Jüdisches Museum Frankfurt

Martina Metzner
22. Oktober 2020
Blick vom zentralen Lichthof im Erweiterungsbau nach oben (Bild: Norbert Miguletz ©Jüdisches Museum Frankfurt)

Die behutsame Erweiterung und Sanierung des Jüdischen Museum Frankfurt durch Staab Architekten schafft in mehrfacher Hinsicht neue Perspektiven und Beziehungen.

Die Eröffnung des neuen Jüdischen Museums Frankfurt mit Erweiterungsbau und saniertem Altbau am 21. Oktober 2020 ist vor allem ein politisches Ereignis: Gerade jetzt, da wir durch den Anschlag in Halle vor mehr als einem Jahr und dem aufkommenden Antisemitismus besonders gefordert sind, bilden genau solche Häuser Orte des Austauschs, des Voneinander-Lernens und schließlich der Vertrauensbildung. Obwohl den Feierlichkeiten zur Eröffnung – die eigentlich schon für Mitte 2019 anberaumt war – nun durch die Pandemie ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde, dürfte dem neuen Ensemble in vielerlei Hinsicht eine große Aufmerksamkeit zuteil werden: Einerseits, weil es alles daran setzt, mit einem neuen, sehr gegenwartsbezogenen, zeitkritischen und interaktiven Ausstellungs- und Vermittlungskonzept sich aktiv in gesellschaftliche Diskurse einzubringen. Andererseits, weil die Verbindung von Alt- und Neubau zu einem Kulturensemble mitten in Frankfurt am Main herangewachsen ist, das die Stadt und ihre Architektur neu prägen wird.

Ariel Schlesingers Skulptur »Untitled« (2019) ist im Schutzgraben vor der Restaurant-Terrasse eingelassen. (Bild: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)
Schnitt durch den Übergang zwischen Alt- und Neubau (Plan: Staab Architekten)
Neue Adresse

Doch drehen wir die Zeit etwas zurück. Das Jüdische Museum Frankfurt wurde 1988 im historischen Rothschild-Palais eröffnet und ist das erste seiner Art in Deutschland. Im Laufe der Jahre benötigte man immer mehr Raum für zum Teil aufsehenerregende Wechselausstellungen, sodass die Stadt 2012 einen Wettbewerb für eine Erweiterung ausschrieb, bei dem sich das Architekturbüro von Volker Staab im zweiten Durchlauf gegen Kontrahenten wie töpfer.bertuliet.architekten und gmp durchsetzen konnte. Staab Architekten waren es, die den Erweiterungsbau zur sichtbaren Adresse des Jüdischen Museums machen und das klassizistische Palais von 1820 als Solitär erhalten wollten. 
Was Staab Architekten damals avisierten, ist größtenteils geglückt: Es ist ein ausgesprochen ausgewogener Dialog von Alt- und Neubau geworden, ein starkes Duo aus Geschichte und Gegenwart, ohne dass der niedrigere Erweiterungsbau das historische Palais zu sehr dominiert. Insgesamt ergänzen die rund 2300 m2 Nutzfläche im alten Palais nun rund 2400 m2 Nutzfläche im neuen Lichtbau. Durch die abgekanteten Linien wird das Auge auf die sich verjüngende Flucht gelenkt, wo sich Alt und Neu eng gegenüberstehen. Denn bei aller Euphorie um den neuen Erweiterungsbau betonte Volker Staab beim gemeinsamen Rundgang auch die Sanierung des alten Rothschild-Palais, ein Konglomerat aus zwei Palais am Untermainkai 14 und 15. Es wird nun der Sitz der permanenten Ausstellungen sein, darunter auch über die Familie von Anne Frank. Ein wichtiger Zug in diesem Zusammenspiel ist die Erschließung des Museums: Nicht mehr über den stark befahrenen Untermainkai, sondern über den neuen Bertha-Pappenheim-Platz. Zum alten Palais gelangt man über den neu installierten Aufzug, der – wie auch der historische Treppenturm – die beiden Häuser verbindet.

Zentrale Ebene im Lichtbau, die zur unterirdischen Wechselausstellung und zum historischen Rothschild-Palais führt. (Bild: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt) 
Schnitt durch den Neubau (Plan: Staab Architekten)
Von Innen nach Außen

