Angemessen ist, wenn zurückhaltend nicht schüchtern bedeutet

Plasma Studio
8. outubro 2021
Foto © Florian Jaenicke

Ulla Hell spricht über ein Bistro, das sie mit ihrem Team von Plasma Studio in Südtirol gestaltet hat. Die Architektin hat sowohl auf die imposante Berglandschaft rundherum als auch auf die teils geschützten Nachbarbauten reagiert.

Frau Hell, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Unser Bistro Bergsteiger ist gestalterisch eine zurückhaltende Geste, was aber nicht eine schüchterne Architektursprache bedeutet. Wir haben angemessen auf den Bauplatz reagiert, der ein ganz besonderer Ort am Zugang zur UNESCO Weltnaturerberegion Dolomiten ist. Das Bistro fügt sich in ein Ensemble aus Bestandsbauten eines Hotels und zweier denkmalgeschützter Häuser im Heimatstil ein. Unser Gebäude nimmt Fluchten und Materialien der Nachbarbauten auf und setzt mit seiner Ausrichtung und seinen Öffnung die umliegende Bergwelt in Szene. So wenig als möglich, aber so viel wie nötig – das war unser Leitfaden beim Entwurf.

Foto © Florian Jaenicke
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Es gibt nicht wirklich eine Inspiration, wohl aber war der Respekt vor dem Ort und dem Umfeld das Leitmotiv für den Entwurf.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Der Ort ist imposant, der Ausblick überwältigend! Die benachbarten Bauten sind, wie bereits angedeutet, im lieblichen, detailreichen Heimatstil ausgeführt. Der Bauplatz liegt am Zugang zu einem Talschluss und kann als touristischer Hotspot bezeichnet werden. Es galt, eine Architektur zu schaffen, welche sich einfügt, sich zurücknimmt und sich nicht aufdrängt. Wir haben also Bezug auf das gebaute Umfeld genommen und ein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, die Aussicht einzufangen und für die Besucher zu inszenieren. Der gewohnten Wahrnehmung des Ortes sollte so wenig wie möglich hinzugefügt werden.

Foto © Florian Jaenicke
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Bauherrschaft ist in unseren Projekten immer ein wichtiger Partner. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören und aus den Wünschen und Anforderungen Architektur zu schaffen. Der Bauherr sollte den Entwurfsprozess verstehen und mittragen, denn nur so kann er als späterer Nutzer das Gebäude proaktiv bespielen. 

In diesem Beispiel wohnen die Bauherren seit jeher an diesem Platz und sind die Nachfahren einer bekannten Bergsteigerdynastie. Ihr Respekt vor dem Ort und ihre Geschichte sind im Entwurf immer präsent.

Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Eigentlich gab es wenige Änderungen. Man könnte wohl eher von einem feinen Justieren und einem tieferen Eintauchen in die Bauaufgabe sprechen.

Foto © Florian Jaenicke
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Unsere Projekte in Südtirol stehen meist im Dialog mit der umgebenden Bergwelt. Es sind oft kleinere Bauten, welche sehr subtil auf ihren gebauten oder topographischen Kontext reagieren. Wir suchen dabei stets nach einer angemessenen Formensprache, welche nicht unbedingt eine Neuinterpretation von bekannten Typologien bedeutet. Unsere Gebäude suchen Anknüpfungspunkte zum Umfeld und entwickeln sich aus diesen heraus. Meist versuchen wir, Innen und Außen zusammenzuführen – bei so szenischen Ausblicken wie beim Bistro Bergsteiger sind wir bestrebt, diese einzufangen und möglichst vielen Nutzern oder Besuchern eine gewissermaßen demokratischen Aussicht zu bieten.

Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Die verwendeten Materialien stehen in engem Bezug zum Ort: Es wurde grober Spritzwurfputz wie beim benachbarten denkmalgeschützten Gebäude verwendet, und dem Sichtestrich sind Zuschläge beigefügt, welche direkt vor Ort entnommen wurden. Die Schalungsausführungen in heimischem Lärchenholz zitieren außerdem Details der Nachbarn im Heimatstil. Beim eingesetzten Naturstein handelt es sich um Dolomitgestein, und die Farbpalette orientiert sich an jener der umliegenden Bestandsbauten. Vor allem aber nimmt sich unser Bauwerk zurück und integriert sich in die sensible Landschaft. Von oben gesehen lässt das intensiv begrünte Dach das Volumen fast verschwinden.

Foto © Florian Jaenicke
Situation
Grundriss
Schnitte
Bauwerk
Appropriate_Bistro Bergsteiger
 
Standort
Fischleintalstraße 33, 39030 Sexten, Südtirol, Italien
 
Nutzung
Restaurant
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
Plasma Studio, Sexten
Projektleiterin: Ulla Hell
Beteiligte Mitarbeiter: Peter K. Pichler und Niccolo dal Farra
 
Fachplaner 
Team 4, Ing. Klaus Seeber, Bruneck
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Energiestandard 
Klimahaus A
 
Fotos
Florian Jaenicke

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