GZS - Geriatriezentrum Simmering

Wien
Fotografia © Porr AG
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Fotografia © Paul Ott
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Architects
Josef Weichenberger architects + Partner
Any
2011

Leitidee

Auf einem stark durchgrüntem Grundstück mit gewachsenem Baumbestand im Herzen des 11. Wiener Gemeindebezirks soll ein neues, wegweisendes Geriatriezentrum entstehen.

Die Leitidee: hochqualitatives Wohnen in Wohlfühlatmosphäre in einer grünen Oase für pflege- und betreuungsbedürftige Senioren statt dem üblichen, sterilen Krankenhauscharakter der Geriatriezentren der vergangenen Tage. Das Konzept der einzelnen Stationen orientiert sich am Bild eines gewachsenen Altstadtkerns mit unterschiedlichen und abwechslungsreichen Platzsituationen und Raumqualitäten.

 
Ort, Städtebauliche Situation

Das Geriatriezentrum Simmering befindet sich an der Dittmanngasse, in unmittelbarer Nähe des Enkplatzes, dem Kern des 11. Wiener Gemeidebezirks, in fußläufiger Entfernung zu mehreren Linien des öffentlichen Nahverkehrs.

Das Umfeld ist geprägt durch eine zeilenartige Wohnbaustruktur im Norden, diverse Wirtschaftsgebäude im Osten, einem städtebaulichen Entwicklungsgebiet mit geplanter gemischter Nutzung im Süden, sowie aufgelöster Blockrandbebauung imWesten.

Die Ausgangslage kam einem verwilderten kleinen Stadtwald gleich, der in eine Parklandschaft verwandelt wurde und dessen alter Baumbestand weitgehend in das Projekt integriert werden konnte, so dass das Geriatriezentrum auf allen Seiten von hohen Baumkronen flankiert wird.

 
Gliederung Baukörper

Der lineare Baukörper differenziert sich in drei halbversetzt aufgereihte Gebäuderiegel, die sich entlang ihrer Längsachse wiederum in je drei Streifen gliedern. Zu den Strinseiten der Riegel hin fächern die Streifen  um Tageslicht tiefer ins Innere zu bringen. Das Erdgeschoss ist als zurückversetzter, verglaster Sockel ausgebildet, über den die drei Riegel auskragen. An der Nordseite ergänzt der eingeschossige, kristallin geformte Solitärkörper des Andachtsraums das Gebäude.

In der Ansicht ist der Baukörper maßgeblich geprägt durch das Wechselspiel unterschiedlicher Gesamthöhen der einzelnen Gebäuderiegel. Optisch zusammengefasst wird die vielgliedrige Erscheinung des Gebäudes schließlich durch eine einheitliche Fassade, deren weisse, mäandrierende Bänder die einzelnen Gebäudeteile zusammenklammern. Sie bildet den “Memory Code”, der die Wiedererkennung und die Identifikation mit dem Gebäude der größtenteils dementen Bewohner unterstützen soll.

 
Innere Organisation/Programm

Das Pogramm ist vertikal geschichtet. Über dem Ergeschoss das alle öffentlichen Bereiche und Räumlichkeiten für ambulanten Dienstleistungen beherbergt, folgen drei bis vier Geschosse mit je vier, bzw. zwei, Geriatriestationen. In der obersten Ebene befinden sich 56 Einheiten gefördertes Wohnen.

Alle Technik und Versogungsräume sind im Untergeschoss angeordnet, das an seiner Osteite aus dem  abfallenden Gelände herausragt und die natürliche Belichtung des Tageszentrums sowie der Küchenbereiche und Sozialräume ermöglicht. Tiefgarage und Logistikzone wurden ins Untergeschoss integriert, ihre Zufahrten unterhalb des Haupteingangsplateaus im Gelände versteckt.

