Haus H von one fine day. office for architectural design aus Düsseldorf

Multidirektional wohnen

 Thomas Geuder
18. December 2017
Digitale Werkzeuge waren beim Haus H in Ost-Westfalen wichtigste Planungsgrundlage. (Bild: Christian Richters)
In Ost-Westfalen haben die Planer von one fine day. office for architectural design ein Wohnhaus errichtet, das mit der gewohnten Form des ländlichen Einfamilienhauses bricht und doch ortstypische Bezüge herstellt, ganz im Sinne eines „parametric regionalism“.
Projekt: Haus H (Ost-Westfalen) | Bauherr: privat | Architektur: one fine day. office for architectural design (Düsseldorf, DE) | Hersteller: diverse | weitere Projekten siehe unten
Quasi auf dem freien Feld zu bauen, kann erfrischend und zugleich recht anstrengend sein. Hier Rahmenbedingungen für den Entwurf zu finden, ist oft nur schwer möglich. Wie etwa beim Neubau des Hauses H, das die Architekten von one fine day aus Düsseldorf in Ost-Westfalen errichten durften: im Außenbereich einer kleinen Gemeinde. Die Region hier ist geprägt von Bauerhöfen, Kotten und lose verteilten Einfamilienhäusern, die Landschaft ohne Richtungen oder gar städtebauliche Konstanten. Häuser und Gehöfte sind versprengte Orientierungspunkte in einer landwirtschaftlich geprägten Kulturlandschaft. Die wenigen Häuser, die man hier findet, haben keine klassischen Vorder- oder Rückseiten, sind oft eher in Gehöften gruppiert, um einen zentralen Platz, höchst funktional. Die Firste und Giebel deuten dabei in unterschiedliche Richtungen. Die nächsten Städte sind (gefühlt) weit weg.

Aber auch diese multidirektionalen Muster, so heterogen sie auch sind, können ein Thema für einen Neubau sein, dachten es sich die Architekten. Außerdem gibt es in dieser Gegend auch die bauliche Tradition der historischen Ein- oder Hallenhäuser, deren Ständerkonstruktion in einer Art dreischiffigem Längsbau resultiert, mit Querung und Feuerstelle. In der Grundgeometrie dieser Bauernhäuser (einem 3 x 3 m Raster nah verwandt) haben die Architekten sogar eine Ähnlichkeit zur Villentypologie erkannt. Durch Überlagung dieser beiden Grundtypen schließlich haben sie für das Haus H nun eine Neun-Rechteck-Raster mit Zentralraum herausgearbeitet und zu einem parametrisch-elastischen Modell weiterentwickelt. Im Zentrum den neuen Grundrisses liegt auch der Drehpunkt, durch den Teile des Hauses auseinander gedreht werden können. Dadurch entsteht ein komplexer Baukörper, der gleich mehrere verschiedene Räume bildet.
Noch komplexer als der Grundriss ist folglich die Geometrie des Dachs, bei dem die Architekten natürlich zunächst das ortstypische Satteldach zur Grundlage nehmen wollten, das sich in den vier Giebeln findet und dort gänzlich traditionell ausgeführt ist. In der Verbindung der Dachflächen und dem Anspruch, dass das Dach die Form des Grundrisses mit seinen vier Fingern abdeckt, ist eine dreidimensional gekrümmt Dachform entstanden, das somit die ortstypische und die zeitgenössische Formensprache gleichzeitig einbindet. Geschafft haben die Architekten das durch digitale Planungswerkzeuge, die der Büropartner Hand-Peter Nünning „parametrisch-iterativ“ (wie sie es beschreiben) mit Hilfe des Programms Rhino/Grasshopper eingesetzt hat. Aber auch ganz praktische, externe Hilfe war vorhanden: „Wir propagieren bei one fine day zwar immer die Möglichkeiten digitaler Entwurfs- und Fertigungsmöglichkeiten, die für die Entstehung des Daches natürlich essentiell waren. Aber der Trockenbauer hat uns absolut beeindruckt. Er hat die komplette Untersicht der Decke nach Zeichnungen modelliert und die dreidimensional durch den Raum gekurvten Firstlinien auch innen perfekt umgesetzt“, schwärmt Holger Hoffmann. „Im Dach steckt zwar die größte Komplexität, dies ist aber natürlich eine vor allem handwerkliche Leistung der Firma Udo Förster Holzbau, der Fromme GmbH (Trockenbau) und unseres Bauherren, mit dem wir den Haltepunkt für die Zedernholzlamellen entwickelt haben.“

Auch bei den Materialien haben die Architekten ortstypische Materialien interpretiert. So ist das Haus im wilden Verband verklinkert, dann jedoch weiß geschlämmt. Das Dach hat über einer Bitumenabdichtung eine Lage aus Zedernlamellen erhalten, die die geometrische Logik des Daches und seiner Konstruktion ästhetisch übersetzt. Im Innenraum sind die Oberflächen bewusst glatt gestaltet, als weiß verputzte und geschliffene Wand- und Deckenflächen. Je nach Lichteinfall erscheinen die gekurvten Flächen leicht und fast schon textilhaft. So haben die Architekten, die Bauausführenden und der Bauherr ein spannendes Haus geschaffen, das durch eine komplexe Geometrie viele verschiedene räumliche und interessante Zusammenhänge bietet, ohne die bestehende Umgebung gänzlich zu ignorieren.
 
Die Giebelseiten geben sich recht verschlossen, nicht zuletzt weil sich dahinter die Rückzugsbereiche befinden. (Bild: Christian Richters)
Durch die Gebäudeform entstehen vielfältig bespielbare Räume, etwa zwischen den Gebäudeteilen oder im Untergeschoss. (Bild: Christian Richters)
Der zweigeschossige Zentralraum mit großem Esstisch dient als Bewegungs- und Begegnungsraum. (Bild: Christian Richters)
In den Kehlen des Hauses eröffnet der Zentralraum direkte Bezüge in die Landschaft. (Bild: Christian Richters)
Typologischer Kontext (Quelle: one fine day)
Transformation (Quelle: one fine day)
Lageplan (Quelle: one fine day)
Dachaufsicht (Quelle: one fine day)
Grundriss Oberbeschoss (Quelle: one fine day)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: one fine day)
Grundriss Kellergeschoss (Quelle: one fine day)
Details Dachkonstruktion (Quelle: one fine day)
Der Anspruch der Planer von one fine day war die Untersuchung, wie regionaltypische Gestaltmerkmale mit Hilfe digitaler Planungswerkzeuge verfremdet werden können, um im Sinne eines „parametric regionalism“ die ästhetischen Konventionen von Stadtrandarchitekturen zu hinterfragen. (Bild: Christian Richters)
Projekt
Haus H
Ost-Westfalen

Architektur
one fine day. office for architectural design
Düsseldorf, DE

Team
Hans-Peter Nünning, Daniela Hake, Holger Hoffmann, Jan Hafner, Tulin Mustafa

Bauherr
privat

Hersteller
Fenster, Aluminium: Schüco
Raffstore: Warema
Bodenbelag: Bauwerk
Waschtische Badewanne: Hasenkopf
Armaturen: Vola
Dachflächenfenster: Velux
Pendeltüren: Frits Jurgens
Kamin: Brunner
Schalter: Jung
Beschläge: FSB und Karcher

Bauleitung (LPH6-8)
architektur-werk-stadt Balhorn Wewer Karhoff
Paderborn, DE

Statik
Ingenieurgemeinschaft Bröckling Vullhorst GmbH
Hövelhof, DE

Fläche
290 m²

Fertigstellung
2017

Fotografie
Christian Richters
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