Urbane Baukultur ohne Neuversiegelung am Wiener Prater

nonconform
17. september 2021
Foto: Kurt Hörbst

Katharina Kothmiller berichtet, wie sie mit ihrem Team an der Überbauung eines Busparkplatzes der Messe Wien gearbeitet hat. Ihr Büro nonconform konnte dabei auf seine große Erfahrung mit der Moderation unterschiedlicher Interessen bauen.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Es wurde ein bestehender Busparkplatz überbaut. Somit haben wir keine neuen Flächen versiegelt. Zudem bringt unser Projekt ein dem Bauplatz angemessenes Maß an Urbanität ins Quartier. Über dem Sockel überspannen nun sechs Zimmergeschosse den Busparkplatz der Messe Wien, der auf kleinerer Fläche in Betrieb bleibt. Das 9500 Quadratmeter große Areal war vormals nur spärlich genutzt – jetzt präsentiert es sich als Hotspot eines pulsierenden Stadtlebens in unmittelbarer Nähe zu Prater, Messe und WU Wien.

Andererseits wurde der Planungsprozess stark dadurch geleitet, dass in das Gebäude zwei Betreiber mit gänzlich unterschiedlichen Konzepten einzogen: Superbude aus Hamburg punktet mit einer standortbezogenen Neuinterpretation des Hostels mit verschiedensten Buden und Themenzimmern. Zoku aus Amsterdam bietet hingegen urbanen Nomaden Infrastruktur und eine Community. Sie können Arbeit und Reisen am Puls der Zeit verknüpfen. Diese jeweils auf ihre Art besonderen Ansätzen unter einen Hut zu bringen, war eine spannende und bereichernde Herausforderung. 

Foto: Kurt Hörbst
Foto: Kurt Hörbst
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Holz ist zwar in dieser Gebäudeklasse nicht als Baumaterial zugelassen, kann aber mit Ausnahmegenehmigungen doch eingesetzt werden. Wir konzipierten die sechs Zimmergeschosse als über dem gläsernen Sockel sitzende »Holzschatulle«. Die Balkone wurden als vorgelagerte Filterschicht zwischen der Lattung und der Konterlattung eingeschoben. 

Foto: Kurt Hörbst
Foto: Kurt Hörbst
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Das Dachgeschoss bietet – quasi in erste Reihe direkt am Prater – großzügige Dachterrassen mit einem fantastischen Ausblick auf die mächtigen Baumkronen des Praters und die Wiener Innenstadt. Die Dachterrassen sowie die jeweiligen Bereiche im Dachgeschoss sind nicht nur Hotelgästen zugänglich, sondern ermöglichen auch den Wiener*innen bei Speis und Trank einen neuen Blick auf ihre Stadt. Die spektakulären Lichtspiele der Fahrgeschäfte des Wurstelpraters lassen einen dabei gerne die Zeit vergessen. 

Wir wollten sowohl die Grünoase des Wiener Praters als auch die bunte Lichterwelt des Wurstelpraters erlebbar machen, gleichzeitig aber die Hofzimmer von dem lauten Treiben abschirmen. Die Fluchttreppe auf der Rückseite zum Prater verbindet die beiden Gebäudeteile und wird, wenn die Begrünung angewachsen ist, als Vertical Garden die flimmernden Lichter des Wurstelpraters für die Zimmer im Hof abschirmen. Schon jetzt ist sie der neue Selfie-Hotspot Wiens.

Foto: Kurt Hörbst
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Planung erforderte einen intensiven Dialog mit den Stakeholder*innen, bei dem wir unsere Erfahrung mit der Moderation und der Prozesssteuerung einbringen konnten. Die hohen Ansprüche der beiden Nutzer und ihre jeweils sehr individuellen Interior-Design-Konzepte mussten unter einen Hut beziehungsweise unter ein gemeinsames Dach gebracht werden. Wir reisten an die beiden Stammhäuser in Hamburg und Amsterdam, um die Konzepte vor Ort zu sehen und zu verstehen. In zahlreichen Abstimmungsgesprächen und gemeinsamen Planungsworkshops in Wien entstand ein harmonisches Gesamtbild, das beiden Betreibern viel Raum für Individualität und Präsenz bietet.

Foto: Kurt Hörbst
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Im Wettbewerb wurde das Gebäude von uns als konstruktiver Holzbau konzipiert. Der Bauherr entschied sich aus Sorge hinsichtlich des Schallschutzes zwischen den Zimmern und hinsichtlich der Baukosten im Vorentwurf jedoch für eine Umsetzung in Stahlbeton. 

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Wir sind überzeugt, dass Holz der Baustoff der Zukunft ist, und versuchen soweit wie möglich, Auftraggeber*innen und zukünftige Nutzer*innen mit unserer Begeisterung anzustecken. 

Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Holz! Die elegante Holzfassade, die eigens im Brandversuch getestet wurde, ist eine weithin sichtbare Besonderheit.   

Foto: Kurt Hörbst
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Grundriss Dachgeschoss
Schnitt
Bauwerk 
Hotel am Prater Glacis
 
Standort
Perspektivstraße 6–8, 1020 Wien
 
Nutzung
Hotel
 
Auftragsart
Geladener Wettbewerb
 
Bauherrschaft
IG Immobilien
 
Architektur
nonconform, Wien
 
Fachplaner
Innenarchitektur Superbude: Atelier Karasinski und archiguards, Wien
Innenarchitektur Zoku: concrete amsterdam, Amsterdam, Niederlande
Statik: Dorr – Schober & Partner Ziviltechnikergesellschaft mbH, Wien
Elektroplanung: ETP – Elektrotechnische Planungs GmbH, Wien
Haustechnikplanung: Indutherm Planungs- und Installationsgesellschaft mbH, Linz
Brandschutz: Kunz – Die innovativen Brandschutzplaner GmbH, Mödling
Ausschreibung: Baumanagement Forstner GmbH, Wien
Örtliche Bauaufsicht: BauConsult Bau- und Planungs-GesmbH, Brunn am Gebirge
 
Bauleitung 
BauConsult Bau- und Planungs-GesmbH
 
Jahr der Fertigstellung
2021
 
Gesamtkosten
EUR 26 Mio. 
 
Gebäudevolumen 
50099 m3
 
Kubikmeterpreis 
519,- EUR/m3
 
Energiestandard
Referenz-Heizwärmebedarf Klasse A+, ≤ 15 kWh/m2a
ÖGNI Vorzertifikat in Gold
 
Fotos
Kurt Hörbst, Rainbach und Wien

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