Anna Heringer: »Wir müssen hin zu einer glücklichen Genügsamkeit«

Katinka Corts
11. marzo 2022
Foto: Nina Rettenbacher
Dieses Interview wurde von german-architects.com übernommen.

 

Katinka Corts: Anna, vor dreieinhalb Jahren standen wir auf der Architekturbiennale beisammen und sprachen über das Projekt »Dipdii Textiles«. Mich hat damals beeindruckt, dass du im Arsenale nicht eigene Bauten gezeigt hast. Stattdessen stand das Crowdfunding für euer Textilprojekt im Vordergrund. Heute präsentiert ihr eure Projekte an Ausstellungen wie aktuell im Museo ICO in Madrid. Ihr wurdet international ausgezeichnet und setzt euch stark für die Verwendung von Stampflehm als Baumaterial ein. Wie bewertest du eure Entwicklung in den vergangenen Jahren?

Anna Heringer: Der Unterschied zu damals ist, dass unsere Stimme heute mehr Gewicht hat – und es auch haben muss. Es reicht nicht, schöne Projekte zu gestalten, man muss auch politisch den Mund aufmachen. Deshalb entwickeln wir auch Ausstellungen und treten immer mehr in der Öffentlichkeit auf, – ums Ego geht es dabei nicht. Dass wir den Bauhaus-Award gewonnen haben und Martin Rauch für seine »ERDEN PURE Walls« ausgezeichnet wurde, hilft uns, die Botschaft hinauszutragen: Es wird so viel Forschung und Energie darauf verwendet, neue Materialien zu entwickeln – und zugleich hat man Lehm, den »grünen Beton«, als vergessenes Baumaterial quasi überall verfügbar.

 

Anna Heringer Architecture, METI School, Bangladesch (Foto: Benjamin Staehli)

 

Mit euren Projekten in Bangladesch habt ihr internationale Aufmerksamkeit auf das Bauen mit Lehm gelenkt. Bis heute wird Lehm, den es auch in Mitteleuropa gibt, jedoch zumeist nicht als konkurrenzfähiges Baumaterial betrachtet. Wie nimmst du das wahr?

Lehmbau gibt es seit Tausenden von Jahren. Er müsste einfach mehr Aufmerksamkeit bekommen, und die Werkzeuge dafür müssten besser entwickelt werden. Der größte Knackpunkt heute bleibt aber, das politische und ökonomische Regelwerk zu ändern. Mich ärgert zu hören, es müsse eine technische Entwicklung mit dem Lehm passieren, er müsse billiger werden. Nein, andere Bauweisen müssen teurer werden! Es kann doch nicht sein, dass ein Baumaterial, das uns gratis von der Natur gegeben wird, finanziell so bestraft wird. Ja, es braucht viel menschliche Arbeitskraft, aber es ist sozial. Gleichzeitig werden Materialien wie Beton, Stahl und Aluminium immer noch extrem verbilligt, obwohl für ihre Herstellung und Verarbeitung so viel Energie aufgewendet wird.

Arbeitskraft und Handwerk bleiben wichtige Kostenfaktoren.

Doch das muss man angehen! Durch verfeinerte Techniken und Werkzeuge wird versucht, Lehmbau günstiger zu machen, aber das reicht nicht. Es muss zugleich eine Kostenwahrheit geschaffen werden. Das ist, was mich am meisten beschäftigt. Es gibt immer mehr Projekte, mit denen man an Paradigmen kratzt. Das sind die kraftraubenden, aber auch die wichtigen Projekte. Wo es richtig ans Eingemachte geht, merkt man, dass politisch ein Systemwechsel erfolgen muss. Aber auch in unserer Wahrnehmung und Geisteshaltung und in unserem Bewusstsein braucht es einen Wandel. 

 

METI School (Foto: Benjamin Staehli)

Es gibt auch in Europa gelungene Lehmbauten, doch nur im kleinen Maßstab. Bisher scheint der Transfer der Erfahrungen, die in anderen Regionen gesammelt wurden, nach Europa, wo es so viel mehr um Flächenausnutzung und finanzielle Rendite geht, nicht zu gelingen. Wir könnten durchaus nachhaltiger bauen, aber Priorität haben noch immer andere Kriterien. Ich frage mich, ob in Europa die Not schlichtweg nicht groß genug ist, um wirklich nachhaltig zu denken und zu bauen.

