Aufstockung Mill24 in Wien von Caramel Architekten

Unsichtbar gewohnt

2. Juli 2017
Im Wiener Stadtteil Mariahilf ist Wohnfläche entstanden, die von der Straße aus gänzlich unsichtbar viel Raum erzeugt. (Bild: Hertha Hurnaus)
Auf den Dächern des Bestandes lässt sich die Stadt bestens nachverdichten, wenn es die Statik erlaubt und es genug Platz dafür gibt. Caramel Architekten haben in Wien Wohnraum geschaffen, der sogar mit der Großzügigkeit spielerisch umgeht.
Projekt: Aufstockung «Mill 24» (Wien, AT) | Architektur: Caramel Architekten (Wien, AT) | Bauherr: privat | Hersteller: diverse + Manfred Huck GmbH, Netz- und Seilfabrik (Asslar-Berghausen, DE), Kompetenz: Bauschutznetz | vollständige Bautafel siehe unten
Stadtteile wie Mariahilf in Wien sind in einer Zeit entstanden, da sich im 19. Jahrhundert die Städte enorm verändert und vergrößert haben. Entsprechend städtische Strukturen mit typischer Blockrandbebauung sind hier zu finden. Und doch besteht noch eine Art – nennen wir es einmal – Optimierungsbedarf, nicht zuletzt weil auch heute noch vielen Menschen in die Städte drängen und dadurch schlussendlich Wohnraum geschaffen werden muss. Dabei ist erstaunlich, welche «Bauplätze» sich in solchen Strukturen noch finden lassen, wenn man nur einmal danach sucht. Auf bestehenden Gebäuden etwa, quasi als Ausbau eines Dachs, das bisher als Dachkammer meist nur leerer Raum war. Konkret zum Beispiel das Projekt «Mill24», gelegen im Wiener Viertel Mariahilf, auf einem Gründerzeithaus, das hinten eine bauliche Verbindung mit einem auf der anderen Seite des Blocks stehenden Haus bildet. Die Fläche, die dort oben zur Verfügung steht, ist im Prinzip groß genug für eine ordentliche Wohnung. Doch Caramel Architekten (ebenfalls aus Wien) haben wie gewohnt nicht einfach nur Standard-Wohnraum geschaffen.
Sogar einen kleinen Pool – im Plan der Pflanzentrog – war Platz. (Bild: Hertha Hurnaus)
Vom Straßenraum aus ist die Aufstockung nicht zu erkennen, was vor allem daran liegt, dass die Architekten die Bauaufgabe «Dachausbau» recht wörtlich genommen haben und die Wohnung in einem dachförmigen Aufbau untergebracht haben, mit der geneigten Querseite zur Straße. Doch den Entwerfern ging nicht nur um das Schaffen von Wohnraum, vielmehr um ein Hinein- und Hindurchfließen des Stadtraums durch die Innenräume. Eine halbprivate Zone entsteht dabei auf der Terrasse und im Garten, die von jedem Raum aus erlebt und begangen werden können. Die Freiräume erstrecken sich über verschiedene Niveaus und Himmelsrichtungen und erzeugen dadurch reizvolle, städtische Panoramaausblicke.
Zur Straße verläuft längs eine Terrasse, die man wegen der baulichen Form der baulichen Ergänzung durchaus als Dachterrasse bezeichnen könnte. (Bild: Hertha Hurnaus)
Innen erzeugen Caramel Architekten spannende räumliche Bezüge. So ist der gesamte Wohn-, Ess-, Küchen- und Chillbereich als ein einziges Raumkontinuum gestaltet. Sogar die Sanitärräume bieten transparente Durchblicke. Wichtiges Gestaltungelement ist dabei das Netz (Huck), in diesem Fall ein normales, weißes Sicherheitsnetz, das mal als Geländerfüllung fungiert, mal das Ober- vom Wohngeschoss trennt oder auch die nach unten verlaufende Wendeltreppe verschließt. Dadurch entsteht eine luftige, gestalterisch verspielte Durchgängigkeit, die zudem für den Bewohner sicher ist. Trotz aller räumlichen Großzügigkeit bieten zwei Schlafräume und ein Home Office auch geschlossene Rückzugsmöglichkeiten. Das Thema der Transparenz ziehen die Architekten übrigens teilweise bis ins Material durch, wenn etwa die Fußböden aus transparent versiegeltem Estrich bestehen. In den Nassräumen wiederum ist die Versiegelung eingefärbt. Außenhüllen wie das Dach und die Brüstungen bestehen aus einem hellgrauen Kunststoffmembran, die gesamte Primär-Konstruktion aus Stahl und Stahlbeton. So haben Caramel Architekten eine Wohnfläche von 172 m² mit einer Terrassenfläche von 72 m² errichtet, die im Prinzip alles aus diesem Ort der Nachverdichtung herausholt – und nicht zuletzt mitten in Wien ein Gartenidyll mit Blumenwiese erzeugt, von dem mancher Städter nur träumen kann.
Als fließender Raum von der Stadt über die Terrasse ins Wohngeschoss und zum Obergeschoss haben Caramel Architekten die Aufstockung entworfen. (Bild: Hertha Hurnaus)
Weiße Netze bieten vielfältigen Möglichkeiten, um für die Sicherheit der Bewohner zu sorgen, ohne das Raumkontinuum zu unterbrechen. (Bild: Hertha Hurnaus)
Mit ein bisschen Mut lässt man sich ins Sicherheitsnetz fallen und genießt durch die bullaugenartigen Oberlichter den Himmel. (Bild: Hertha Hurnaus)
Durch Details wie den in den Innenraum verlaufenden Rasen unterstreichen die Architekten ihre Idee des hineinlaufenden Außenraums. (Bild: Hertha Hurnaus)
Lageplan (Quelle: Caramel Architekten)
Grundriss Obergeschoss (Quelle: Caramel Architekten)
Grundriss Wohngeschoss (Quelle: Caramel Architekten)
Schnitt (Quelle: Caramel Architekten)
Axonometrie (Quelle: Caramel Architekten)
Projekt
Aufstockung «Mill 24»
Wien, AT

Architektur
Caramel Architekten
Wien, AT

Bauherr
privat

Hersteller
Manfred Huck GmbH, Netz- und Seilfabrik
Asslar-Berghausen, DE

Kompetenz: Bauschutznetz

weitere Hersteller
Fensterprofile Schiebefassade: Pumar.nl, windowsfrompoland.com
Fenster: Pumar
Holzböden Terrasse: Wohngesund International Parkett- und Holzdielen Gmbh
Einbaumöblierung Küche: Poliform, Varenna
Arbeitsflächen: Corian
Leuchten: Georg Bechter Licht, Molto Luce
Sanitär: Hansgrohe, Laufen
Badewanne: megabad.de
Badewannenarmatur: Axor
Garten: resigrass.at
Beschichtungen: stein-zeit.at

Nettonutzfläche
172,29m² + 71,96m²

Bruttorauminhalt
646 m³

Fertigstellung
2016

Fotografie
Hertha Hurnaus
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