Ein Lernbuch der Lebenskunst

Susanna Koeberle
24. november 2022
Jacqueline Burckhardt im Spezialkurs für Wandmalerei am International Center for Conservation and Restauration in Rom im Jahr 1972 (Foto © Privatarchiv Jacqueline Burckhardt)

Es hatte schon etwas Staub angesetzt, doch ich fand das Programmheft aus dem Jahr 1987 wieder. Ich bin zwar eine notorische Büchersammlerin, aber Programmhefte schaffen es selten in mein Regal. Dass ich es dennoch aufbewahrt habe, spricht also für sich. Das Blättern darin weckte Erinnerungen an eine prägende Erfahrung. Die Rede ist von der Aufführung von »Arlecchino servitore di due padroni«, einem Stück von Carlo Goldoni (1707–1793), das der große Giorgio Strehler im Piccolo Teatro von Milano inszeniert hatte. Es war meine erste Begegnung mit der Commedia dell’arte; die Mischung von Derbheit und Zartheit verbunden mit feinem Humor machte großen Eindruck auf mich. Und die Schauspieler*innen erst! Die Bühne, das Licht! Magie pur. Nach dem Besuch dieser Vorstellung – und es sollten später noch mehr Strehler-Inszenierungen folgen – wollte ich Theater machen. Nach einem Jahr Hospitanz am Schauspielhaus entschied ich mich dann doch fürs Literaturstudium. 

Als ich aber die Ankündigung der Publikation über die Kunsthistorikerin, Kuratorin, Autorin und Restauratorin Jacqueline Burckhardt (*1947) bekam und den Titel las, nämlich »La mia commedia dell’arte«, wusste ich, dass ich dieses Buch lesen musste. Nicht zuletzt, weil ich selber mehrmals Zeugin gewesen war ihrer brillanten Referate, die sie jeweils ohne Notizen und mit einer Nonchalance vortrug, als ob es sich dabei um eine Geschichte aus »Tausendundeiner Nacht« handelte und nicht um zeitgenössische, schwierig zu durchschauende Kunst. Was hat nun die Commedia dell’arte – abgesehen von der Bezugnahme auf die Kunst – mit dem Wirken der Kunstpassionierten zu tun?

Viel, wie sich sowohl anlässlich der Präsentation der Publikation als auch bei der Lektüre herausstellte. Schon wenn man das Buch zur Hand nimmt, irritieren die bunten Fragmente von Menschen, Tieren (beziehungsweise einem, dem Oktopus) und Dingen auf grauem Hintergrund. Für das Cover haben Herbert Lachmayer und Kai Matthiesen ein »Hermeneutic Wallpaper« gestaltet, wie es Lachmayer häufig bei Ausstellungen als Teil der Szenografie verwendet. Die Figuren auf dem Buchumschlag sind gleichsam Protagonist*innen von Burckhardts persönlicher Commedia. Ein klassisches Commedia-dell’arte-Stück handelt von der Unberechenbarkeit des Lebens, von glücklichen Fügungen, aber vor allem von menschlichen Wesen und ihren Irrungen und Wirrungen. 

Mit Tirdad Zolghadr (links) und Juri Steiner (rechts) an der Sommerakademie im Zentrum Paul Klee im Jahr 2009 (Foto: David Aebi)

Dass Burckhardt vor allem an Menschen interessiert ist und nicht primär an ihrer Kunst oder sonstigen Outputs, zeigt sich nicht nur am Cover, sondern auch daran, dass die Hälfte des Buches aus Gesprächen zwischen ihr und Juri Steiner besteht. Der Kunsthistoriker, der seit Juli Direktor des Musée cantonal des Beaux-Arts (MCBA) ist, leitete von 2007 bis 2011 das Zentrum Paul Klee (ZPK). Er kam in dieser Zeit mit Jacqueline Burckhardt in Kontakt, die ab 2009 Direktorin der Sommerakademie des ZPK war. Das kollaborative Format richtete sich an Kunstschaffende und knüpfte in mehrfacher Hinsicht neue Fäden; daraus entwickelte sich auch ein fortdauernder Austausch zwischen Steiner und Burckhardt. Die ausgedehnten Gespräche zwischen den beiden ersetzen im Buch gleichsam eine langfädige Biografie. Leser*innen erfahren zwar in chronologischer Reihenfolge vom Werdegang der Hauptdarstellerin des Buches, doch die Exkurse und wiederholten Rückblicke machen die Lektüre der fünf Unterhaltungen zugleich zu einem Lehrstück in Lebenskunst, das durchaus auch für eine jüngere Generation inspirierend sein kann.

Wir erfahren also nicht nur von Burckhardts erster Ausbildung zur Restauratorin am renommierten Istituto Centrale di Restauro in Rom, sondern zugleich auch spannende Details zu konkreten Projekten und zu ihren Lehrer*innen. Ihre Erstausbildung hatte einen wesentlichen Einfluss auf ihre späteren Tätigkeiten, denn es geht ihr im weitesten Sinne um das Aufdecken von Schichten und das Fruchtbarmachen von alten Geschichten. Auch die Liebe zu Italien, zu dessen Kunst, Kultur und Sprache, blieb bestehen. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Zürich, das auf diese erste Ausbildung folgte, schrieb sie ihre Dissertation über Giulio Romano (1499–1546), einen »Universalisten«, wie sie den Maler, Architekten und Baumeister des Manierismus nennt. Das Eintauchen in dieses aparte Universum habe ihr geholfen, der Tristesse zu entrinnen, die Mitte der 1970er-Jahre in Zürich herrschte. Durch Romano lernte sie auch den Begriff »Sprezzatura« kennen, was eine »engagierte Nonchalance« und eine Gelassenheit bezeichne, die Leidenschaft nicht ausschließe, so die Romano-Kennerin. Dieser Haltung scheint sie bis heute treu geblieben zu sein, wobei Burckhardt betont, dass Sprezzatura so etwas wie ein Handwerk sei, das man erlernen könne.