Die Not wäre schon da, aber die Gier ist weiterhin stark. Und die Macht ist in den Händen derer, die auf Profit aus sind. Wir brauchen diese Macht, und genau an diesem Punkt muss die Politik ihre Rolle ernst nehmen und auf der Seite der Allgemeinheit stehen – und nicht auf der Seite der Mächtigen. Immerzu heißt es, der Markt würde alles regulieren. Aber nein, das tut er nicht! Dafür braucht es die Politik, die lenkend eingreift.

In Europa wird momentan die Digitalisierung und Technisierung der Gebäude forciert. Ihr hingegen setzt bewusst auf das Handwerk und auf einfache Lösungen, damit eure Bauten nachhaltiger sind. Mir kommen da beispielsweise die mechanisch betriebenen Nähmaschinen und die natürlichen Lüftungskonzepte der METI School in den Sinn. Doch das Buzzword Nachhaltigkeit wird in Europa auch bemüht, um hochgedämmte Fassaden und sehr aufwendige Haustechnik zu argumentieren. Was ist Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist Resilienz. Und die erreicht man, indem man mit den lokal vorhandenen Ressourcen arbeitet. Mit der politischen Krise und der militärischen Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine ist ja unsere Abhängigkeit von Energieimporten in den Fokus gerückt. Wir müssen schauen, was unsere Ressourcen sind, – gleich ob hinsichtlich Energie, Materialien oder Baustoffen. Und das heißt natürlich auch in einem gewissen Maße, zu sparen. 
An unseren Bauten in Bangladesch haben wir Solarpaneele auf dem Dach. Und wenn es ein Übermaß an Nutzung gibt, dann ist auch mal der Strom aus, das ist dort normal. Wir in Europa gehen immer davon aus, dass uns alles in Hülle und Fülle permanent zur Verfügung steht. So kommt es zu einem Rebound-Effekt: Wenn der Strom eh vom Dach kommt, müssen wir nicht mehr sparen. Aber doch, wir müssen sparen! Wir müssen beides machen. Natürlich müssen wir auf Hightech setzen, zugleich aber sollten wir auch sorgsam mit den Ressourcen umgehen. Wir können nicht nur sagen, dass das E-Auto klimafreundlich ist, sondern müssen gleichzeitig trotzdem den Individualverkehr verringern. Wir müssen diese Technikgläubigkeit abschütteln, die uns zu der Annahme verleitet, wir müssten uns nicht ändern und könnten alles so weitermachen wie bisher. Wir müssen hin zu einer glücklichen Genügsamkeit. Es ist ein spannender Prozess, herauszufinden, auf was man verzichten kann.

 

DESI Training Center, Bangladesch (Foto: Naquib Hossain)

Deine Haltung ist absolut sozial, menschen- und umweltfreundlich. Bei all deinen Projekten stehen die Bedürfnisse von Mensch, Umwelt, Natur und Gemeinschaft gleichwertig im Mittelpunkt. Was hat dich dazu gebracht, diese Denkweise zu entwickeln? Hast du Vorbilder aus Schulzeiten, aus der Familie oder aus der Religion?

Das kommt bei mir sicher aus Familie und auch aus meinem Umfeld. Bei den Pfadfindern wurde mir zum Beispiel klar, dass ich gemeinsam mit meiner Gruppe alle Dinge schaffen kann, die wir brauchen. Musik machten wir selber, wir bauten Möbel und Zelte, wir dachten uns selber Spiele aus. Den Mehrwert, der im Selbermachen liegt, habe ich damals schon direkt erlebt. Leider spüren wir derlei Selbstermächtigung immer weniger in unserer Gesellschaft; wir nehmen unsere eigene Energie und Kraft kaum noch wahr. Deshalb müssen wir immer irgendwo stänkern, Dinge blockieren und gegen etwas sein. Viel wichtiger hingegen wäre es, sich auf die eigene Kraft zu besinnen.

Ich las in einem deiner Texte folgende Sätze: »In our materialistic society we do not miss materials or attraction. What we miss is a meaning – and relationships.« Für mich ist das Wormser Altar-Projekt ein schönes Beispiel für eine Rückbesinnung auf diese Grundwerte: In der Kathedrale St. Peter haben Martin Rauch und du mit der Gemeinde den neuen Altar aus Stampflehm gebaut.

