Lichter aus – die Zerstörung eines Baudenkmals

Ulf Meyer
30. d’abril 2021
Die Hauptverwaltung der Traditionsfirma OSRAM in München war Deutschlands erstes Großraumbüro. (Foto: Heinrich Heidersberger)

Walter Henns Opus magnum ist unwiederbringlich und ohne Not zerstört worden – obwohl der elegante Bau des Leuchtmittelherstellers OSRAM seine Anpassungsfähigkeit jüngst bewiesen hatte. Die Arbeiten zweier Fotografen bewahren die Erinnerung.

Der Abriss der ehemaligen Hauptverwaltung der OSRAM AG in München ist ein Skandal! Mit dem Rückbau des Baudenkmals verliert Deutschland einen wichtigen Zeugen der Nachkriegsmoderne: Walter Henn hatte 1965 (mit dem OSRAM-Hausarchitekten Dieter Ströbel zusammen) Europas erstes Haus mit Großraumbüros im Geiste Mies van der Rohes entworfen. Mit moderner Curtain-Wall-Fassade aus Leichtmetall, Bandfenstern und weißen Lamellen-Jalousien erstrahlte der silbrig glänzende Kubus in den Abendstunden von innen heraus wie seine Vorbilder in den Vereinigten Staaten. Im Jahr 2012 hatte das Unternehmen seinen Sitz in die Parkstadt Schwabing verlegt, wo es ein Hochhaus von Helmut Jahn bezog. Das Geschäft der Traditionsfirma mit Leuchtmitteln wurde dann 2016 an ein chinesisches Konsortium verkauft, vier Jahre später die OSRAM AG von einer Firma aus Österreich übernommen.

Foto: Heinrich Heidersberger

Ein kleiner Trost ist, dass das bahnbrechende Verwaltungsgebäude nicht nur zur Bauzeit, sondern auch kurz vor Abriss von einem hochkarätigen Architekturfotografen dokumentiert wurde: In den 1960er-Jahren war es der Wolfsburger Heinrich Heidersberger (beauftragt damals von Walter Henn), in den 2010er-Jahren kam dann HG Esch zum Zug (beauftragt von Walter Henns Sohn Gunter). Die wunderbaren Schwarz-Weiß-Fotos von Heidersberger hielten die Eleganz der Architektur der Braunschweiger Schule fest. HG Esch dokumentierte das Gebäude zu einer Zeit, da Flüchtlinge aus aller Welt unter unwürdigen Bedingungen in sogenannten Wohnboxen in den ehemaligen Großraumbüros untergebracht waren. Auch die Zerstörung des Baus 2018 hat Esch fotografiert. Das Gebäude wird derzeit durch ein Wohnviertel ersetzt, das von Ortner & Ortner gestaltet wurde. Dem Sohn des Erbauers, dem Architekten Gunter Henn, war es nicht gelungen, das Baudenkmal zu erwerben und zu restaurieren. Auch ein Vorschlag zur Erhaltung und Umnutzung des Hauses der Münchner Muck Petzet und Mathieu Wellner (2015) wurde nicht aufgegriffen.

In seinem zweiten Leben diente der OSRAM-Bau als Flüchtlingsheim. (Foto: HG Esch)
Foto: HG Esch

Ein Buch im Wasmuth & Zohlen-Verlag und eine Ausstellung in der Architekturgalerie Aedes in Berlin setzen dem OSRAM-Bau nun ein Denkmal. Der nach einem Essay von Rolf Sachsse »Restlicht« genannte Band zeichnet die Transformationen des Bürogebäudes nach. Das Buch erscheint anlässlich der Ausstellung »Haus und Horizont – Transformationen«, die noch bis 23. Mai 2021 laufen soll. Allerdings ist die Galerie aufgrund des Kultur-Lockdowns in Deutschland einstweilen geschlossen.

Foto: HG Esch
Restlicht. OSRAM München

Restlicht. OSRAM München
HG Esch
In deutscher und englischer Sprache

210 x 260 Millimeter
168 Pàgines
109 Illustrations
Hardcover
ISBN 9783803022172
Wasmuth & Zohlen-Verlag
Purchase this book

Altres articles d'aquesta categoria