Digitalisierter Holzbau: Bibliotheks- und Seminarzentrum BOKU Wien

SWAP Architekten
23. April 2021
Foto: Hertha Hurnaus / SWAP Architekten 

Das Ilse Wallentin Haus von SWAP Architekten ist der erste Hochschulbau aus Holz in der Stadt. Christoph Falkner erklärt die Gedanken hinter der Gestaltung und, wie digitale Werkzeuge die Umsetzung erleichtert haben.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Der hohe Vorfertigungsgrad im Holzbau fordert eine detailgenaue Planung zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Darum ist die Bauweise vor allem im digitalen Planungsprozess Vorreiter und bringt viele Neuerungen hervor. Beim konkreten Projekt haben wir verschiedene neue Technologien genutzt.

Ein detailliertes 3D-BIM-Modell war schon im Vorentwurf verfügbar. In der Wettbewerbsphase kam die EVA-Software zur Anwendung. Mit dem VR-Programm IVAN werden die 3D-Daten aus der CAD-Software auf eine Plattform geladen und können unmittelbar über WebVR oder eine VR-Brille angeschaut und durchwandert werden. Das Konstruktionsmodell wurde schließlich für die Fertigung der Holzbauteile von Stora Enso übernommen. Ein begleitendes Monitoring vom Werk bis zum Einbau lieferte wichtige Daten, die nicht zuletzt für das Facility Management wertvoll sind.

Foto: Hertha Hurnaus / SWAP Architekten 
Foto: Hertha Hurnaus / SWAP Architekten 
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Ein Hauptmotiv des Entwurfs war die Einbettung und Öffnung des Gebäudes in den beziehungsweise zum umschließenden Grünraum. Außerdem war uns wichtig, die Holzkonstruktion klar lesbar zu machen. Das Konstruktionsraster ist folglich in der Fassadenteilung, vor allem aber durch die Rasterdecken im Innenraum zu erkennen. Dies verleiht dem Haus seinen unverwechselbaren Charakter. Wohlbefinden und Naturnähe werden durch den Einsatz von Holz verstärkt, die ruhige Lage und Ausblicke in die Natur erhöhen die Qualität der studentischen Lernumgebung noch weiter. Über raumhohe Verglasungen wird ein Dialog zwischen Innenraum und Umgebung evoziert und das lebendige Universitätsleben von außen einsehbar.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Die direkte Umgebung ist geprägt von Grünräumen: Im Norden liegt der Park einer Seniorenresidenz, im Westen der alte Baumbestand des Döblinger Friedhofs. Lage und Nachbarschaft bieten die besten Voraussetzungen für eine naturnahe, ruhige Lernumgebung. 

Bei Vollauslastung werden neben 120 Arbeitsplätzen für Lehrende bis zu 650 Studierende Platz finden. Funktional bietet das Haus den Studierenden und Lehrenden eine hohe Nutzungsflexibilität: Das Raumangebot von Seminarräumen unterschiedlicher Größe, Userräumen und ruhigen Lernplätzen wird durch informelle Bereiche wie die Bibliothekslounge, mehrere Meetingzonen oder die möblierte Terrasse ergänzt. Umlaufende Sitzparapete bieten zusätzlich Platz – Strom- und LAN-Anschlüsse inklusive.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Es gab für die Nutzung klare Vorgaben. Wir haben uns mit Bauherrschaft und Nutzer*innen stetig über das 3D-Modell abgestimmt, zum Teil kam auch eine VR-Brille zum Einsatz. Das hat schnell eine hohe Akzeptanz und Identifikation mit dem neuen Haus erzeugt. 

Foto: Hertha Hurnaus / SWAP Architekten 
Foto: Hertha Hurnaus / SWAP Architekten 
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Für SWAP stehen die Nutzer*innen im Mittelpunkt. Es ist schön zu sehen, wie diese sich die Räume aneignen – zum Beispiel durch die vielseitigen Möglichkeiten bei der Nutzung der Sitzparapete.

Das Ilse Wallentin Haus ist der bisher größte Holzbau unseres Büros. Das Projekt war somit für uns eine willkommene Möglichkeit zur Weiterentwicklung unseres Holzbau-Know-hows. Generell ist das Gebäude der erste universitäre Holzbau in Wien. 

