Elisabeth Endres vom Ingenieurbüro Hausladen im Interview

Das Maß an Technik

 Thomas Geuder
8. Januar 2019
Klimafassade Satellitenterminal Flughafen München (Bild: Florian Hausladen)
Vor dem Hintergrund der Digitalisierung tut vor allem die Haustechnik seit Jahren große Schritte. Wir haben mit Elisabeth Endres, Mitglied der Geschäftsleitung beim Ingenieurbüro Hausladen, über aktuelle Entwicklungen und Tendenzen gesprochen.
Interviewpartnerin: Elisabeth Endres vom Ingenieurbüro Hausladen (Kirchheim, DE)

Das Gespräch mit Peter Ippolito von Ippolito Fleitz Group zur ISH - Weltleitmesse Wasser, Wärme, Klima lesen Sie hier: Körpererfahrungen
Thomas Geuder: Frau Endres, das Ingenieurbüro Hausladen – unter der Leitung von Prof. Gerhard Hausladen nebst Florian Hausladen – steht seit über 30 Jahren für einen ganzheitlichen Ansatz in der Energieplanung für Gebäude. Welche Schwerpunkte setzen Sie dabei bzw. mit welchen Vorzeichen denken Sie die Firmenphilosophie?
Elisabeth Endres: Als ausgebildete Architektin liegt mein Augenmerk auf der Durchführung der integralen Planung unseres Büros, fokussiert auf die beiden Fragestellungen „Wie viel und welche Technik benötigen wir im Kontext der Lastgänge des Gebäudes oder der Energieversorgung?“ und „Wie ist diese in die Gebäude integriert?“. Das Maß an Technik steht dabei in unserem Büro durch die Verknüpfung zur Bauklimatik in engem Zusammenhang mit der Gestaltung der Fassaden und der Baukonstruktion. Die Integration ist für mich ein wesentlicher Punkt, da diese so gestaltet werden sollte, dass Gebäude mit langen Lebenszyklen auch bei Nutzungsänderung oder Sanierung der technischen Anlagen weiterhin Bestand haben können.

Thomas Geuder: Zu welchem Zeitpunkt im Projekt werden Sie meist hinzugezogen und wie gehen Sie dann an die Ausarbeitung eines Konzepts heran?
Elisabeth Endres: Wir decken im Ingenieurbüro Hausladen neben der Planung der technischen Anlagen HKLS auch die Beratungsleistungen der Bauphysik und der Energieversorgung in allen Leistungsphasen an. Der Schwerpunkt meines Handelns liegt dabei in der Beratung von Konzepten zum Zeitpunkt des Wettbewerbs bzw. des Projektstartes bis in die Leistungsphase 3 hinein. Über die Ausführungsplanung und die Umsetzung hinaus bleibe ich sofern beteiligt, als dass das Gedankengut des Konzeptes in der Umsetzung erhalten bleibt und entsprechend Eingang in die Umsetzung findet. Eine entscheidende Grundhaltung des Büros Hausladen ist die intensive Zusammenarbeit von Architektur, Tragwerksplanung, Bauklimatik und Haustechnik in den ersten beiden Leistungsphasen eines Projektes, da hier wichtige Aspekte festgelegt und abgestimmt werden müssen. Eine abgestimmte Planung mit der Beantwortung der Aspekte integraler Planung entscheidet über den Erfolg eines Projektes.

Thomas Geuder: Das Credo der Stunde lautet momentan zumeist schlicht „Energiesparen“. Fachplaner wissen jedoch, dass diese Ausformulierung des übergeordneten Themas „Energiemanagement“ viel zu kurz gegriffen ist. Was raten Sie einem Bauherrn zunächst, der zwar etwas für die Umwelt tun möchte (oder muss), dafür aber nur ein begrenztes Budget zur Verfügung hat?
Elisabeth Endres: In der Diskussion zum Bauen der Zukunft steht nicht mehr die Einsparung innerhalb der Systemgrenze Gebäude im Vordergrund, entscheidend werden die Fragestellungen hinsichtlich CO2 Emissionen sein, von der Herstellung des Gebäudes bis hin zum Betrieb, der Versorgung sowie der Recyclingfähigkeit. Eine entscheidende Stellschraube wird der Flächenverbrauch pro Kopf und eine damit verbundene CO2 Emission pro Kopf darstellen. Diese Zahl wird die Maßeinheit der kWh/m2a ablösen und so einen wichtigen Beitrag zum klimagerechten Bauen darstellen. Außerdem wird das Einbinden von Gebäuden in die Energieversorgung als Puffer erforderlich werden, um die notwendige Umstellung von fossilen auf regenerative Energiequellen zu erreichen.
Eiermannbau in Apolda, Geschäftsstelle der IB Thüringen; „Haus in Haus Konzept zur Revitalisierung des Denkmals ohne Eingriffe in die Bausubstanz“ (Bild: IBA Thüringen)
Thomas Geuder: Im Smart Home bzw. Smart Building sind alle oder zumindest möglichst viele Gebäudekomponenten miteinander verknüpft und können teilweise sogar miteinander kommunizieren. Vieles ist möglich, aber wie viel Technologie – vielleicht sogar gegenüber Material und Architektur als passive Technologie – halten Sie für sinnvoll?
Elisabeth Endres: Ich sehe die Verknüpfung von vielen Komponenten zur Schaffung eines behaglichen Innenraumklimas und zur Steuerung der Nutzung kritisch, da mit wachsender Anzahl an Komponenten auch die Fehlerquellen steigen. Hochtechnisierte Gebäude sind meist auf einen maximalen Punkt hin optimiert, welcher einen einwandfreien Betrieb der Systeme voraussetzt. Dazu fehlen jedoch häufig die Maßnahmen der Überwachung und der ständigen Betriebsoptimierung. Für mein Verständnis ist die Robustheit einer einfachen, komponentenarmen Strategie entscheidend für den effizienten Betrieb eines Hauses, sowie das vorgesehene Einbinden der Nutzer. Der Einfluss dieses Handelns steigt mit dem Grad der Technisierung sehr, da auch die Fehlerquellen steigen. Der Nutzereinfluss ist damit eine der unsichersten Randbedingungen neben der Entwicklung der außenklimatischen Bedingungen für den Gebäudebetrieb.

