Patrick Schumacher provoziert auf der Kreativwirtschafts-Woche in München

Back to the Future?

 Ulf Meyer
22. März 2017
Bilder: MCBW
Patrick Schumacher provokant, Julian Nieda-Rümelin gelassen: Auf der diesjährigen Munich Creative Business Week prallten im Rahmen der «Architecture Matters»-Diskussion Weltanschauungen aufeinander.
Die 6. «Munich Creative Business Week» (MCBW), Deutschlands größtes Design-Event, lockt alljährlich tausende Besucher an. Aus den über 200 Veranstaltungen für Designer und Architekten und Kreative ragte dieses Jahr speziell eine Veranstaltung heraus: Im Rahmen der «Architecture Matters»-Diskussion prallten das rhetorische Geschick, die Gelassenheit und die Präzision im Denken von Julian Nieda-Rümelin auf die Lust an der Provokation von Patrick Schumacher von Zaha Hadid Architects, dessen radikal-neoliberalen Thesen schon zuvor die Architekturwelt in helle Aufregung versetzt hatten.

Auch wenn der Themenschwerpunkt der Messe 2017 «The Smart Revolution» lautete, kam Schumachers Auftritt alles andere als smart daher – mit der Brechstange und hinter pseudo-theoretischen Floskeln nur mühsam kaschiert stellte der die Thesen aus seinem Manifest «Die Autopoiesis der Architektur» in aller Klarheit und Schärfe zur Diskussion. Die Marathon-Veranstaltung, vom «Büro A» organisiert, das kein Thema vorgab, bekam sofort Schlagseite: Der Philosoph Julian Nida-Rümelin und Patrik Schumacher erwiesen sich als perfekte Antagonisten: Als «zwischen hoch-intellektuell und Rammstein» angesiedelt hatten die Veranstalter die Diskussion tituliert und Nida-Rümelin übernahm gerne und schnell den «hoch-intellektuellen» und Schumacher den «Rammstein»-Part.
E. Christ
Emanuel Christ, dessen Büro Christ und Gantenbein aus Basel mit den Erweiterungen des Kunstmuseums in Basel und des Landesmuseums in Zürich unlängst europa-weit reüssiert hatte, hatte den Humus für die Debatte bereitet: Er wolle «Architektur so machen, wie man sie immer gemacht hat - allerdings in einer zeitgenössischen Form». «Instagram-Karrieren» möchte er seinen Gebäuden ersparen. Als «begeistert von Grau» und «fasziniert von fensterlosen Wänden» ruft Christ zum «Mut zur Langeweile» auf, zum «Ringen um unzeitgemäße Qualitäten», zum «produktiven fehl-interpretieren». Für den Basler «muss Architektur prätentiös sein». Christ sucht nach dem Typologischen und einfachen «seriellen Strukturen, in denen sich das Leben einrichtet», nach «würdiger Qualität statt lustiger Fassaden». Für ihn sind die Nachverdichtung bei gleichzeitigem Erhalt der Vielfalt die zentralen Aufgaben der Architektur und Stadtbaukunst unserer Tage.
Stärker könnte der Kontrast nicht sein zu Schumachers parametrischer Aufmerksamkeits-Architektur. Schumacher arbeitet derzeit daran, nach dem Tod seiner Ex-Chefin Zaha Hadid das Groß-Büro alleine erfolgreich weiterzuführen und als Hohepriester des «Parametrismus» in die Architekturgeschichte einzugehen. Als «obsessiver Denker» wurde er angekündigt. Was für eine Titulierung! Der in Philosophie promovierte Architekt hat dabei «keine Angst anzuecken» hieß es schon im Programm. Schumachers These lautet, dass nur die Abschaffung des sozialen Wohnungsbaus, der städtebaulichen Vorgaben, des «Social Engineerings», des Milieu-Schutzes, aller Wohnbau-Standards, aller Fördermittel und Subventionen inklusive Mietpreisbremse aus dem derzeitigen Dilemma führen könnte: »Privatise all streets, squares, public spaces and parks!” lautet der Kampfruf des enfants terrible, das akut Gefahr läuft, zum Politclown der Architektur zu werden. In letzter Konsequenz geht es Schumacher um die Abschaffung des Wohlfahrts- und Sozialstaates, sogar der Politik als solcher. Um zurück auf den Pfad der Prosperität zu finden, erscheinen ihm selbst Thatcher und Reagan als zu zahm. Schumachers «ostentative Unbescheidenheit» wurde bereits beschrieben. Sein sozial-darwinistischer Ansatz konnte nicht unwidersprochen bleiben.
Als «grotesk» bezeichnete Nida-Rümelin Schumachers «marktradikale Ideologie in Reinform». Die «soziale Entsicherung» und der übersteigerte Individualismus erscheinen ihm als Gefahr für die Gesellschaft. Nida-Rümelin beschäftigt sich gerne mit der Verbindung von Ethik, Stadt und Architektur, denn für ihn ist «Baukunst die perfekte Kunst, denn sie ist nicht herausgelöst aus dem Leben». Sie ist abhängig von der Lebensform und schafft sie zugleich.
P. Schumacher
J. Nida-Rümelin
Nur «die urbane Kultur erlaubt Vielfalt ohne Assimilation» – diese Aussage von Nida-Rümelin wirkt im Zeitalter der Massen-Immigration und sozialer Atomisierung plötzlich hochaktuell. Der Begriff «philia politike», den Nida-Rümelin aus der Schatzkammer Aristoles‘ Denken kramte, könnte tatsächlich den Klebstoff beschreiben, der unseren westlichen Gesellschaften derzeit auszugehen droht. Für Nida-Rümelin ist Architektur «die letzte integrale Kunstgattung im Sinne der technè, in ihr vereint sich das Künstlerisch-Kreative mit dem Technischen, dem Sozialen und Ökonomischen, so Aristoteles in seiner «Nikomachischen Ethik».
«Individualität muss durch Kooperation überwölbt werden» – diesem Nida-Rümelin‘schen Mantra könnte Schumacher gar nicht heftiger widersprechen. «Libertär-ökonomischer Atomismus» ist für Schumacher kein Schimpfwort, sondern Programm. Dass Nida-Rümelin der rein «ästhetischen Attitüde» der Starchitects geradwegs unterstellt «inhuman» zu sein, bringt den Wahl-Briten auf die Palme. Denn wenn für Nida-Rümelin «Architektur Bedingung und zugleich Ausdruck humanen Lebens» ist, ist sie für Schumacher eine Disziplin, deren Avantgarde sich selbst genügt. Wenn die «Netzwerk-Gesellschaft» nur noch «Knotenpunkte» architektonisch zelebrieren lässt, dann will es «der Markt» so – let it be! Nida-Rümelin pocht darauf, dass der kapitalistische Markt die Ethos-Norm braucht und die Architektur Partizipation, wenn sich nicht vom «Architektur-Ereignis zur Ereignis-Architektur» zusammenschrumpfen will.
Die 2. Ausgabe des «Architecture Matters»-Diskussionsformats auf der MCBW mag zu wenig kuratiert und ungenügend moderiert gewesen sein, aber gerade diese Schwäche hat sich als Stärke erwiesen. In dieser Deutlichkeit sind die beiden beherrschenden Positionen im Architektur- und Stadtdiskurs noch nie aufeinandergeprallt. Das Rumoren in der Gesellschaft ist unwiederbringlich im architektonischen Diskurs angekommen – und treibt dort schillernde Blüten! Das Laissez-faire ist der Debatte förderlicher als der Stadt.
Nida-Rümelin und Schumacher rechts

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