Von Installationskunst, Zeichnungen und Architektur

Cyrill Schmidiger
24. Oktober 2019
Ilya and Emilia Kabakov, »The Center of Cosmic Energy«, 1999, Aquarell, Tusche, 27,5 × 41 Zentimeter

Bis Ende Februar 2020 präsentiert die Tchoban Foundation in Berlin mehrere Zeichnungen der beiden Installationskünstler Ilya und Emilia Kabakov. Sie zeigen, dass Architektur in ihrem Schaffen eine wichtige Rolle spielt und Anspruch auf gesellschaftliche Erneuerung erhebt.

Seit Ende der 1980er-Jahren gestalten Ilya (*1933) und Emilia (*1945) Kabakov fantastische Räume, die sie »totale« Installationen nennen. Dabei tauchen die Besucher*innen in Geschichten ein, die oftmals vom Leben in der UdSSR erzählen, aber ebenso utopische Traumwelten aufspannen. Diese Werke erarbeitet das russische Duo gemeinsam, Ilya zeichnet die Ideen manchmal auf Papier auf. Nicht selten nutzen sie alltägliche Dinge, die ganz persönliche Assoziationen wecken.

lya and Emilia Kabakov, »The Toilet«, 1992, Aquarell, Tusche, 26,8 × 35,2 Zentimeter

Eine Auswahl von Bildern wird nun in Berlin präsentiert, so etwa Skizzen und Studien zu »The Toilet«: 1992 auf der documenta IX in Kassel errichtet, ist sie seit 1999 als permanente Installation im Stedelijk Museum voor Actuele Kunst in Gent zu sehen. Dabei handelt es sich um eine nahezu exakte Kopie jener WCs, die in den 1960er- und 1970er-Jahren in sowjetischen Provinzen neben Bushaltestellen und Zugstationen entstanden. Doch das Ehepaar Kabakov verbindet in seinem Werk die Klosetts mit einer gewöhnlichen russischen 2-Zimmer-Wohnung: In der Männertoilette befindet sich auch der Wohnbereich, bei den Frauen hingegen der Schlafraum. Das künstlich arrangierte Setting gaukelt ein normales Leben vor, spielt sich aber in einem ziemlich absurden Umfeld ab. Eine öffentliche Anlage wird hier quasi privatisiert – und das Persönliche zur staatlichen Angelegenheit erhoben. Eine (nicht wirklich) feine Kritik am kommunistischen Regime! Oder um es mit etwas weniger Ironie zu formulieren: Das ist grandiose Sozialsatire.

Ilya and Emilia Kabakov, »Palace of Projects«, 2003, Buntstift, Aquarell, blaue Tinte, Kohle, 89 × 117 Zentimeter

Spannend ist auch die 2003 geschaffene Papierarchitektur zum »Palace of Projects«, der heute in der Zeche Zollverein in Essen aufgebaut ist. Die zweigeschossige, an eine Schnecke erinnernde Holzkonstruktion versammelt rund 61 fiktive Ideen, die den Menschen ein sinnstiftendes Leben ermöglichen und die Welt in einen besseren Ort verwandeln sollen. Damit sind die ausgestellten Konzepte ein Plädoyer für mehr Individualismus, Selbstbestimmung und Freiheit. Unterstrichen wird das aufklärerische Programm durch leuchtende Wände: Transluzide Folien verwandeln das Volumen in einen hoffnungsvollen Ort, ja in einen vielversprechend strahlenden Kosmos.

Die teils farbigen Zeichnungen zeigen architektonische Entwürfe mit utopischem Charakter. So offenbaren die Werke subtile Kritik an gesellschaftspolitischen Bedingungen, wie sie Ilya und Emilia Kabakov immer wieder artikulier(t)en und die das Duo in der sowjetischen Kunst zu Dissidenten machte. Eine alternative Zukunft anvisieren – dazu tragen gerade auch Architektur und Installationen bei.

»In the Making: Ilya & Emilia Kabakov. Von Zeichnung zu Installation« 
17. Oktober 2019 – 23. Februar 2020 
Tchoban Foundation – Museum für Architekturzeichnung (Christinenstraße 18a, 10119 Berlin)

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