Eros loci

 Carsten Sauerbrei
6. December 2017
Auf der Seeseite öffnet sich das teilweise eingegrabene Erdgeschoss mit großzügigen Verglasungen zur Landschaft. (Bild: Michael Moser)
Im Sommer eröffnete das neue HOTEL «SEEZEITLODGE» im saarländischen Gonnesweiler. Liest man, wie schwärmerisch die Berliner Architekten von GRAFT über ihren Neubau und die Atmosphäre des Bauplatzes schreiben, so muss es wohl Liebe-auf-den-ersten-Blick gewesen sein.
Der «genius loci» ist ein viel beschworener Parameter, wenn es um Ideenfindung und Konzeption in der Architektur geht. Dabei denken Architekten eher an das Anknüpfen an lokale Bau- und Architekturtraditionen und weniger an Schutzgeister oder spirituelle Qualitäten von Ortschaften. GRAFT Architekten, Berlin kommen der ursprünglichen Begriffsbedeutung der römischen Mythologie jedoch durchaus nahe, wenn sie mitteilen, die Kräfte des malerisch auf einem kleinen bewaldeten Kap oberhalb des Bostalsees gelegenen Bauplatzes nicht zu stören, sondern sie aufzuspüren und verstärken zu wollen.
Den zweigeschossige Hotelzimmerriegel platzierten die Architekten auf der Spitze eines kleinen Kaps am Bostalsee. (Bild: Airteam)
Um den dreigeschossigen Baukörper harmonisch in die vorhandene Hügellandschaft zu integrieren und gleichzeitig die Lage bestmöglich zu nutzen, gruben die Architekten dessen Erdgeschoss mit Restaurant, Veranstaltungsräumen, Spa und Back-of-House einerseits zu großen Teilen ein und öffnen es andererseits auf der Seeseite mit großzügigen Verglasungen zum Panoramablick auf den See. Oberhalb des teil-eingegrabenen Erdgeschosses brachten sie die 100 Hotelzimmer in einem die Hügelspitze selbstbewusst besetzenden und dennoch leicht wirkenden Riegel unter.
Die Holzlamellenfassade fungiert als Sonnenschutz und Filter zwischen Außen und Innen, Natur und Architektur. (Bild: Michael Moser)
Auf allen Gebäudeseiten geben die komplett verglasten Außenseiten der Hotelzimmer und Suiten nahezu unverstellt den Ausblick auf See und angrenzenden Eichenwald frei, gefiltert nur durch die als Sonnenschutz fungierende und gemeinsam mit den Stuttgarter Ingenieuren von Transsolar entwickelte Holzlamellenfassade. Auch die Fassade passt aufgrund des natürlich ablaufenden Verwitterungsprozesses perfekt zum Konzept der Einbindung in die Natur. Wie ein halbdurchlässiger Filter vermittelt sie vor den großen Loggien zwischen Natur und Architektur und bringt mit ihrer an Barcodes erinnernden Struktur auch ein wohltuend kontrastierendes, künstliches Element in die Formensprache des Gebäudes ein.
Die komplett verglasten Außenwände der Zimmer und Suiten ermöglichen einen nahezu unverstellten Ausblick in die Landschaft. (Bild: Michael Moser)
Ob nun tatsächlich die Ausrichtung der Blickachsen in der Lobby auf die Sonnenuntergänge zur Tag-und-Nach-Gleiche bzw. zur Sommer- und Wintersonnenwende dem Haus eine spezielle Verbindung zu universellen Himmelszyklen einschreiben, wie GRAFT mitteilen, mag man glauben oder nicht. Die Einbindung in Natur und Topographie ist den Architekten auf jeden Fall überzeugend gelungen. Was bei diesem Projekt jedoch leider zu kurz kommt, sind die ganz nüchternen, rationalen Beiträge, die Architektur und Bauherren zum Umweltschutz leisten können, wie die Nutzung von Solarenergie, Dachbegrünungen oder der intensive Einsatz ressourcenschonender Baustoffe.

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