In den Altar haben Menschen Briefe eingestampft, die ihnen wichtig waren, dazu Ketten, persönliche Andenken wie eine Handvoll Heimaterde. Die Kraft, die man hat, wenn man als Gemeinschaft an einem Strang zieht und gemeinsam etwas schafft, wurde sehr deutlich. Und ich würde mir so wünschen, dass wir als Gesellschaft wahrnehmen, dass der Kampf für die Natur und die Mitwelt das sein könnte, was uns eint. Wenn ich sehe, dass stattdessen aktuell neue Kriege angezettelt werden, frage ich mich, ob wir nichts Wichtigeres zu erledigen haben. Warum hauen wir uns denn jetzt die Köpfe ein und übersehen mal wieder, dass wir eigentlich und hauptsächlich gemeinsam dafür sorgen müssten, dass unser Planet für die Nachwelt erhalten bleibt? Deshalb ist es wichtig, ganz viele Projekte zu machen, bei denen die Gemeinschaft sich spürt und gestärkt wird. Ich versuche, meinen Beitrag zu leisten und gleichzeitig lauter zu werden, mir mehr Gehör zu verschaffen. Wie ich vorher schon sagte, wir müssen uns wieder drauf besinnen, was wir bereits direkt um uns herum und auch in uns haben und daraus Dinge entwickeln. Den anderen Ballast brauchen wir nicht. Überfluss – mein Gott. Aller Besitz macht ja riesig Stress! Und das Leben gelingt besser mit leichtem Gepäck.

 

DESI Training Center (Foto: Naquib Hossain)

Mittlerweile bist du mit der UNESCO verknüpft und lehrst an diversen Hochschulen zum Lehmbau. Hast du den Eindruck, dass sich dank eurer immer stärkeren Präsenz etwas ändert? Hast du das Gefühl, heute mehr als früher einen Hebel ansetzen zu können, gemeinsam mit Gleichgesinnten?

Seit Kurzem haben wir nun auch Kontakte zu Ministerien, langsam geht es voran, ja. Leider hängt die Politik [in Deutschland] immer von Wahlperioden ab und ist zudem langsam. Wichtiger fände ich es, wenn die Universitäten aktiver würden. Zwar geht es auch da los: Die ETH hat inzwischen einen CAS/DAS ETH in Regenerative Materials, wovon Lehmbau ein großer Teil ist. BASEhabitat, ein Studio des Architekturdepartements der Kunstuniversität Linz, hat ebenfalls einen Schwerpunkt im Bereich Lehmbau, und in Liechtenstein und Harvard haben Martin Rauch und ich schon Kurse geleitet. Auch an anderen Universitäten wie der Columbia ist eine Veränderung spürbar. Ja, es passiert schon etwas, aber es müsste mehr kommen. Von den Universitäten erwarte ich mir, dass sie eine Vorreiterrolle übernehmen. Leider geschieht das noch viel zu wenig. Viele Professoren fürchten sich vor Veränderungen, – denn wenn man etwas lehrt, sollte man natürlich auch in seinen eigenen Projekten die entsprechende Haltung zeigen. Doch noch zu oft unterrichten Leute, die sehr erfolgreich im Mainstream sind. Das muss man ändern.

Es ist sicher nicht sehr zielführend, wenn eure Veranstaltungen zum Lehmbau und zu traditionellen Bauweisen stets ein Nebenschauplatz bleiben und die Absolvent*innen der Universitäten und Fachhochschulen schlussendlich direkt als Angestellte in gewöhnliche Büros gehen.

Absolut! Absolvent*innen müssen raus ins Feld und nicht in die Büros. Sie müssen erst eine eigene Haltung finden, einen eigenen Weg, denn gerade in diesem Lebensabschnitt muss man noch keinen Kredit abzahlen oder sich um Kinder sorgen. Ich spüre, dass der Wunsch in der jungen Generation durchaus da ist, aber manchmal fehlen der Biss und das Vertrauen. Ich versuche, meine Student*innen zu ermutigen, und sage ihnen: Habt Vertrauen, man muss nicht im Mainstream landen! Jeder Mensch kommt mit einem gewissen Talent auf die Welt, und es ist völlig unlogisch, diese Talente nicht zu leben. Ich glaube, man muss sich auch etwas vom Gedanken eines fixen Einkommens lösen, das am Ende des Monats da ist. Das ist bei mir auch selten der Fall.

Das bedingungslose Grundeinkommen steht immer öfter zur Diskussion. Es würde Menschen ermöglichen, kreativ zu sein und neue Dinge zu entwickeln, so die Befürworter. Es könnte aus Deutschland einen ganz anderen Forschungs- und Wissensstandort machen.