Thomas Geuder: Die Digitalisierung des Gebäudes ist noch lange nicht an ihrem Ende angelangt, vor allem was die Energieplanung und das Management von Heizung, Lüftung und Kühlung angeht. Wohin, denken Sie, geht die Reise in diesen Segmenten und mit welchen Entwicklungen werden wir in Zukunft rechnen können?
Elisabeth Endres: Bezogen auf die Temperierung ist zukünftig die Verfügbarkeit von Strom eine entscheidende Stellschraube im Gebäudebetrieb. Gebäude werden in Zeiten von solar- und windabhängigen Spitzenlasten in der Erzeugung den Strom puffern müssen, um in Zeiten mit geringeren Lastgängen diese gespeicherte Energie nutzen zu können. Im Zuge der Optimierung von Heiz- und Kühllasten in den Gebäuden durch verbesserte Hüllkonstruktionen werden Systeme zur Einzelraumregelung eine untergeordnete Rolle spielen. Dieser letzte Schritt ist nach der Optimierung der technischen Möglichkeiten in den Fassaden noch nicht erfolgt, bedeutet jedoch in Planung und Betrieb eine hohe Vereinfachung. Zur Entscheidungsfindung in der Konzeption und der Umsetzung solcher Konzepte sind die Digitalen Planungswerkzeuge unumgänglich, hier sollte eine bessere Verknüpfung unterschiedlicher dynamischer als auch statischer Berechnungswerkzeuge erfolgen.

Thomas Geuder: Zum Schluss eine eher persönliche, fast fiktive Frage: Welches Gerät, das es noch nicht gibt, das aber die Energieplanung und das Klima-Design entscheidend verändern könnte, würden Sie sich wünschen?
Elisabeth Endres: Dann wünsche ich mir gleich einen Translator, welcher die Kommunikation von Architekten und Ingenieuren optimiert und hilft, dass durch interdisziplinäre Zusammenarbeit Gebäude entstehen, die nicht einem Standard oder einer Mode entsprechen, sondern Antworten auf die Fragen der Zukunft liefern.
Innenansicht Ingenieurbüro Hausladen: Umnutzung eines landwirtschaftlichen Gebäudes zum Bürogebäude in Kirchheim b. München (Bild: Florian Hausladen)
Elisabeth Endres
arbeitet in Praxis und Forschung an der Schnittstelle von Architektur und technischen Systemen und deren Integration in Gebäudestrukturen. Dabei steht die Frage, welches Raumklima in Gebäuden durch passive Strategien entsteht, welche Technik ergänzend sinnfällig ist und wie diese in die Gebäude integriert wird, im Mittelpunkt der Betrachtungen. Zunächst studierte Elisabeth Endres an den Technischen Universtäten Kaiserslautern und München Architektur mit Abschluss Diplom. Ab 2007 war Sie am Lehrstuhl für „Bauklimatik und Haustechnik“ unter Leitung von Professor Gerhard Hausladen wissenschaftliche Mitarbeiterin und hat neben einzelnen Forschungsprojekten maßgeblich den Lehrbetrieb im Studiengang Architektur geleitet, den Studiengang „Energieeffizientes nachhaltiges Bauen“ aufgebaut sowie im Studiengang „ClimaDesign“ die integralen Module geleitet. Seit 2013 ist sie Projektleiterin im Ingenieurbüro Hausladen und als Doktorandin an der TU München Mitglied der International Graduate School for Science an Engineering. 2018 wurde sie in die Geschäftsleitung des Ingenieurbüro Hausladen berufen. Sie leitet damit die Geschicke des Büros, welches seit über 30 Jahren für integrale Konzepte im Spannungsfeld von passiven und aktiven Parametern in der Gebäudeplanung steht entscheidend mit. Sie hat Lehraufträge an der Akademie der Bildenden Künste München, und den Hochschulen Wismar und Salzburg.

ISH - Weltleitmesse Wasser, Wärme, Klima
Auf der ISH, der Weltleitmesse Wasser, Wärme, Klima, präsentieren vom 11. bis 15. März 2019 über 2.400 Aussteller, darunter alle Markt- und Technologieführer aus dem In- und Ausland, Neuheiten und Innovationen. Der Bereich ISH Water mit dem Trendthema „Farbe“ fokussiert auf innovatives Baddesign und nachhaltige Sanitärlösungen. Im Rahmen der ISH Energy widmet sich die Branche Themen wie Energieeffizienz und Komfort im Gebäude. Gleichzeitig erfüllt die ISH die wachsenden Bedürfnisse nach Individualisierung, Wohlbefinden und Ästhetik. Systemübergreifende Lösungen decken alle Anforderungen ab und leisten einen entscheidenden Beitrag zu einer energieeffizienten und ressourcenschonenden Gebäudetechnik. Als internationaler Branchentreffpunkt schlechthin – 64 Prozent der Aussteller und 40 Prozent der rund 200.000 Besucher kommen aus dem Ausland – nimmt die ISH eine weltweit führende Rolle ein.
Umfassende Informationen zur ISH unter: www.ish.messefrankfurt.com

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