Auch wenn Staab Architekten Museumsarchitektur wie keine Zweiten in Deutschland beherrschen: Ein solches Museum zu erweitern, ist dennoch eine andere Herausforderung. Sicher kam den Architektenteam zugute, dass sie sich gleich doppeelt mit dem jüdischen Glauben befasst haben: parallel bauten Staab Architekten die Neue Synagoge in Regensburg. Bei beiden Bauten wollten sie explizit keine jüdische Symbolarchitektur schaffen, wie Volker Staab erklärte. Dennoch werden Bilder und Erzählungen über Atmosphäre, Innen-Außenbezug und Wegebeziehungen im neuen Lichtbau evoziert.  
Während man das Gebäude von außen als kompakten, kräftigen Monolith mit fünf Ecken wahrnimmt, wird man im Inneren von der Großzügigkeit, dem vielem Licht und den hellen Materialien überrascht. Vom zentralen, großzügigen Lichthof, in dem man unweigerlich den Blick durch eine polygonale riesige Öffnung gen Himmel richtet, lassen sich alle Funktionseinheiten wie Veranstaltungssaal, Bibliothek, Gastronomie, Buchhandlung, Wechselausstellung und Werkstätten auf insgesamt drei Ebenen, die als Split Levels organisiert sind, erreichen. Bibliothek und Wechselausstellungsraum wirken dabei selbst monolithisch: Während die Bibliothek auf Ebene 1 komplett in Esche vertäfelt ist – das Herz des Baus laut Staab –, zeigt sich der 600 m2 große, unter dem neu geschaffenen Bertha-Pappenheim-Platz gelegene Ausstellungsraum nüchtern und lichtlos. In Frankfurt ist man ja seit dem unterirdischen Erweiterungsbau des Städel Museum durch schneider+schumacher gewohnt, für Kunst und Kultur hinab zu steigen.  
Mangels rechtwinkliger Grundrisse und durch geschickte Wegführung gleitet man unversehens durch die Räume, hinauf, hinunter und hindurch. Und obwohl die Innenräume stark durch den speziellen, mit einer grobkörnigen Mischung angereicherten Rohbeton geprägt sind, wirken sie nicht kalt, sondern freundlich – wohl auch, weil die Orte des Kontaktes und der Aktivität wie behagliche Alkoven mit Eschenholz ausgekleidet sind. Als eleganten Akzent haben Staab Architekten einen Messington gewählt, der auf allen beschichteten Elementen zum Tragen kommt. Unweigerlich hält man inne, wenn der Blick durch die großzügigen Panoramafenster auf das Leben im Außenraum gelenkt wird – sodass sich das Innen mit dem Außen, ganz gemäß dem Leitmotiv des Hauses »ein Museum ohne Mauern«, verbindet. Besonders markant ist dabei das sechs mal vier Meter messende, nach Westen gerichtete Fenster in der Bibliothek im 1. OG, das als Schaukasten fungiert und auch nachts beleuchtet bleibt.

Behutsam haben Staab Architekten die Ausstellungsräume im Rothschild-Palais saniert, die in den 1980er-Jahren durch Ante Josip von Kostelac ertüchtigt wurden.  (Bild: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)
Auch im Palais gibt es jetzt mehr Licht – der Treppenturm wurde saniert. (Bild: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)
Belebung eines »Nichtorts«

Nicht nur das gelungene Zusammenspiel, das den Namen Ensemble verdient, sondern auch der neu geschaffene Bertha-Pappenheim-Platz ist ein Geschenk an die Stadt und ihre Bewohner und Besucher. Der Platz öffnet sich zu den Wallanlagen, belebt diesen vorherigen »Nichtort«, an dem sich der Garten des Rothschild-Palais befand, eingeklemmt zwischen zwei Häuserrückseiten und einer stark befahrenen Straße. Die notwendige Sicherheit der Anlage wird nicht nur über spezielle Türen und Technik erreicht, sondern auch über einen Schutzgraben, der dem Freibereich des nahen Restaurants vorgelagert ist. Durch den gestalterischen Trick, dass die Skulptur von Ariel Schlesinger mitten hinein platziert wurde, bemerkt man diesen kaum. Das Werk mit dem Namen »Untitled« besteht aus zwei in Aluminium gegossene Bäume, deren Kronen sich verweben, wobei die Wurzel des einen Baumes gen Himmel ragt – ein Symbol gleichermaßen für Ver- und Entwurzelung der Juden in Europa. 
Der Erweiterungsbau mitsamt der Sanierung des historischen Palais ist in vielerlei Hinsicht als ein raumgewordener Dialog zu verstehen. Als ein Dialog mit seiner Umgebung, mit den Besuchern und Passanten und als ein Dialog von Geschichte und Gegenwart des jüdischen Glaubens. Am neuen Jüdischen Museum Frankfurt kann man zudem ablesen, wie Kulturbauten sich durch ihr Raumprogramm öffnen und einen leichten, barrierefreien Zugang schaffen können. Volker Staab und sein Team haben hier alles an Dialektik und Kontextualisierung hineingegeben, was sie die vergangenen Jahre gelehrt hat. Herausgekommen ist ein Bau, der sich nicht abgrenzt, sondern der verbindet und vermittelt.

Über den neuen Bertha-Pappenheim-Platz gelangt man in den Erweiterungsbau, der nun den Eingang ins Jüdische Museum Frankfurt bildet. (Bild: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)
Grundriss Erdgeschoss (Plan: Staab Architekten)
Grundriss 1. Obergeschoss (Plan: Staab Architekten)
Grundriss 2. Obergeschoss (Plan: Staab Architekten)
Schnitt durch den Vorplatz (Plan: Staab Architekten)
Veranstaltung

 »Mit Räumen erzählen: Zum architektonischen Ensemble des neuen Jüdischem Museums«
Datum / Ort: 10. Dezember 2020, 19 Uhr, Jüdisches Museum
Peter Cachola Schmal (DAM) im Gespräch mit Volker Staab Volker Staab im Jüdischen Museum miteinander.
Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 2.50 Euro
Anmeldung notwendig

Bauherr Stadt Frankfurt am Main
Architektur Staab Architekten, Berlin
Bauleitung schneider+schumacher Bau- und Projektmanagement GmbH
Bruttogeschossflächen Altbau 3649 m2, Neubau 4211 m2
Nettoflächen Altbau 2287 m2, Neubau 2380 m2

Ausstellungsflächen
Dauerausstellung 1417 m2
Wechselausstellung 634 m2
Bibliothek 269 m2
Archiv 118 m2
Büros und Besprechungsräume 552 m2
Pädagogikräume 95 m2
Vortragssaal 124 m2
Werkstätten 59 m2

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