Rokoko remastered

 Carsten Sauerbrei
6. October 2017
Der Zuschauersaal der Staatsoper Berlin zeigt auch nach Umbau die Neo-Rokoko-Architektur des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg, ergänzt um die zeitgenössisch gestaltete Nachhallgalerie. (Bild: Gordon Welters/Staatsoper Berlin)
Am 3. Oktober eröffnete die Berliner Staatsoper Unter den Linden nach siebenjähriger Umbauzeit neu. Der Architekt HG Merz bewahrte dabei in den Innenräumen weitgehend die Neo-Rokoko-Architektur des DDR-Architekten Richard Paulick von 1955.
Dass Berliner Bauprojekte selten im Zeit- und Kostenrahmen bleiben, daran hat man sich schon fast gewöhnt. Um so größer ist die Freude, wenn wenigstens eine Skandalbaustelle geschlossen werden kann. So geschah es diese Woche, am Tag der Deutschen Einheit mit der Berliner Staatsoper Unter den Linden, die nach Sanierung und Umbau erfolgreich wiedereröffnet werden konnte. Allerdings beliefen sich die Baukosten mit rund 400 Millionen Euro am Ende auf fast das Doppelte der ursprünglich veranschlagten Summe und auch die Bauzeit verlängerte sich von geplanten drei auf schließlich sieben Jahre.
Die selbsttragende Netzstruktur der Nachhallgalerie besteht aus glasfaserverstärkter Phosphat-Keramik. (Bild: Gordon Welters/Staatsoper Berlin)
Die Architekten des Berliner Büros von hg merz architekten museumsgestalter sahen sich 2009, nach Gewinn des zweiten Architekturwettbewerbs zur Sanierung des Gebäudes, vor die Aufgabe gestellt, im Äußeren möglichst viel von der Barock-Originalsubstanz von 1743 zu erhalten und im Inneren von der Neo-Rokoko-Architektur des Wiederaufbaus von 1955 und gleichzeitig Gebäude und Technik für heutige Ansprüche zu modernisieren. Sichtbar wird diese Gratwanderung zwischen Bewahren und Modernisieren vor allem beim Zuschauersaal, dessen historische Decke die Architekten um fünf Meter anheben ließen, um die Akustik auf die gewünschten 1,6 Sekunden Nachhallzeit zu verbessern.
Die parametrisch entwickelte Rautenstruktur der Nachhallgalerie entstand auf Grundlage des Netzornaments der historischen Saaldecke. (Bild: Gordon Welters/Staatsoper Berlin)
Den zwischen neu eingebauter, historischer Saaldecke und drittem Rang entstandenen Zwischenraum schloss HG Merz mit einer neuen Nachhallgalerie, die er gemeinsam mit den Ingenieuren von Knippers Helbig Advanced Engineering entwickelte. Die selbsttragende Netzstruktur der Nachhallgalerie besteht aus glasfaserverstärkter Phosphat-Keramik und das parametrisch entworfenes Rautenmuster entstand aus einem Netzornament der historischen Saaldecke Richard Paulicks. Die Akustik konnte damit zwar wie gewünscht verbessert werden, die lange bekannten Sichtbehinderungen und beengten Sitzverhältnisse im Saal blieben jedoch leider auch mit dem Umbau erhalten, wie der Musikkritiker Frederik Hanssen feststellt.
Vor dem Umbau befand sich die Saaldecke fünf Meter tiefer, direkt über dem dritten Rang. (Bild:Stefan Christian Hoja Etielle/Wikimedia Commons)
Der Berliner Architekturkritiker Nikolaus Bernau vermisst nach der Sanierung des Gebäudes Details der auf Egalität ausgerichteten DDR-Architektur. Daher fragt man sich am Ende doch, ob bei so vielen, auch nach der denkmalgerechten Sanierung weiter bestehenden Unzulänglichkeiten nicht ein kompletter Neubau nach dem Entwurf des Gewinners des ersten Wettbewerbs zur Sanierung der Staatsoper, des Berliner Architekten Klaus Roth die bessere und kostengünstigere Lösung gewesen wäre.

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