Entscheidendes Entwurfskriterium war es den in ihrer Mobilität stark eingeschränkten Bewohnern zu ermöglichen sich schnell in ein neues soziales Umfeld einzufinden. Sowohl die Grundrissorganisation als auch die räumlich-atmosphärische Gestaltung wurden gezielt darauf ausgelegt Komminkation und Interaktion zwischen den Bewohnern zu förden, und ihnen weitreichende Möglichkeiten zur Eigeninitiative und Aneignung ihrer neuen Heimat zu eröffnen. Natürlich kann gerade für alte Menschen eine verlorengegangene Dorf-, Stadtteil- oder Hausgemeinschaft nicht allzu einfach ersetzt werden, und entsprechend groß war die Bedeutung die gerade diesem Aspekt im Entwurfsprozess beigemessen wurde.

Das Leitmotiv das sich durchs Gebäudeinnere zieht ist eine abstrakte Interpretation des traditionellen, gewachsenen europäischen Stadt- oder Ortskerns, mit seiner komplexen Struktur, seinen Plätzen, Gassen und Winkeln. Dabei geht es nicht um irdgendeine Form ästhetisierter Mimikry sondern vielmehr um die differenzierte, feine Abstufung öffentlicher, halb-öffentlicher und privater Bereiche und deren fließendes Ineinandergreifen.

 
Stationen und Zimmer

Die einzelnen Stationen entwickeln sich aus der bereits erläuterten Dreiteilung der einzelenen Gebäuderiegel, wobei sich in den beiden äusseren Streifen entlang der Längsfassden die einzelnen Zimmer aufreihen, während die Mittelzone Erschließung und Nebenräume beherbergt. Indem diese als verschieden große Inseln ausgebildet wurden ergeben sich vielfältige, gewollt redundante Erschließungsschleifen. Es wurde besonders darauf geachtet dass in diesem Netz aus “Gassen” und “Wegen” keine Sackgassensituationen entstehen, was bei Demenzpatienten leicht zu Panikreaktionen führen könnte. Zu den Stirnseiten der Stationsriegel hin weiten sich die Mittelzonen auf und gehen schließlich durch raumhohe Verglasung in Balkone und Terrassen über, die großzügige Blicke in die umgebende Parklandschaft freigeben.

Diese aufgeweiteten Enden beherbergen die “Tagräume”, also die Gemeinschafts- und Sozialbereiche der Stationen, in denen sich das Inselmotiv fortsetzt - statt als geschlossene Räume jedoch in Form von halbhohen oder offenen Elementen, als Theken, Küchenzeilen, Essbereiche, Sitzgruppen, Leseecken, oder verglaste Schaukästen, den sogennanten “Inszenierungen”, die als Blumarium, Aquarium oder Steingarten teilweise über zwei Etagen reichen.

Auch bei den tiefer im Gebäude liegenden, geschlossenen Inseln wurde auf Aneingnungs- und Interaktionsmöglichkeiten durch die Bewohner geachtet. So finden sich über die ganze Station verteilt kleine, in die Nebenraumwände eingelassene Sitznischen oder Bücherregale. Die Bewohner können selbst entscheiden ob sie lieber am Leben auf den “Plätzen” und “Kreuzungen” der Station teilnehmen, in einer “Nebenstraße” ein ruhigeres Plätzchen bevorzugen.

Die konventionelle Ordnung privates Zimmer - zweckmäßiger Gang - abgeschlossener Gemeinschaftsraum herkömmlicher Pflegeheime wird durchbrochen und durch ein graduell abgestuftes und weitgehend durch die Bewohner selbst bestimmtes Modell abgelöst.

Dieses Konzept beschränkt sich nicht auf die Gemeinschafts- und Sozialbereiche, sondern wurde bis in

die einzelenen Patientenzimmer weitergedacht. Dabei war es entscheidend eine feine Balance herzustellen zwischen der starken Betonung des gemeinschaftlichen Stationslebens und dem Bedürfnis nach Rückzug, Ruhe und individuellem Freiraum.

Die einzelnen Zimmer orientieren sich in zwei Richtungen. Zum einen öffnen sie sich großzügig nach draussen, in den alten Baumbestand, die Parkanlage und die Simmeringer Dachlandschaft (jedes Zimmer verfügt über eine Loggia). Zum anderen gibt es jeweils ein großes Fenster nach innen, in die “Gassen” und “Strassen” der Station, welches die Bewohner aber jederzeit Blick- und Lichtdicht verschliessen können.