Jacqueline Burckhardt mit Meret Oppenheim beim Restaurieren in ihrem Familienhaus in Carona. Das Foto entstand im Jahr 1981. (Foto © Privatarchiv Jacqueline Burckhardt)

Es ist diese Leichtigkeit gepaart mit Intensität, die sie immer wieder in der Kunst findet. Dabei fürchtet sie sich nicht vor der Kontamination mit anderen Disziplinen. Ihrer Offenheit und Neugierde ist es wohl zu verdanken, dass sie mit Geistesverwandten wie dem Regisseur, Designer, Künstler, Bühnenbilder und Architekten Robert Wilson zusammenkam. Sie beriet ihn etwa bei der Inszenierung einer Oper von Monteverdi (der wie Romano aus Mantua stammte); oder lud ihn zu einer Kollaboration mit der Kunstzeitschrift Parkett ein, die sie 1984 zusammen mit Bice Curiger, Dieter von Graffenried und Walter Keller gegründet hatte. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin war sie auch als Beraterin, Kommissions- und Vorstandsmitglied sowie als Kuratorin aktiv. Für die Expo.02 etwa gestaltete sie zusammen mit den Architekten Isa Stürm und Urs Wolf sowie der amerikanischen Multimediakünstlerin Laurie Anderson auf der Arteplage Yverdon-les-Bains die Ausstellung »Wer bin ich«. Später war sie einige Jahre Dozentin an der Accademia di Mendrisio und unterrichtete an der Tessiner Architekturuniversität zu den Themen Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum.

Eine Fotografie für die Ausstellung »SUBJEKTe.AT« (2019) in Feldkirch (Foto: Maurus Hofer)

Schon Jahrzehnte davor war Burckhardt eine treibende Kraft der Aufbruchstimmung, die in den 1980er-Jahren in der Zwinglistadt aufkam. In dieser Zeit entstanden auch viele Freundschaften zu Künstler*innen, Kunsthändler*innen und anderen Protagonist*innen aus der Kulturszene. Dieses Netz von Beziehungen war und ist für die geistige Nomadin, die als Kind von Diplomaten in mehreren Ländern aufgewachsen war, ihre eigentliche Heimat. Und obwohl sich einiges zum Besseren gewandelt habe, erkennt sie auch im heutigen Schweizer Wohlstandsklima eine gewisse Gleichgültigkeit. Auch der Kommerzialisierung der Kunstwelt steht Burckhardt skeptisch gegenüber.

Aus ihren Texten, die im zweiten Teil der Publikation zu finden sind, spricht die passionierte Kunstvermittlerin. Als Wissenschaftlerin sieht sich Burckhardt trotz ihrer akademischen Ausbildung nicht, vielmehr schimmert auch da die Spur der Restauratorin, der Macherin hindurch. Nicht Distanz prägt ihre Annährung an die Kunst, sondern eine lebendige Form der Interaktion mit dem untersuchten Gegenstand. Jede Kunstkritik sage auch etwas über die Autor*innen aus, sagt sie im Gespräch mit Steiner. Und wenn wir dort lesen, dass der Oktopus ihr Lieblingstier sei, dann sind wir keineswegs erstaunt. Das Tier besitzt nicht nur acht Tentakel, sondern auch neun Hirne – und damit ist noch lange nicht alles gesagt über dieses wundersame Lebewesen. 

Vielleicht ist Jacqueline Burckhardt deshalb alles Erstarrte und Dogmatische zuwider. Genau diesen verwegenen Mehrfachblick auf die Welt vermitteln uns auch die Künstler*innen mit ihren Experimenten und Fantasien. Dass diese nicht einfach eitle Selbstbespiegelungen sind, zeigen ihre Texte eindrücklich. Burckhardt nimmt uns mit auf elektrisierende Streifzüge durch die Werke ihrer Hero*innen. In ihrer Kritik zu Wilsons Inszenierung von »Le Martyre de Saint Sébastien« betont sie das Zusammentreffen von Vergangenheit und Gegenwart: »Anstatt aus der Distanz den auf dem Stück liegenden Staub auszumachen, ermisst Wilson kühn das Gewicht eines jeden Staubkorns«. Nun werde ich sogar das Gewicht des Staubes auf meinem Programmheft anders lesen.

Im April 2001 mit Laurie Anderson und Lou Reed anlässlich der Eröffnung der Parkett-Ausstellung im MoMa, New York (Foto © Parkett Archiv)
La mia commedia dell’arte

La mia commedia dell’arte
Theres Abt und Mirjam Fischer (Hrsg.)

235 × 170 Millimeter
392 Pagina's
Softcover
ISBN 9783907236307
Edition Patrick Frey
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