Deutsche Botschaft in Wien: Dietmar Steiner hatte das Projekt erzürnt, nun beginnen die Bauarbeiten

Ulf Meyer
1. octubre 2021
Visualisierung: Schulz und Schulz Architekten

Der Grundstein für den Bau des Büros Schulz und Schulz ist gelegt. Er bleibt umstritten – auch weil er eine Ikone der westdeutschen Architektur ersetzt. Doch vielleicht ist die neue Anlage schlicht ein Zeichen der Zeit.

Am gestrigen 30. September wurde der Grundstein für den Neubau der bundesdeutschen Botschaft im 3. Wiener Bezirk gelegt, die zugleich als ständige Vertretung bei der OSZE dienen wird und die Residenz aufnimmt. Der Entwurf des Leipziger Büros Schulz und Schulz für das Haus mit Pass- und Visa-Stelle, Veranstaltungssaal und Garten ist nicht unumstritten. Nicht nur die Gestaltung selbst zog in den letzten Jahren Kritik auf sich, auch die Tatsache, dass ihr ein architekturgeschichtlich bedeutsamer Bau von Rolf Gutbrod (1910–1999) weichen musste, der hätte nach Meinung so mancher Experten saniert und angepasst werden können, führte zu zornigen Reaktionen. Mehr dazu gleich, doch wenden wir uns zunächst der neuen Botschaft zu, deren Bau nun also feierlich begonnen hat.

Modellfoto: BBR / Bernd Hiepe
Modellfoto: BBR / Bernd Hiepe
»Das Gebäude wird sehr sicher sein, aber Sie werden das fast nicht merken« – Architekt Benedikt Schulz

Schon seit 1877 ist die Metternichgasse 3 Sitz der deutschen Botschaft in Wien. Nachdem man das Gebäude aus der Kaiserzeit aufgrund von Bombenschäden und auch wegen seiner Aneignung durch die Nationalsozialisten in den 1940er-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg abgebrochen hatte, wurde der Nachkriegsbau des deutschen Architekten Rolf Gutbrod 2019 ebenfalls abgerissen. Nun tritt ein Bauwerk von Schulz und Schulz an seine Stelle. Der Entwurf überzeugte das Preisgericht im Architekturwettbewerb von 2016. Geplant sei, so liest man im Juryprotokoll, ein mit seiner Umgebung in Dialog tretendes Haus, das die Sicherheitsanforderungen nicht zum Ausdruck der Architektur werden lasse. Ein Verbindungstrakt zwischen Kanzlei und Residenz an der Reisnerstraße ermöglicht Übergänge zwischen den amtlichen und den privaten Bereichen. Um Garten und Gebäude zu verknüpfen, treten die Baukörper hinter die Baulinien zurück. Sie gliedern das Grundstück in Kanzlei-, Visa- und Residenzgarten, an der Nordseite entsteht ein Wirtschaftshof. Besucher*innen erreichen die Botschaft künftig über eine Pforte an der Jauresgasse. In der Beletage öffnet sich der Innenhof der Kanzlei zum Baumbestand. Damit entsteht oberhalb des Sockels ein wettergeschützter Außenraum, der mit der Residenzterrasse den amtlichen Teil der Botschaft (Foyer, Empfangsraum, Musikzimmer, Bibliothek) mit dem Garten verbindet. Die Fassaden werden mit Krastaler Marmor aus Kärnten verkleidet. Eine sich über alle Geschosse erstreckende Halle verbindet den Eingang mit dem Vortragssaal auf Gartenebene, der Beletage und den Arbeitsräumen der Botschafter in den oberen Geschossen. 

Visualisierung: Schulz und Schulz Architekten
Visualisierung: Schulz und Schulz Architekten
Abriss einer Ikone

Dietmar Steiner ließ kein gutes Haar an dem Projekt, als er schrieb: »Die Ignoranz deutscher Bürokratie vollzieht den Abbruch eines der schönsten und besten Gebäude von Gutbrod. Die dummen, eitlen Architekten machen mit. Nicht mehr als eine sanfte Sanierung wäre notwendig gewesen. Jetzt kommt dafür eine banale Hütte, die der BRD nicht würdig ist!« Gutbrods Entwurf galt als einer der großen Drei der westdeutschen Botschaftsarchitektur der Nachkriegszeit – neben Egon Eiermanns Bau in Washington und Hans Scharouns in Brasilia. Gutbrod wusste mit den Tücken des Bauplatzes umzugehen, sein Projekt galt architekturgeschichtlich betrachtet als Auftakt des Organischen Bauens bei Repräsentationsbauten der Bundesrepublik im Ausland. Auch Clemens Holzmeister lobte den Entwurf: »Der Bau ist in keiner Weise preußisch, er hat so etwas Entgegenkommendes, Menschliches.«

Der Gutbrod-Bau ersetzte seinerseits, wie bereits angedeutet, ein Gebäude von Viktor Rumpelmayer (1830–1885) aus dem Jahr 1879, das sich stilistisch in seine Umgebung einfügte. Von seiner Weiternutzung war nach dem Krieg abgesehen worden, denn der Umbau zum »Haus der Wehrmacht« 1940 durch Josef Hoffmann machte den Wiederaufbau der nunmehr politisch belasteten Ruine mindestens aus damaliger Sicht indiskutabel. Darum wurde das Gebäude 1958 abgerissen. Als die Bundesbaudirektion einen Wettbewerb für den Neubau auslobte, gingen neben Gutbrod Sep Ruf (1908–1982) und Alexander Freiherr von Branca (1919–2011) als gleichrangige Preisträger daraus hervor. Das Preisgericht unter Vorsitz von Hans Scharoun konnte sich damals nicht für eine Lösung entscheiden. Also wurde von den drei prominenten Architekten verlangt, für eine Funktionstrennung von Botschaft und Residenz Skizzen zu erstellen. Botschafter Rossig beauftragte sodann kurzerhand Gutbrod. Die neue Botschaft war der erste moderne Bau im Diplomatenviertel. Die zurückgesetzte und niedrige Bebauung öffnete den Straßenraum, sodass Weite und Grün der Anlage zugute kommen konnten. 

Visualisierung: Schulz und Schulz Architekten
Relikt aus einer anderen Zeit?

Die Organische Architektur, die Monotonie und Symmetrie vermied, folgte Gutbrods anthroposophischer Weltanschauung. Die Fassaden aus Monte-Rosa-Quarzit verliehen den Obergeschossen, die über einem transparenten Eingangsgeschoss zu schweben schienen, einen monolithischen Charakter. Gutbrods Gestaltungswille durchdrang das Gebäude bis ins kleinste Detail. Holz, Metall, Beton, Naturstein und Glas erzeugten zusammen eine warme Atmosphäre. 

Der Entwurf von Schulz und Schulz will »Deutschland weltoffen, einladend und freundlich zeigen«. Als »Zeichen der Offenheit« gilt den Architekten die Beletage der repräsentativen Räume des Botschafters, die in einer Terrasse und einer Wendeltreppe in den Garten ihre Fortsetzung findet. Das Botschaftsgebäude solle, so die Gestalter, die erforderliche Würde und Eleganz durch eine mit hellem Naturstein verkleidete Fassade erhalten. Die Zeiten haben sich offensichtlich geändert. 

Lageplan
Schnitt

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