Erweiterung der Tate Modern in London von Herzog & de Meuron

Verschleierte Pyramide

12. Juni 2017
Die Tate Gallery of Modern Art wurden jüngst von Herzog & de Meuron maßvoll und integrativ erweitert. (Bild: Anke Müllerklein / Gima)
Eine berühmte Galerie und gleichzeitig Backstein-Industrieikone zu erweitern, bedarf einer ausdrucksstarken Architektursprache. Herzog & de Meuron schaffen den Spagat mit einem eigenständigen Bau, der sich elegant mit Bestand und Umgebung verbindet.
Projekt: Erweiterung Tate Modern (London, GB) | Architektur: Herzog & de Meuron (Basel, CH) | Bauherr: Tate (London, GB) | Hersteller: Gima - Girnghuber (Marklkofen, DE), Kompetenz: Sonderanfertigung Fassadenklinker
Seit dem Jahr 2000 bereichert die «Tate Gallery of Modern Art» die Stadt London und ist Magnet für jährlich über fünf Millionen Besucher. Spektakulär war und ist auch das Bauwerk: Die ehemalige «Bankside Power Station» – ein ausgemustertes Kraftwerk direkt am Ufer der Themse, zentral in der Stadt gelegen auf Höhe der St. Paul‘s Kathedrale – wurde damals von den Baseler Architekten Herzog & de Meuron eindrucksvoll umgebaut und gilt seither als Vorbild in der Konversion derart überdimensionierter Gebäudestrukturen. Der Backsteinbau ist hingegen jünger, als man zunächst vermuten mag: Erbaut wurde das Kraftwerk nicht etwa um die Jahrhunderwende, sondern im Jahr 1952 von Sir Giles Gilbert Scott, übrigens nicht nur der Designer der Liverpool Cathedral und der Battersea Power Station war, sondern auch der weltberühmten, für England synonymhaften roten Telefonzelle erfand. Konstruiert ist das 200 m lange Bauwerk aus einem Stahlrahmen, der mit Ziegeln verkleidet wurde, in für diese Zeit typischer neoklassizistisch anklingender, Stärke ausstrahlender Industriearchitektur mit einem markanten, weithin sichtbaren Schornstein zur Seite der Themse hin. Besonders für die Übersetzung der bestehenden Kraftwerkstrukturen in eine für den Menschen resp. Besucher greifbare Dimension und das gleichzeitige Erfahrbarmachen der großen Turbinenhalle erntete weltweite Beachtung.
Das städtebauliche Umfeld der Tate Modern ist heterogen geprägt, Klinker-Fassaden finden sich immer wieder. (Bild: Iwan Baan / Herzog & de Meuron)
Nun, da das «Boiler House», wie das bestehende Haupthaus genannt wird, allmählich an seine Kapazitätsgrenzen stieß, sollte also ein Erweiterungsbau her. Den entsprechenden Wettbewerb im Jahr 2005 konnten abermals Herzog & de Meuron für sich entscheiden. Sie entwickelten einen Anbau hinter dem Haupthaus, der die Architektur- und Materialsprache des bestehenden Gebäudes aufnimmt und in einen neuen, direkt verbundenen Annex übersetzt. Quasi als Fundament wurden ehemalige Öltanks verwendet, die nach dem Bau ebenfalls als Ausstellungsfläche dienen. Darüber formten die Architekten einen Pyramidenstumpf, der nicht nur als selbstverständliche Erweiterung des Boiler House lesbar sein, sondern auch eine bisher fehlende bauliche Verbindung zur Umgebung herstellen soll. Gleichzeitig sollte das «Switch House» (so der Name der Erweiterung) für die Besucher, die sich etwa von Norden über Fosters Millennium Bridge der Tate Modern nähern, ebenfalls sichtbar sein, ohne sich durch seine Größe in den Vordergrund rücken und vor allem dem ikonenhaften Schornstein keine Konkurrenz machen zu wollen. «Our aim was to create a building conglomerate which appears as one thing, not as a phase one and a phase two», so Jacques Herzog über seinen Entwurf.
Mit ihrem «Switch House» wollen die Architekten keinen Kontrapunkt im Stadtgefüge installieren, sondern dem Gebäude eine vermittelnde Funktion geben. (Bild: Anke Müllerklein / Gima)
