Port House in Antwerpen von Zaha Hadid Architects

Schiff auf Haus

7. März 2017
Zaha Hadid Architects haben in Antwerpen das – noch mit Zaha Hadid persönlich entworfene – Port House fertiggestellt. (Bild: Hélène Binet / ZHA)
Wie geht man mit einem historischen Gebäude an einem weithin sichtbaren Ort um, das baulich ergänzt werden soll? Zaha Hadid Architects stellt den Anbau nicht daneben, sondern drüber – mit historisch wie architektonisch fundierter Begründung.
Projekt: Port House (Antwerpen, BE) | Architektur: ZHA Zaha Hadid Architects (London, GB) | Bauherr: Hafenbehörde Antwerpen (Antwerpen, BE) | Hersteller: Schüco International KG (Bielefeld, DE), Kompetenz: Fassadensonderkonstruktion Aluminium | vollständige Bautafel siehe unten
Antwerpen in Belgien ist eine Stadt mit reicher Vergangenheit, die ihr ohne Zweifel die günstige Lage mit direktem Zugang zur Nordsee über die Schelde gebracht hat. Im 15. und 16. Jahrhundert führte das sogar dazu, dass Antwerpen eine der größten Städte der Welt war, somit wichtige Handelsmetropole und auch bedeutendes kulturellen Zentrum in Europa. Auch heute ist diese Vergangenheit in der Innenstadt mit ihren vielen historischen Gebäuden noch deutlich spürbar. Nach wie vor spielt auch der Handel eine große Rolle, vor allem durch den Hafen, der (gemessen am Landungsaufkommen) der zweitgrößte in Europa nach Rotterdam ist. Antwerpen ist eine Stadt am Wasser, in der die Seefahrt omnipräsent ist. Diese Grundstimmung hatten auch die Architekten von Zaha Hadid Architects vor Augen, als sie für die Hafenbehörde von Antwerpen den neuen Hauptsitz entwarfen. Deren altes Gebäude aus den 1990er-Jahren war mittlerweile zu klein geworden; so entschied man sich im Jahr 2007, alle über 500 Mitarbeiter unter einem Dach unterzubringen und sich so fit für die Zukunft in dem ständig wachsenden Hafen zu machen. Zugute kam der Hafenbehörde, dass Feuerwache im Norden frei wurde, ein historisches Gebäude im hanseatischen Stil am Übergang vom alten zum neuen Hafen, das durch einen Nutzungswechsel für die Zukunft bewahrt werden sollte. So lobten die flämische Baubehörde und die Hafenbehörde einen Wettbewerb aus, dessen einzige Vorgabe war, das alte Gebäude zu erhalten. Für sich entscheiden konnten ihn Zaha Hadid Architects, mit einer Entwurfsidee, die freilich auch andere im Wettbewerb hatten. Aber, «they all combined the new with the old, but the design of Zaha Hadid Architects was the most brilliant», resümierte Marc Van Peel, Präsident der Hafenbehörde.
Gelegen an der nördlichen Stirnseite des Kattendijkdocks blickt der aufgeständerte Neubau in Richtung historischer Innenstadt. (Bild: Hufton + Crow / ZHA)
ZHAs Idee gründet auf drei Ansätzen, die gemeinsam mit Origin, einem Brüsseler Beratungsunternehmen für kulturelles Erbe, analysiert wurden: Das bestehende Gebäude ist als rechteckiger Bau mit vier nahezu gleichen Fassaden ohne Hauptfassade errichtet. Hier einen Anbau zu schaffen, würde die nach allen vier Seiten gleiche Ausrichtung stören und einen falschen Fokus auf eine der Fassaden legen. Der Ort besitzt zudem durch das direkt anschließende Hafebecken «Kattendijkdok» sowie durch die vermittelnde Position zwischen altem, historischem und neuem Hafengebiet eine klare Nord-Süd-Ausrichtung, die sich auch im neuen Bau wiederfinden soll. Im Nordflügel des Bestandsbaus war ursprünglich außerdem ein Turm geplant, der jedoch nur bis zur Traufkante realisiert wurde. ZHAs Antwort auf diesen Rahmen ist ein (neues) Haus über dem (alten) Haus, das den Bestandsbau quasi nicht berührt, die ehemals ersonnene Vertikalität des Turms herstellt, und die Achse Altstadt-Hafen signalhaft hervorhebt. Der Entwurf des Neubaus indessen platzt dabei schier vor Anklängen an den Ort, die Stadt sowie die Themen Seefahrt und Hafen: Die Form des Riegels erinnert an einen Schiffsrumpf, die riesige Stütze, auf dem er ruht, an einen Hafenkran. Die den Bau umgebende Glasfassade schimmert im Licht wie Wasser und spiegelt die Farben der Umgebung. Betont wird das Bild der Welle noch durch ein Auffalten der Fassade der nördlichen Gebäudehälfte, die somit zum Heck des Gebäudeschiffs wird. Außerdem erinnert das Schimmern und die kristalline Struktur der Fassade an einen Edelstein, eine Referenz an Antwerpen, das gerne auch «Stadt der Diamanten» genannt wird.
Besonders die Ausbildung der Fassadenkurven war für alle Beteiligten eine große geometrische Herausforderung. (Bild: Hufton + Crow / ZHA)
Die dreidimensional geformte Fassade war dabei eine der größten Herausforderungen. Die Sonderkonstruktion besteht aus dreieckigen Segmenten, wodurch die komplizierte Formung erst ermöglicht werden konnte. Der Fassadenbauer, der von den Architekten die Knotenpunkte als parametrische Bezugspunkte für seine Planung erhielt, fertigte und montierte so viele Komponenten wie möglich vor. Kein Element glich dem anderen, was zudem eine komplizierte Logistik und Organisation erforderte. Geprüft nach Akustik, Luft- und Wasserundurchlässigkeit wurde vom Hersteller Schüco, wobei die Anforderungen bedingt durch den Standort durchaus sehr hoch waren. «Die Testergebnisse wurden nicht nur bei der technischen Planung berücksichtigt, sondern auch in den Entwurf integriert», versichert Etienne Clinquart, Direktor beim Fassadenbauer Groven+. Die meisten der dreieckigen Segmente sind transparent, einige opak, um die Sonneneinstrahlung zu verringern und auch das Gebäudevolumen zu brechen, damit – so der Wunsch der Architekten – Ausblick und Geborgenheit gleichzeitig möglich sind.
Der Neubau beherbergt auch ein neues, strahlend weißes Restaurant – Panoramafernblick über den Hafen inklusive. (Bild: Hufton + Crow / ZHA)
Zaha Hadid Architects haben mit dem Port House einmal mehr ein Gebäude geschaffen, das sich zumindest vordergründig gegen den Bestand stellt und die Design-Philosophie des Architekturbüros durchsetzt. In Antwerpen wirkt das zudem noch überdimensioniert, also ob ein Kreuzfahrtschiff auf dem Dach des altehrwürdigen Haus der ehemaligen Feuerwache gelandet ist. Immerhin: ZHA begründen ihr Vorgehen eingehend auf historischen Fakten und Gegebenheiten des Ortes und erreichen zumindest das: Das Port House in Antwerpen ist ein Bau mit weithin sichtbarer Signalwirkung und zeigt, mit welcher Euphorie einer der größten Häfen der Welt in seine Zukunft blickt.
Eine mehrachsig gebogene Fassade bringt es mitunter mit sich, dass der Sonnenschutz im Innenraum komplizierter ausgebildet werden muss. (Bild: Hufton + Crow / ZHA)
Das Bestandsgebäude, die alte Feuerwache, wurde im gleichen Zug saniert und zu einem Bürogebäude transformiert. (Bild: Hufton + Crow / ZHA)
Der Innenhof der ehemaligen Feuerwache wurde nun mit einem Glasdach geschlossen und zum großzügigen und hellen Foyer umfunktioniert. (Bild: Schüco)
Lageplan (Quelle: ZHA)
Grundriss 7. Obergeschoss (Quelle: ZHA)
Grundriss 6. Obergeschoss (Quelle: ZHA)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: ZHA)
Querschnitt (Quelle: ZHA)
Wo einst ein Turm geplant war, setzt der Neubau an und will den Bestand vertikal ergänzen. (Bild: Tim Fisher / ZHA)
Die Fassade des Neubaus besteht aus dreieckigen, mal transparenten, mal opaken Elementen, die eine vielfältig geformten Oberfläche erzeugen. (Bild: Schüco)
Das energetische Konzept wurde zusammen mit Ingenium aus Brügge entwickelt und führte zur BREEM-Zertifizierung «sehr gut». (Bild: Tim Fisher / ZHA)
Projekt
Port House
Antwerpen, BE