Ich finde das Grundeinkommen auch einen sehr interessanten Gedanken. Es wird sich lohnen, das zu testen. Wichtig ist einfach, die menschliche Arbeitskraft als Energieressource anzusehen. Aktuell sind für uns Öl, Wind, Wasser und die Sonne Energiequellen, aber der Mensch ist auch eine. Öl wird trotz größter Umweltbelastungen viel zu gering besteuert, der Mensch hingegen muss auf seine Arbeit sehr hohe Steuern zahlen. Das macht zum Beispiel auch den Lehmbau teuer und das Handwerk im Allgemeinen. Und eigentlich müsste ein Material doch teurer sein, wenn es einen hohen CO2-Ausstoß verursacht oder nicht recycelbar ist.

 

Bau des neuen Altars im Wormser Dom (Foto: Norbert Rau)
Gemeindemitglieder bringen persönliche Andenken in den Lehm ein. (Foto: Norbert Rau)
Foto: Norbert Rau

Hinter Materialien wie Beton und Stahl stehen starke Lobbys …

Wir müssen dennoch dranbleiben und mit guten Beispielen überzeugen. Menschen sind durchaus begeisterungsfähig, und dabei spielen Schönheit und gute Architektur eine ganz wichtige Rolle. Ein gutes Beispiel ist für mich Vorarlberg. Dort war der Holzbau vor 30 bis 35 Jahren etwas Neues. Heute ist er völlig selbstverständlich, und die ganze einheimische Industrie hat sich danach entwickelt. Das hat zwar eine Generation gebraucht, aber es fing auch mit ein paar Leuten an, die für Spinner erklärt worden sind. Jede Bewegung hat mit ein paar wenigen angefangen. Systeme können sich ändern.

Finden eure Projekte wie die METI School und das DESI Center in benachbarten Gemeinden Nachahmer? Merkt ihr, dass ihr eine Art Vorbildfunktion mit eurer nachhaltigen, lokalen Bauweise einnehmen könnt?

Ach, das braucht viel Geduld. Erst gab es die Kolonialzeit, dann die Missionarstätigkeit, schließlich die sogenannte Entwicklungshilfe. Und immer wurde anders gebaut. Wenn man in Bangladesch mit dem Auto fährt, sieht man alle hundert Meter eine Werbung für Zement, Aluminium oder Klimaanlagen. Da ist eine Handvoll Projekte natürlich erst ein Anfang. Trotzdem wird der Lehm inzwischen auch von den Architekt*innen in Bangladesch als nachhaltiges wie modernes Baumaterial wahrgenommen.

Aktuell baut ihr einen Schulcampus in Tatale im Nordosten Ghanas. Ihr kommt als Frauen aus Europa in eine multikonfessionelle, patriarchalisch geprägte Region und setzt euch für neue (alte) Bauweisen ein. Geht das gut?

In Ghana ist es schon ein Kampf. Die katholische Kirche hat dort – wie auch alle Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen – über Dekaden anders gebaut, vor allem mit Beton. Jetzt kommt da auf einmal eine Frau aus Europa und sagt, sie sollen das anders machen. Es ist durchaus ein Unterschied, was die österreichischen Salesianer denken und was jene denken, die in Ghana schon ewig vor Ort sind. Man muss sich langsam herantasten, Vertrauen aufbauen und sich beweisen. Ich merke, was hilft, ist gute Architektur. Und Geduld.
In Bangladesch haben wir aktuell das Problem, dass die Regierung als Entwicklungsprogramm gratis Wellblechhütten verteilt. Nun reißen die Leute ihre Lehmhäuser ein. Damit sieht das schönste Dorf jetzt aus wie ein Slum. Gerade dort, wo ich dachte, wir seien auf einem guten Weg, fängt die Regierung an mit so einem fragwürdigen Programm. Die Leute im Dorf wissen natürlich, dass die Lehmhütte selbst gebaut werden kann, das Wellblech hingegen einen Wert von soundsoviel bangladeschischen Taka hat. Deshalb sagen sie zu diesem Geschenk nicht nein. Dass die Hütte im Sommer extrem heiß, im Winter aber eiskalt ist und nach zehn Jahren total schäbig aussieht, wird nicht bedacht. Aber vielleicht müssen sie das jetzt wieder mal erleben, und wir arbeiten indessen weiter und stellen Alternativen vor. Es ist schon manchmal mühsam.
Nichtsdestotrotz geben wir nicht auf. Ich bin und bleibe Idealistin und davon überzeugt, dass wir die Kraft zur Veränderung, zur guten und friedlichen Entwicklung in unseren Händen und Gedanken haben.

Liebe Anna, vielen Dank für deine Zeit. Bitte macht weiter so. Alles Gute euch in Ghana und wo immer es euch hin verschlägt für eure Projekte.

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