So wurde das Switch House auch mit speziellen, den bestehenden Klinkern nachempfundenen Steinen verkleidet, allerdings in einer gänzlich neuen Art und Weise eingesetzt: Die Klinker besitzen ein quadratisches Grundformat von 215 mm Kantenlänge bei einer Höhe von 69 mm. Sie sind jedoch nicht im herkömmlichen Sinne gemauert, sondern im Versatz und Zahnschnittmuster zusammengesetzt zu Modulen von immer zwei miteinander vermörtelten Steinen, die dann nach dem Prinzip einer vorgehängten, hinterlüfteten Fassade montiert sind. Um das Mauerwerk horizontal und vertikal an die sich dreidimensional windende Gebäudeform anzupassen, wurde die Fassade in Spannten unterteilt und die 336.000 Klinkerstein in 212 verschiedenen Typen mit Edelstahlstiften und Kunstharzgelenken in Blöcken mit der Unterkonstruktion verbunden. Dabei wurden fünf verschiedene Ziegelarten definiert: Stufenziegel für die senkrecht und schräg perforierten Fassadenbereiche und für die senkrechten geschlossenen Flächen sowie bündige Ziegel für die senkrechten und schrägen geschlossenen Fassaden. Für die Gebäudekanten und Faltungen wurden zusätzlich individuell angefertigte Steine und angeschnittene Standardsteine verwendet. Um ein möglichst gleichmäßiges Farbspiel zu erreichen wurden die durchgefärbten Klinker in einer Charge gefertigt und eine prozentuale Verteilung von hell, mittel und dunkel festgelegt, durch das die Klinkerfassade eine zusätzliche Tiefe erhält. So bilden die zusammen Klinken eine Art Schleier, der wie ein Lichtfilter am Tag wirkt und durch den am Abend das Licht von drinnen heraus schimmert. Präzise gesetzte horizontale Schlitze, die sich aus der inneren Organisation ergeben, gliedern die Fassade – und ermöglichen beeindruckende Ausblicke auf die Umgebung und auf die Stadt an der Themse.
Rund 336.000 Klinkersteine in 212 verschiedenen Typen wurden im Versatz und Zahnschnittmuster um die immer wieder verschieden geneigte Gebäudeform gelegt. (Bild: Anke Müllerklein / Gima)
Besonders spannend bei dieser Art der Gebäudeverschleierung und -form ist das Eckproblem, das immer wieder andere Lösungen erfordert. (Bild: Anke Müllerklein / Gima)
Schemazeichnung der neuen Raumvolumina (Quelle: Herzog & de Meuron)
Neue Bereichsaufteilung in Boiler und Switch House. (Quelle: Herzog & de Meuron)
Bei Dämmerung wird die teilweise Transparenz bzw. Perforation der Gebäudehaut aus Ziegeln deutlich sichtbar. (Bild: Iwan Baan / Herzog & de Meuron)
Im Innenraum wirkt der Fassadenschleier aus Klinkersteinen als Verschattung. (Bild: Iwan Baan / Herzog & de Meuron)
Der Erweiterungsbau besteht aus einem Stahlbetonskelett mit aussteifendem Kern, wodurch die Fassade beliebig offen bespielt werden konnte. (Bild: Iwan Baan / Herzog & de Meuron)
Weitestgehend geschlossen, dafür hell gestaltet sind die eigentlich Ausstellungsräume. (Bild: Iwan Baan / Herzog & de Meuron)
Nicht höher als der bestehende Schornstein und doch vom anderen Themse-Ufer aus sichtbar sollte die Erweiterung der Tate Modern sein. (Bild: Iwan Baan / Herzog & de Meuron)
Projekt
Erweiterung Tate Modern
«The Tate Modern Project»
London, UK

Architektur
Herzog & de Meuron
Basel, CH

Partners: Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Ascan Mergenthaler (Partner in Charge), Harry Gugger (until 2009)

Project Team: John O'Mara (Associate, Project Director), Kwamina Monney (Project Manager), Ben Duckworth (Associate), Christoph Zeller

Bauherr
Tate
London, GB

Hersteller
Gima - Girnghuber
Marklkofen, DE

Kompetenz
Fassadenklinker

Landschaftsarchitektur
Vogt Landschaftsarchitekten
Zürich, CH

Möbel
Jasper Morrison,
London, UK

Kosten
Aecom
London, UK

Staik (2005-2007) und Licht
Arup Lighting
London, UK

Statik (ab 2008) und Fassade
Ramboll UK
London, UK

Fassade (Beratung)
Billings Design Associates
Dublin, IRL

Signaletik
Cartlidge Levene with Morag Myerscough
London, UK

Gross Floor Area (GFA)
23.600 m²

Gross Volume (GV)
116.090 m³

Fassadenfläche
11.790 m²

Fertigstellung
2016

Fotografie
Iwan Baan
Anke Müllerklein
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