Ohne Abstriche: Instandsetzung der Neuen Nationalgalerie von David Chipperfield

Ulf Meyer
3. mai 2021
Foto: Simon Menges

Eines der bedeutendsten Baudenkmäler Deutschlands erstrahlt in neuem Glanz. Die Sanierung erforderte viel Fingerspitzengefühl.

Die Anforderungen an Barrierefreiheit, Logistik, Klimatisierung, Beleuchtung und Sicherheit für ein großes Museum sind heute ins teils Aberwitzige gestiegen. Nicht alle konnten bei der Instandsetzung der Neuen Nationalgalerie in Berlin erfüllt werden. Und das ist eine gute Nachricht. Denn nur so ließ sich die Raumwirkung von Ludwig Mies van der Rohes (1886–1969) Meisterwerk einigermaßen retten.

Die Betonkonstruktion des Podestgeschosses musste komplett saniert und die Haustechnik ausgetauscht werden. In Berlin gibt es nur einen Architekten, der das nötige Vertrauen der Staatlichen Museen genießt, eine so wichtige und zugleich schwierige Aufgabe anzugehen: David Chipperfield. Er war mit dem Ziel angetreten, beim Umbau nicht als Entwerfer in Erscheinung zu treten – weitgehend wurde das erreicht. Um den Rohbau freizulegen, musste ein Puzzle aus 35 000 Bauteilen zerlegt und später neu zusammengesetzt werden. Die Anforderungen seitens des Denkmalschutzes und des Museumsbetriebs widersprachen sich dabei in vielfacher Hinsicht.

David Chipperfield wollte mehr als eine respektvolle Sanierung eines Hauptwerks der Moderne, er fasste das Gebäude selbst als Kunstwerk auf und behandelte es entsprechend. »Ein Gebäude von solch unantastbarer Autorität zu zerlegen, war ein Privileg. Hinter die Fassade zu blicken, hat die Genialität und Mängel offenbart. Unsere Arbeit war von chirurgischer Natur. Sie befasste sich mit technischen Belangen, um seine Vision zu schützen, in einem Gebäude, in dem man nichts verstecken kann« – so formuliert es Chipperfield selbst, der Corona-bedingt sein Werk noch gar nicht gesehen hat. Im Detail haben sich seine Berliner Mitarbeiter Alexander Schwarz und Martin Reichert um den architektonischen Meilenstein gekümmert. Ihnen sei es nicht um den Erhalt der Aura gegangen, nicht um die Wiedergewinnung eines Bildes, sagen sie. Ihre Instandsetzung akzeptiere Alterung und Gebrauchsspuren – sofern die visuelle Erscheinung und die Gebrauchsfähigkeit des Hauses dies erlaubt hätten.

Foto: Simon Menges

Ein »Versprechen auf neuen Glanz, eine Verheißung neuer Qualitäten oder ästhetische Auffrischung« suchten sie nicht, sondern »nur eine Grundinstandsetzung des letzten Werks von Ludwig Mies van der Rohe« – selbst das stellte sich als EUR 140 Millionen teure Herkulesaufgabe heraus. Die Bedeutung der Neuen Nationalgalerie als Höhe- und Schlusspunkt der Moderne stellte hohe Anforderungen. Denn die Perfektion des Baudenkmals erlaubt und verzeiht wenig. Die Eingriffe der Berliner Architekten waren »treuhänderisch im Dienste des Denkmals und in der Verantwortung gegenüber Mies«. Denn »zeitlos modern« sind die Tempelhalle auf ihrem Podium, das modulare Entwurfsprinzip und der bewusste Verzicht auf ein gewisses Maß an Funktionalität auch heute noch.

Die Physis ist bei Mies’ Bauten immer von entscheidender Bedeutung für die Wirkung. Die Architekten mussten bei der Instandsetzung den richtigen Umgang mit Granit und Marmor, Brauneiche, schwarzem Stahl, Bronze und Glas ebenso klug finden wie mit profaneren Details – den abgehängten Decken etwa, den Sanitärräumen, der Raufasertapete im Direktorat, den Spannteppichböden und den Vorhängen. Spuren wurden akzeptiert und Schäden, wie schon erwähnt, repariert. Zuluftgitter, Leuchten und die Wandtelefone blieben erhalten. Der Verlust an Substanz betraf indes Estriche, Putze, Rabitzdecken, Vorsatzschalen aus Porenbeton, Wärmedämmungen und Dichtungen. Ein wichtiger Punkt war die Sanierung der Stahl-Glas-Fassade. Die Halteleisten waren korrodiert und die thermisch nicht getrennte Fassadenkonstruktion führte bei hoher Luftfeuchtigkeit und kaltem Wetter zu viel Kondensat. Nach reiflicher Abwägung fiel die Wahl letztlich auf eine Monoverglasung in einer weiterhin thermisch nicht getrennten Konstruktion. Allerdings kommt nun doppelt so dickes Verbundsicherheitsglas aus China zum Einsatz. Dasselbe Phänomen gab es vor einigen Jahren bei der Sanierung der berühmten Crown Hall des Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago durch Gunny Harboe. »Do you lose God if you have to change the detail?«, fragte Harboe rhetorisch in seinem Beitrag mit dem Titel »Restoring Mies« indem er sich auf Mies’ Ausspruch »Gott ist im Detail« berief.

Foto: Simon Menges
Foto: Simon Menges

Der Anschluss der Fassade an das Dach wurde so modifiziert, dass jene sich nun bewegen kann: Kurze Stahlschwerter ersetzen den durchlaufenden Flachstahl. Dehnpfosten auf jeder Fassadenseite können Bewegungen aufnehmen. Kondensat wird in Rinnen gesammelt und abgeführt. Die Lüftungstechnik für die Luftbeschleierungsanlage der Glasfassaden verwendet die bauzeitlichen Zuluftgitter. Im Untergeschoss wurden Garderobe und Buchladen in die ehemaligen Depots verlegt. Die Lager befinden sich jetzt in einem unterirdischen Neubau unter der Podiumsterrasse. Das Museumscafé blieb an seinem Platz und selbst die sogenannte Automaten-Wand wurde wiederhergestellt. 

Die Liebe zum Haus zeigt sich in allen Details. »Tempel wie Teppichboden, beides gehört zum Denkmal«, bringen die Architekten ihre Haltung auf den Punkt. 

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