch nicht, denn den größten Anteil der 625 m² großen Fassadenfläche nehmen die angenehm 3 x 3 m großen Fenster ein. So haben die Architekten die die Fenster umgebenden Lisenen plastisch dreidimensional geformt, mit vor- und rückspringenden Elementen. In der Summe ergeben sie einen wellenartigen Rhythmus. Das Fassadenbild ist dadurch ständig in Bewegung, nicht zuletzt durch die wechselnden Lichtverhältnisse der nach Nordwesten ausgerichteten Fassaden, verstärkt noch durch ein immer wieder auftreffendes Streiflicht. Die Logik dieses Entwurfs beruht auf einem zweigeschossigen Raster, bei dem die Lisenen zwischen vier Fenstern ein hervortretendes Kreuz ergeben. Besonders an der Konstruktion ist das Material: Was man zunächst aus Beton vermuten würde, ist hier mit Naturstein, genauer: gratiniertem, beigem portugiesischem Kalkstein (Hofmann Naturstein) realisiert. Die Lisenen wurden mithilfe einer speziellen 5-Achsfertigungstechnik gefräst und sind bis zu 3 m lang und 800 kg schwer – eine bis dahin einmalige Konstruktion, die auch unter den Projektpartnern immer wieder für Diskussionsstoff sorgte. Die hohe Wertigkeit des Natursteins und die garantierte Machbarkeit ließen letztendlich aber keinen Zweifel mehr daran. Vor Ort wurden die 50 Einzelteile dann wie ein großes, nahezu fugenloses Natursteinpuzzle zusammengesetzt, was angesichts der am Bauplatz beengten Lagerungsverhältnisse auch eine logistische Herausforderung war. Die Elemente musste jeweils just-in-time geliefert und sofort eingebaut werden mussten. Die Fassadenelemente wurden über Edelstahldornen schließlich am Stahlbetonskelett fixiert, Sonnenschutz und Regenrinnen sind unsichtbar hinter den Natursteinlisenen versteckt. Insgesamt wurden 60 m³ Naturmassivstein mit einem Gewicht von 116 t verbaut. Für die Architekten ist das Ergebnis eine langlebige, ökologische und ökonomische Art der Fassadengestaltung und Realisation, die schon in sich allein einen wegweisenden Fortschritt in der plastischen Gestaltung von Stadträumen beinhaltet. Für die Stadt Frankfurt am Main bedeutet der Neubau ein Kleinod in der Mainzer Landstraße, der sich mit intelligenter Fassadengestaltung und besonnener Materialwahl der allzu oft uninspirierten Architektur an diesem Ort entgegen stellt.
Gestalterische Klarheit in der Fassade bringt auch das geschickte Verstecken etwa des Sonnenschutzes hinter den Natursteinelementen. (Bild: Andreas Stimpert)
Bis zu 3 m lang sind die Lisenen, was in dieser Dimension bei anderen Projekten bisher nur mittels Betonfertigteilen gebaut wurde. (Bild: Andreas Stimpert)
Raumhohe und ebenso breite Fensteröffnungen lassen viel Licht in den Innenraum und ermöglichen dort einen starken Bezug nach außen. (Bild: Andreas Stimpert)
Grundrisse Erdgeschoss und Regelgeschoss (Quelle: TEK TO NIK)
Fassadendetail (Quelle: TEK TO NIK)
An Halterungen aus Edelstahl werden die Natursteinelemente über Edelstahldornen befestigt. (Bild: TEK TO NIK)
Nur wenig Platz blieb den Arbeitern vor Ort, weswegen das Lagern der Fassadenelemente dort nicht möglich war. (Bild: TEK TO NIK)
Die Experten von Hofmann Naturstein erhielten direkt von den Architekten die Daten der CAD-Planung. Mitte: Manfred Wenzel. (Bild: TEK TO NIK)
Mit einer speziellen 5-Achs-Fertigungstechnik wurden die Steine zu Lisenen geschnitten und gefräst. (Bild: TEK TO NIK)
«Creme Royal» nennt Naturstein Hofmann den beim Neubau Fortyseven & Co verwendeten sein, ein sehr heller, feiner Kalkstein, der in C 60 geschliffen wurde. (Bild: Naturstein Hofmann)
Auch das vervollständigt das Bild: So sah der Vorgängerbau mit horizontalen Fensterbändern aus. (Bild: TEK TO NIK)
Projekt
Büro- und Geschäftshaus Fortyseven & Co
Frankfurt am Main, DE

Architektur
TEK TO NIK Architekten und Generalplaner GmbH
Manfred Wenzel
Frankfurt am Main, DE

Hersteller
Hofmann Naturstein GmbH & Co. KG
Werbach-Gamburg, DE

Kompetenz
Creme Royal, Kalkstein, weiß, geschliffen C60

Bauherr
Projektgesellschaft Mainzer Landstraße 47:
Max Baum Immobilien
Frankfurt am Main, DE
und
Competo Capital Partners GmbH
München, DE

Tragwerk
Bollinger & Grohmann GmbH
Frankfurt am Main, DE

Bauleitung
Dobberstein Architekten Realisierungsmanagement
Frankfurt am Main, DE

Fertigstellung
Ende 2015

Fotografie
Andreas Stimpert
TEK TO NIK Architekten
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