Architektur
ZHA Zaha Hadid Architects
London, GB

Team
Entwurf: Zaha Hadid mit Patrik Schumacher
Projektdirektion: Joris Pauwels
Projektleitung: Jinmi Lee
Mitarbeiter Realisierung: Florian Goscheff, Monica Noguero, Kristof Crolla, Naomi Fritz, Sandra Riess, Muriel Boselli, Susanne Lettau
Mitarbeiter Wettbewerb: Kristof Crolla, Sebastien Delagrange,
Paulo Flores, Jimena Araiza, Sofia Daniilidou, Andres Schenker, Evan Erlebacher, Lulu Aldihani

Hersteller
Schüco International KG
Bielefeld, DE

Kompetenz
Fassadensonderkonstruktion Aluminium

Bauherr
Hafenbehörde Antwerpen
Antwerpen, BE

Bauleitung
Bureau Bouwtechniek
Antwerpen, BE

Tragwerksplanung
Studieburo Mouton Bvba
Gent, BE

Energietechnik
Ingenium Nv Acoustic
Brügge, BE

Akustik
Daidalos Peutz
Löwen, BE

Restaurationsberatung
Origin
Brüssel, BE

Fassadenkonstruktion
Groven+
Liège, BE

Flächen
Bestandsgebäude: 6.600 m²
Neubau: 6.200 m²

Wettbewerb
1. Preis 2007

Fertigstellung
2016

Fotografie
Hélène Binet
Hufton + Crow
Tim Fisher
Schüco International KG
Projektvorschläge
Sie haben interessante Produkte und innovative Lösungen im konkreten Projekt oder möchten diesen Beitrag kommentieren? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

Die Rubrik «Praxis» ent­hält aus­schließ­lich redak­tio­nell er­stellte Bei­träge, die aus­drück­lich nicht von der Indus­trie oder anderen Unter­nehmen finan­ziert werden. Ziel ist die un­ab­hängige Be­richt­er­stat­tung über gute Lösungen am kon­kreten Pro­jekt. Wir danken allen, die uns dabei unter­stützen.

Featured Project

Stefan Forster Architekten

Adickesallee

Andere Artikel in dieser Kategorie