Vom Ein- zum Zweifamilienhaus
Für die Besitzer hat ein eigenes Haus mit Garten großen emotionalen Wert – allen ökologischen Bedenken zum Trotz. Mit einem Umbauprojekt in Gisingen zeigen MWArchitekten beispielhaft, wie Einfamilienhäuser zeitgemäß weitergenutzt werden könnten.
Herr Mähr, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Bei diesem Projekt ging es darum, ein Ein- zum Zweifamilienhaus umzubauen – auch um zu zeigen, wie Österreichs Einfamilienhaussiedlungen nachträglich verdichtet werden könnten. Weil sich die Bauherrschaft ein für kommende Generationen nachhaltiges Objekt wünschte, lag es nahe, nicht nur umweltfreundlich zu bauen und Vorhandenes zu erhalten, sondern auch die bauliche Dichte zu erhöhen.
Die Intention war, unter maximalem Erhalt der Bausubstanz des Familienbesitzes Platz für zwei Familien zu schaffen. Dabei wurde der Bestand aus den 1960er-Jahren thermisch saniert und um ein offenes Treppenhaus erweitert. Zusätzlich haben wir das Dachgeschoss ausgebaut. Ein Abriss kam aus ökologischer, aber auch aus emotionaler Sicht nicht in Betracht. Das Haus hat eine Familiengeschichte. Auch sollte sein ursprünglicher Charakter trotz der nun höheren Dichte erhalten bleiben.
Das Haus liegt in einem typischen Siedlungsgebiet mit geringer baulicher Dichte, das aus selbstreferenziellen Einfamilienhäusern besteht. Nicht in jedem Umfeld ist es möglich, mehrgeschossigen Wohnungsbau zu errichten. Oft verhindern kleine Grundstücke eine höhere Dichte. Das Projekt positioniert sich zwischen den Typologien und vereint dabei eine höhere Dichte und das Wohnen mit Garten ums Haus.
Neben der Verdichtung sollte das Haus mit ökologischen Materialien gebaut werden. Auch sollte es seine umweltfreundliche Bauweise mit einer Holzfassade nach außen zeigen. Die Sanierung der Gebäudehülle und die Erhöhung des Dachgeschosses führten zu einer neuen Interpretation der Fassade. Der ursprüngliche Charakter der Putzfassade mit ihren kleinen Öffnungen wurde dem Wunsch der Bauherrschaft entsprechend in Holz weiterentwickelt.
Es gab viele Diskussionen über die Gratwanderung zwischen »Verkitschung« und »modernem Erscheinungsbild«. Beide Wohnungen sollten einen Bezug zum Garten und zum Außenraum bekommen. Ausschlaggebend für die Qualität des oberen Stockwerkes war die neue Erschließung, die nach außen verlegt wurde.
Wir haben nach Möglichkeit auf Holzverbundwerkstoffe verzichtet und die Hölzer unbehandelt verbaut.
Die Entscheidung für unbehandelte Hölzer fiel aus ökologischen Gründen. Zellulose-Dämmung haben wir aufgrund der höheren Dichte und der Umwelt zuliebe eingebaut. Für mehr Nachhaltigkeit sorgt außerdem eine Wärmepumpe, die die alte Ölheizung ersetzt.
Ökologische und soziale Nachhaltigkeit sind für uns ein großes Thema. Wir haben festgelegt, dass all unsere Projekte umwelt- und menschenfreundlich sein sollen. Der Begriff Nachhaltigkeit wird zurzeit sehr viel und gerne verwendet, doch es gibt keine griffige Definition. Wir sprechen darum lieber von ressourcenschonendem Bauen. Je nach Projekt bedeutet das, umweltschonende Baumaterialien zu verwenden, materialgerecht zu konstruieren, Vorhandenes um- oder weiterzubauen, zu verdichten, aber auch präzise und schöne Architektur zu machen.
Wir sanieren und erhalten grundsätzlich Bauten, die wertgeschätzt werden. Außerdem ist für uns selbstverständlich, dass unsere Projekte zu einem späteren Zeitpunkt andere Nutzungsszenarien zulassen. Die wohl besten Beispiele dafür sind unser Generationenhaus mit Blick und die Umgestaltung eines Ökonomieteils zum Wohnhaus in Wolfurt sowie die Nachverdichtung im Alten Quartier unterhalb der Burgruine Alt-Ems. Diese Umbauten sind teilbar und lassen sich leicht umnutzen. Die dafür nötigen Leitungen sind vorbereitet, und die entsprechenden Räume haben wir bereits vorgedacht.
2023
6800 Gisingen, Feldkirch, Vorarlberg, Österreich
Nutzung
Wohnhaus
Vergabe
Direktauftrag
Bauherrschaft
Privat
Architektur
MWArchitekten, Hohenems
Lukas Peter Mähr (Projektleitung), Robert Gentner und Tobias Moritz
Fachplaner
Bauphysik: Bauphysik Weithas, Lauterach | Daniela Helbock
Statik: FS Project, Lustenau | Martin Fetz
Bauleitung
FS Project, Lustenau | Martin Fetz
Ausführende Firmen
Baumeister: Bader-Bau, Mäder
Sonnenschutz: Blank, Lustenau
Holzbau: Dr Holzbauer, Andelsbuch
Innentüren: Tischlerei Walch, Bludenz
Elektro: Phitsanu-Elektro, Frastanz
Installateur: Bechter Best, Lustenau
Fenster: Isele Fensterbau, Lustenau
Tischler: Tischlerei Künzler, Bizau
Hersteller
Ausstattung Küche: Miele, Gütersloh, Deutschland
Leuchten: Bolichwerke, Östringen, Deutschland
Dachfenster: Velux, Hørsholm, Dänemark
Energiestandard
Von G auf B (siehe Energieausweis)
Fotos
Dominic Kummer