Ando-Raffinement in Karlsruhe

Ulf Meyer
18. 2月 2021
Die breiten Treppen im Karlsruher Neubau sind fein detailliert (Foto: © Weisenburger)

Die Unternehmenszentrale der Weisenburger-Unternehmensgruppe wird von Rastatt nach Karlsruhe verlegt. Doch der Baukonzern zieht nicht in irgendein Gebäude – der Neubau stammt von Tadao Ando.

Nach Ansicht der Unternehmer kam – wegen ihres »Fokus‘ auf Betonbau und den klaren Linien« – als Architekt für den Entwurf ihres neuen Headquarters nur Tadao Ando aus Osaka in Frage. Doch der Pritzkerpreisträger und erfolgreichste japanische Architekt seiner Generation war erst nicht interessiert. Es brauchte sieben Versuche, bis sich Bauherr und Architekt auf ein Kennenlernen in Japan einließen, kurz darauf nahm Ando die Einladung zum Gegenbesuch in Karlsruhe und schließlich den Auftrag an. 

Design-Architekt: Tadao Ando Architect & Associates; Ausführender Architekt: archis - Architekten + Ingenieure GmbH (Foto: © Weisenburger)
 Foto: © Daniel Bollinger

Der Bauherr, der Unternehmer Nicolai Weisenburger, will »eine treibende Kraft für bezahlbares Bauen sein und für seine Mitarbeiter das beste Arbeitsumfeld schaffen.« Selbst die Standard-Bürotrakte in Andos Neubau wirken dank der Treppenaugen luftiger. Interne Treppen erübrigen die Fahrstuhlfahrt und weiten die Flure in die dritte Dimension. Ando beherrscht die Reduktion auf das Wesentliche und beweist mit seinem Karlsruher Entwurf, dass er selbst einem Bürobau im Neubaugebiet einer deutschen Mittelstadt Raffinement geben kann. Vielen der 500 Angestellten der Unternehmensgruppe ist die Lage ihres neuen Hauptsitzes gegenüber dem Karlsruher City-Park bereits vertraut. In den letzten Jahren hat die Firma Weisenburger dort 1400 Wohnungen gebaut.  

Andos Neubau schafft trotz – oder gerade wegen – der rigiden Architektur ein angenehmes Arbeitsumfeld. Denn der »Meister des Minimalismus« nutzt auch in Karlsruhe Sichtbeton im Maß der Tatami-Matten (auf diesen 90 x 180 cm großen Reisstrohmatten sitzen, wohnen und schlafen Japaner traditionell) und das Raster der Ankerlöcher als subtiles Gliederungs-Element. In dem Karlsruher Neubau ist dieses Raster jedoch dreidimensional. Die ebenen Oberflächen aus Ortbeton und Scharfkantigkeit geben dem Gebäude japanische Eleganz und Strenge. Alle Fugen verlaufen geschossübergreifend. Im spitzen Winkel leicht gegeneinander verschobene Büro-Winkel mit sieben Etagen schaffen im Grundriss wichtige Effekte: Zur Schauseite strukturieren Stützen ein loggia-artiges Entree, rückwärtig ist das Gebäude leicht gekrümmt. Die Geometrie ist nirgendwo dogmatisch wie bei vielen Entwürfen von zeitgenössischen deutschen und schweizer Architekten.

Das neue Hauptgebäude strahlt Konzentration und Ruhe aus – Karls Ruhe. Trotz der nackten, grauen Flächen ist es nicht unmenschlich oder abweisend: Grünflächen auf dem Dach sowie die vertikale Fassadenbegrünung mildern die Strenge. Die Fenster können geöffnet und die Dachflächen begangen werden. Den Innenhof, an dem die Cafeteria und das hauseigene Fitnessstudio liegen, prägen Sitzstufen aus Beton.

Die Krümmung der rückwärtigen Fassade nimmt man nur in der Schrägsicht wahr (Foto: © Daniel Bollinger)
Treppenaugen lassen die Büroflure luftiger wirken (Foto: © Weisenburger)

Kein anderer japanischer Architekt hat so viele und hochkarätige Gebäude in Deutschland gebaut wie Ando. In der deutschen Provinz hat er drei Bauten realisiert: In Bad Münster am Stein das Skulpturenmuseum für die Fondation Kubach-Wilmsen, in Neuss die Sammlung Langen und in Weil am Rhein einen Konferenzpavillon für den Möbelhersteller Vitra. Das Gebäude in Karlsruhe ist der erste urbane Entwurf – insofern schließt sich ein Kreis in der Karriere des in diesem Jahr 80 Jahre alt werdenden Architekten. Seine ersten Werke waren Wohnhäuser im dichten urbanen Geflecht japanischer Städte: Abweisende Refugien im urbanen Chaos, geschützte Räume für Menschen. Diese yohaku genannten »Leerstellen«, wie man sie aus der Landschaftsmalerei kennt, hat Ando in Karlsruhe in die dritte Dimension übersetzt. Das zentrale »Nichts«, der zen-artig leere Raum, ist hier ein einfacher Innenhof.

Die Beton-Moderne stand schon am Beginn von Andos Karriere – speziell die Auseinandersetzung mit Le Corbusiers béton brut und Louis Kahns reinen Geometrien. Aus der Dualität von Licht und Dunkel, offen und geschlossen, Masse und Raum formt Ando seitdem spannende Dramaturgien. Für Ando »entsteht ein Bauwerk in einer Dreiecks-Konstellation aus der Ambition des Bauherrn, dem Beherrschen der Bautechnik und der Überzeugungskraft des Entwurfes«. Er möchte »Bauwerke schaffen, die Effizienz, Wohlgefühl und Visionen« ausdrücken.
Das Prinzip, den Außenraum mit Interieurs zu verweben, hatte Ando im Azuma House von 1976 erstmals meisterlich formuliert: Anhand von mehr als hundert Hausentwürfen hat der Autodidakt aus Osaka sein formales Repertoire in der Zwischenzeit erweitert, aber nie mehr in Frage gestellt. Die »Sensibilität für das Rohe«, das wabi-sabi wie man es in Japan nennen würde, der feine Sichtbeton, in situ gegossen, starke Geometrien, die Genauigkeit und das Raffinement im Detail ergeben eine Formel, die immer noch trägt.  
Die Oberflächen in Andos Bauten sind so glatt, dass sie ihre Umwelt spiegeln. Sauber geschnitten, wirken seine Betonwände plötzlich leicht und glänzend. Das Spiel von Tageslicht und Schatten auf den blanken »Leinwänden« belebt Andos minimalistischen Räume. Die Ästhetik schafft meditative Orte allein durch Licht. Über ein halbes Jahrhundert hinweg hat Ando sein gestalterisches Vokabular weiterentwickelt und verfeinert. Das Raumerlebnis ist ihm auch bei dem Karlsruher Bürogebäude wichtiger als die Fassade.  

 Über die Dachlaterne erreicht man die große Terrasse (Foto: © Weisenburger)
Sitzstufen im Innenhof (Foto: © Weisenburger)

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