Die Zimmertüren sind in Zweiergruppen aus dem Gang zurückversetzt und bilden zusammen mit den Innenfenstern jeweils einen kleinen Vorplatz vor den Zimmern als verlängerte Türschwelle. Ganz bewusst wurde hier in abstrahierter Form mit den Themen Hof, Hausbank und Garten gespielt.

So entsteht eine Art “Adressbildung” innerhalb der Stationen, die die leblose Nummernanonymität eines typischen Krankenhauskorridors überwindet.

 
Erdgeschoss, Sonderfunktionen

Im Erdgeschoss, und damit in den öffentlichen Bereichen des Geriatriezentrums, wird erneut das Stadtmotiv der Stationen mit seinen Inselarchipelen aufgegriffen, wenngleich in größerem Maßstab.

Der zentrale Gebäudeteil beherbegt neben dem Haupteingang das großzügige Foyer mit Empfang, kleinen Geschäften, einem Cafe und dem Personalrestaurant mit angeschlossenem Aussenbereich. An der Nodfassade – zum Park hin orientiert, ist dem Gebäude ein multi-religiöser Andachtsraum vorgesetzt, der als kristalliner Betonkörper ganz bewusset mit der Formensprache des restlichen Gebäudes bricht.

Im östlichen Gebäudeteil schließt sich ein großer Veranstaltungsraum an das Foyer an, während der westliche Gebäuderiegel im Erdgeschoss ein eigenständiges Therapie- und Behandlungszentrum beherbergt.

 
Fassade

Die Fassadengestaltung löst sich vollständig von der Tektonik des Gebäudes. Sie greift die gestalterische Grundidee des Innenraums auf und verbindet ausdifferenzierte Kleinteiligkeit in einem einheitlich zusammenhängendem Gesamtbild. Dabei wurden weisse Vollwärmeschutzbänder mit Tonziegeln kombiniert.

 
Aussenanlagen

Auf der Eingangsseite -  im Süden - wurden die Aussenanlagen als urbaner Grünraum gestaltet. Auf der Nordseite findet sich eine Gartenlandschaft mit Parkcharakter. Beide Seiten stützen sich maßgeblich auf den vorhandenen, alten und somit bereits hochgewachsenen Baumbestand. Die Erschließung und Zonierung der Parkanlage folgt erneut dem in  Stationen und Erdgeschoss angewandten Prinzip des Ausprägens von Platzsituationen und Erlebnispunkten, die durch das Aufweiten, Verjüngen und Kreuzen von Wegen entstehen. Folglich finden sich auch im Aussenraum erneut mehrfach überlagerte, geschlossene (endlos-)Wegschleifen, wobei hier ebenfalls großer Wert auf die Vermeindung von Sackgassen gelegt wurde.

Parkanlage und verglastes Erdgeschoss konnten auf vielfache Weise miteinander verzahnt werden. So wird durch den nach Süden versetzten Mittelriegel der Park im Norden über einen großteils gedeckten Hof tief ins Gebäudeinnere gezogen. Auf funktionaler Ebene verklammern Café, Speiseterrasse sowie eine Aussichtsebene auf der Nordseite der 1. Etage Innen und Aussen. Ebenfalls im 1. Obergeschoss befinden sich zwei “Demenzterrassen”. Diese einmal nach Norden, einmal nach Süden gerichteten Aussenbereiche dienen jenen Patienten als offene Gartenbereiche, denen eine unbeaufsichtigte Nutzung der Parkanlage nicht mehr zugemutet werden kann.

 
Anmerkung

Bereits kurze Zeit nach der Eröffnung und dem Einzug der ersten Bewohner ins Geriatriezentrum Simmering zeigte sich dass das reiche Potential der Raumaneignung und Personalisierung, dass der Entwurf bietet, tatsächlich enthusiastisch angenommen wird.

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