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Mit 984 von 1000 möglichen Punkten erreichte unser Projekt die klimaaktiv-Gold-Bewertung. Dadurch wurde nachgewiesen, dass klimagerechtes Bauen auch im städtischen Kontext möglich ist. Wenn mit Holz gebaut wird und jenes im Inneren sichtbar bleiben soll, sind konstruktiv besondere Regeln einzuhalten: Für die Spannweiten und die Dimensionierungen gelten zum Beispiel strenge Vorgaben hinsichtlich des Brandschutzes. Dieser Aufwand lohnt sich: Holzoberflächen ermöglichen ein besonderes Raumklima und führen zu einem hohen Wohlfühlfaktor.

Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Hervorzuheben ist die präzise und schnelle Konstruktion des Holzbaus. Es war ein perfektes Zusammenspiel von Industrie und Montage. Die Bauzeit betrug insgesamt 14 Monate, der Holzrohbau konnte wegen der eingesetzten digitalen Werkzeuge und dem hohen Vorfertigungsgrad in nur acht Wochen errichtet werden. 

Es gab einen sorgfältigen Umgang mit den Sichtoberflächen der Ausbaugewerke – diesbezüglich ein grosser Dank an die ÖBA für die entsprechende Sensibilisierung beim Umgang mit den fertigen Sichtoberflächen während der Bauphase. 

Lageplan
Grundriss Eingangsgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. beziehungsweise 3. Obergeschoss
Schnitt
Bauwerk
Ilse Wallentin Haus BOKU Wien
 
Standort
Peter Jordan Straße 82, 1190 Wien
 
Nutzung
Bibliotheks- und Seminarzentrum
 
Auftragsart
Wettbewerb 2017, 1. Platz
 
Bauherrschaft
Bundesimmobiliengesellschaft BIG
 
Architektur
SWAP Architekten ZT GmbH, Wien
Projektleitung: Christoph Falkner
Mitarbeit: Matthias Jahn, Georg Unterhohenwarter und Gerfried Hinteregger
 
DELTA, Wien und Wels
Projektleitung: Aron Grudnik 
Mitarbeit: Thomas Hammerschmid
 
Fachplaner 
ÖBA: PM 1 Projektconsult GmbH, Wien und Salzburg
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Gesamtkosten
EUR 9,1 Mio.
 
Energiestandard
Heizwärmebedarf = 21,5 kwh/m2a
 
Maßgeblich beteiligte Unternehmer
Baumeister: Steiner Bau GmbH, Heiligeneich
Holzbau: Lieb Bau Weiz, Weiz
Statik & Konstruktion: Bollinger und Grohmann ZT GmbH, Wien
Haustechnik: teamgmi Ingenieurbüro GmbH, Wien
Elektrotechnik: TB Braun GmbH, Amstetten
Bauphysik: IBO Verein und GmbH, Wien
Elektro: Ektromanagement & Construction GmbH, Böheimkirchen
Gebäudetechnik: Ing. August Lengauer GmbH & CoKG, Linz
Dach: Schmid Baugruppe Holding GmbH, Frankenburg
Tischler: Gleichweit, Hartberg Umgebung
Fassade: Baumann/Glas/1886 GmbH, PALMHAUS®-Werk, Baumgartenberg / Perg
 
Auszeichnung
Das Haus wurde als vorbildlich in Sachen Klimaschutz ausgezeichnet – mit 984 von 1000 möglichen Punkten gemäß klimaaktiv Gebäudestandard entspricht es dem österreichischen Qualitätszeichen klimaaktiv Gold.
 
GBB Award 2020
 
Fotos
Hertha Hurnaus, Wien / SWAP Architekten

Was müssen wir wissen, um gute Holzarchitekturen entwerfen zu können? Mario Rinke und Martin Krammer haben dazu mit »Architektur fertigen. Konstruktiver Holzelementbau« ein beeindruckendes Buch herausgegeben. Wir haben sie zusammen mit der Schweizer Produzentin Katharina Lehmann und dem Architekten und Entwurfsprofessor Hermann Kaufmann zum Interview eingeladen.

Other articles in this category