Geburtstag einer Legende: Friedrich Kurrent ist neunzig

Manuel Pestalozzi
16. setembro 2021
Friedrich Kurrent während eines Vortrags über Adolf Loos und Josef Hoffmann im Rahmen der Schau »Wege der Moderne. Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen« von Matthias Boeckl und Christian Witt-Dörring (Screenshot von YouTube: Elias Baumgarten)

Friedrich Kurrent brilliert immer – gleich, ob nun als Architekt oder Ausstellungsmacher, ob als Kritiker, Lehrer oder Kämpfer für den Erhalt alter Bausubstanz. Kurzum: Er ist eine Institution der österreichischen Architekturszene. 

Es sei nicht viel, das er (bisher) bauen konnte, sagt Friedrich Kurrent. Nun, vielleicht hat er ja wirklich, wie er da mit einem Augenzwinkern behauptet, nicht besonders viel gebaut – verglichen mit anderen Architekt*innen wenigsten. Doch Richtungsweisendes ist zweifelsohne darunter. Man erinnere sich beispielsweise nur an seine Sakralbauten. Gewiss ist indes, dass der einstige Professor der TU München weit mehr ist als »bloß« ein Architekt. Der großartige Friedrich Achleitner (1930–2019) nannte ihn in einer Laudatio einmal einen Lehrer, Aktivisten, Aussteller, Entdecker, Forscher, Gründer, Kritiker, Leser, Schreiber, Urbanist, Zeichner und Retter. Dieses überschwängliche Lob macht klar, warum der Müry Salzmann Verlag es sich genauso wenig nehmen ließ, Kurrent öffentlich zu seinem neunzigsten Geburtstag zu gratulieren, wie das Architekturzentrum Wien. Und auch Medien wie die Tiroler Tageszeitung oder die Kleine Zeitung, für die Architektur sonst meist eher im Zuge von Skandalen Thema ist, nutzen die Gelegenheit, um das Wirken Kurrents ausführlich zu würdigen.

Zusammen mit Wilhelm Holzbauer, Otto Leitner und Johannes Spalt gründete Kurrent 1950 die einflussreiche arbeitsgruppe 4, welche sich unter anderem im Sakralbau hervortat und für den Ausbau des Wettbewerbswesens in Österreich kämpfte. In bleibender Erinnerung sind auch die Ausstellungen, die Kurrent zusammen mit seinen Mitstreitern aus der arbeitsgruppe 4 aufgleiste – zum Beispiel über Kirchen-, Schul- und Theaterbau. Der Jubilar setzte sich außerdem immer wieder – und damit war er seiner Zeit eindeutig voraus – für den Erhalt alter Bausubstanz ein. Unvergessen ist zum Beispiel sein Einsatz für das Biedermeierhauses am Spittelberg in der Hauptstadt. Auch die Bank in der Wiener Mariahilfer Straße von Adolf Loos blieb vor allem dank seinem Engagement stehen.

Kurrent war zudem Gründungsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Architektur, der Plattform für die unabhängige und kritische Debatte über Architektur und Stadtplanung – zusammen mit Friedrich Achleitner, Maria Biljan-Bilger, Sokratis Dimitriou, Wolfgang Gleissner, Viktor Hufnagl, Traude Windbrechtinger und Wolfgang Windbrechtinger. Übrigens gründete sich der Verein unter anderem wegen des katastrophalen Umgangs mit historischer Bausubstanz im Österreich der 1960er-Jahre. 

Eine Sache allerdings gelang Kurrent, der noch immer für viele ein Vorbild ist, bisher nicht: die Erfüllung seines Herzenswunsches, eine Synagoge am Wiener Schmerlingplatz zu bauen. Eine Serviettenskizze dazu findet sich im Archiv des Architekturzentrums Wien.

Auch wir gratulieren aufs Herzlichste!

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