Die Schule als Dorf

PPAG architects, Helen&Hard
15. Mai 2020
Die gesamte Schule wurde in CLT-Massivholzplatten-Bauweise errichtet. (Foto: Wolfgang Thaler)

PPAG architects und das lokale Büro Helen&Hard haben eine Schule im norwegischen Dorf Sauland gestaltet. Anna Popelka und Georg Poduschka beantworten unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die kleine Landgemeinde Sauland, die in der südnorwegischen Region Telemark liegt, entschied, eine Schule zu errichten statt das bestehende, sanierungsbedürftige Schulhaus zu renovieren. Damit löste man sich zugleich auch von einer althergebrachten Typologie und unzeitgemäßen Konzepten: Flure, Klassenzimmer, Frontalunterricht. Freies Lernen und projektorientierter Unterricht stehen im neuen Schulhaus im Vordergrund, der Frontalunterricht ist auf ein sinnvolles Maß beschränkt. Die neue Schule ist das größte Neubauprojekt im Dorf seit 20 Jahren.

Foto: Wolfgang Thaler
Im neuen Schulhaus (Foto: Wolfgang Thaler)
Die Plenumstreppe im Erdgeschoss kann vielseitige von allen Seiten genutzt werden. Nischen dienen als ruhige Rückzugsorte innerhalb der Gemeinschaftsfläche. (Foto: Wolfgang Thaler)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Seit Jahren erforschen wir mögliche neue Raumstrukturen und Typologien für den Bildungsbau – schließlich hat sich die Pädagogik in den letzten Jahren stark gewandelt und weiterentwickelt. Einer der Forschungszweige ist dabei eine rotationale Grammatik des Clusters, bei der die Bildungsräume wie Planeten um das zentrale Forum kreisen, ohne diesem Ausblick und Licht zu nehmen; eine geometrische, soziokulturelle und flächenökonomische Typologie. Mit der Holzbau-Expertise unseres norwegischen Kollaborationspartners Helen&Hard und unserem Wissen im Bereich Schulbau konnten wir diese Grammatik erstmals realisieren.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Wenn man eine Schule entwirft, die nicht zuletzt mit der Kraft der Räumlichkeit das Lernen neu organisieren soll, dann soll sie auch nicht wie die herkömmliche Institution Schule aussehen. Der einfühlsame »Was ist denn das?-Effekt« ist Programm; rundum einladend, gleichwertig, freundlich.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Das war ungewöhnlich, denn die Schule war zunächst überhaupt nicht als »innovativer Lernort« gedacht, sondern mit einem herkömmlichen Programm ausgeschrieben. Bei einem ersten Treffen mit der Gemeinde aber haben wir unser Wiener Bildungscampus-Projekt als Referenz präsentiert und das erwähnte Cluster-Konzept vorgestellt. Die damalige Direktorin sagte: »Genau das wollen wir.« Alle Lehrer*innen starteten unmittelbar in den neuen Räumen, ohne gesonderte Einschulung bezüglich des neue Raumkonzepts. Jenes erwies sich als so selbstverständlich, dass der Wechsel ins 21. Jahrhundert kein Problem war.

Das bespielbare Forum mit der Plenumstreppe im Hintergrund: Treffpunkt, erweiterte Lernlandschaft, Versammlungsraum und Podium (Foto: Wolfgang Thaler)
Gemeinschaftsfläche zum Lernen und Pausieren (Foto: Wolfgang Thaler)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Ursprünglich waren die Bildungsräume noch kristalliner nach außen angeordnet. Durch den allgegenwärtigen ökonomischen Druck mussten wir mit dem Entwurf allerdings unbedingt flächenmäßig kleiner werden. Die Gemeinschaftsflächen wurden reduziert. Daraus folgte eine kompaktere Ausführung, jedoch mit positiven Effekt: Das Kristalline hat sich in den Innenbereich – die Lernlandschaft – verschoben und dort zwar kleinere, aber differenziertere Lernbereiche geschaffen. Ein weiterer Punkt war die bauliche Verbindung zum Bestand, die sich erst im Laufe des Projekts herausschälte.

Die schallintensiven Bereiche wie Musikräume und Werkstätten sind in einem Betonkern untergebracht. (Foto: Wolfgang Thaler)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Wir suchen nicht nach der schönsten Form, sondern nach den besten Spielregeln, die dann hoffentlich die schönste Form ergeben. Regulierende Faktoren helfen mit, die Form zu generieren: Dichte, Abstand, Blickbeziehungen, Sonneneinstrahlung. Wir würden das als poststrukturalistischen Ansatz bezeichnen. Trotz gewisser Verwandtschaften entfaltet jedes Projekt seine innewohnende Einzigartigkeit. In zwei kürzlich gewonnenen Schulbauwettbewerben wird dies sichtbar: Bei der Deutschen Schule Stiehle Cuenca in den Bergen Ecuadors breitet sich das Cluster-System auf dem steilen Grundstück in der Fläche aus, beim Projekt »Allee der Kosmonauten« in Berlin mit fünf Armen um einen zentralen Baukörper mit gestapelten Turn- und Veranstaltungssälen in die Vertikale. In Sauland wurde das bewährte Cluster-Modell so angewandt, dass quasi die ganze Schule ein einziger Cluster ist, inklusive aller Fachräume; ein räumliches Sinnbild für eine umfassende Bildung.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Sowohl kulturell als auch topographisch gliedert sich der Holzbau in die Umgebung ein. Dabei waren, wie schon eingangs angedeutet, die Erfahrung im Holzbau unserer Partner*innen von Helen&Hard wesentlich. Der Großteil der Schule und die Sporthalle sind in CLT-Massivholzplatten-Bauweise ausgeführt. Für die Innenräume der Schule ist die hygroskopische Eigenschaft der Holzplatten vorteilhaft. Sie regulieren die Luftfeuchtigkeit und erzeugen ein angenehmes Raumklima. Zusätzlich schafft die wärmende Ausstrahlung des Holzes eine für eine Ganztagsschule im kühlen Norwegen wesentliche heimelige Wirkung.

Die Bildungsräume sind in additivem Muster rund um die gemeinsame Lernlandschaft angeordnet. (Foto: Wolfgang Thaler)
Visuelle Verbindungen bestehen sowohl zwischen den Nutzungsbereichen als auch nach draußen in die hügelige Landschaft. (Foto: Wolfgang Thaler)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


In den Innenräumen haben wir die CLT-Holzelemente sichtbar belassen. Die atmosphärische Wirkung der Holzoberflächen regt die Kinder dazu an, das Gebäude anzufassen, auf Bauteilen zu sitzen oder zu arbeiten. Das Haus ist so nicht Hülle, sondern Werkzeug der Pädagogik, eine Werkstatt der Sinne. Die schallintensiven Räume – die Werkstattbereiche im Erdgeschoss etwa und die Musikproberäume im Obergeschoss – sind in einem Betonkern untergebracht und durch die Sichtbetonoberfläche im Innenraum ablesbar. Die Fassade ist mit vertikalen Holzlatten verkleidet.

Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Schnitt
Name des Bauwerks
Sekundarschule Sauland
 
Standort
Saulandsvegen 543, 3692 Sauland, Norwegen
 
Nutzung
Schulbau
 
Auftragsart
Geladener Wettbewerb
 
Bauherrschaft
Hjartdal Kommune, Saulandsvegen 414, 3692 Sauland
 
Architektur
PPAG architects, Wien
Helen&Hard, Oslo, Norwegen
 
Jahr der Fertigstellung
2018
 
Gesamtkosten
EUR 8,1 Mio.
 
Fotos
Wolfgang Thaler

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