Tropischer Brutalismus

nav_s baerbel mueller + Juergen Strohmayer
2. Oktober 2020
Das neue Galeriegebäude sitzt aufgeständert im Garten der Nubuke Foundation. (Foto: Julien Lanoo)

Die Nubuke Foundation wünschte sich einen neuen Kunstraum auf ihrem Areal in der Stadt Accra in Ghana, der repräsentativ und zugleich zurückhaltend sein sollte. Baerbel Mueller und Juergen Strohmayer nahmen sich der Aufgabe an. Wie sind sie die Gestaltung angegangen?

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Unser Projekt »Nubuke Extended« lebt von einem sehr kontextuellen Ansatz, bei dem die Orientierung und Gestalt des neuen Galeriegebäudes und die Anordnung aller anderen Bauten und Features auf dem Areal auf die vorhandene Vegetation und landschaftliche wie klimatische Gegebenheiten reagieren, beziehungsweise daraus generiert wurden. Gleichermaßen war es uns wichtig, ein Zeichen zu setzen, eine architektonische Geste um Nubuke sichtbar zu machen, und der Kunst- und Kulturszene einen zeitgemäßen (Ausstellungs-)raum zu bieten, der zugleich prominent wirkt und zurückhaltend ist.

Die Galerie wird von unten über eine großzügige Treppen betreten. (Foto: Julien Lanoo)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Neben der Charakteristik des Ortes selbst waren wir inspiriert von den Arbeiten diverser Künstler*innen und Initiativen der Kunst- und Kulturszene der Stadt Accra sowie ganz Westafrikas. Räumliche und installative Kunst, die in Ghana zunehmend gemacht wird, findet in den großzügigen und stützenfreien Räumen im, unter und auf dem neuen Galeriegebäude Platz. Ein weitläufiges Schienensystem erlaubt, sie überall frei im Raum aufzuhängen. Es war uns auch wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der diese Objekte ebenso wie Fotographie, Malerei, digitale Kunst und performative Interventionen nicht mit einer Materialfülle in der Architektur konkurrieren. Zum »Masterplan« für das ganze Nubuke-Areal inspirierte uns das lebendige Programm der Nubuke Foundation. Demnach wollten wir möglichst viele und vielfältige räumliche Situationen schaffen, die zeitgleich verschieden bespielt werden können.

Nord- und Südfassade des Gebäudes sind durch große Öffnungen geprägt, die Blicke in die umliegende Landschaft freigeben. Durch Glaslamellenfenster wird die natürliche Querlüftung unterstützt. (Foto: Julien Lanoo)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Das Projekt ist, wie eingangs angedeutet, maßgeblich von den klimatischen und topographischen Eigenheiten des Ortes geprägt und auch von der besonders charakteristischen Vegetation des Nubuke-Areals. Ausgangspunkt für den Entwurf waren der offene Gartenbereich und der große Katappenbaum, die nun den Mittelpunkt der Anlage bilden. Sie befinden sich zwischen der neuen Galerie und dem renovierten Bestand. Der Außenraum wurde erweitert, indem alte Mauern und ein Container verschoben und reprogrammiert wurden. Dabei wurde auch ein bis dahin unzugänglicher Palmenhain integriert. Die Fensteröffnungen unseres Baus orientieren sich an der vorherrschenden Windrichtung, um die Querlüftung zu unterstützen. Auch die Gestaltung des Ausblicks auf den Palmenhain und den Grünraum rundherum spielte ein wichtige Rolle. Die sequenzielle Durchwegung des Areals und der Galerie steuert alle Blickbezüge. Das Gebäude wird somit weniger als Objekt denn als Rahmen für Aktivitäten und Teil der Landschaft wahrgenommen. 

Von außen hat die Galerie einen ikonischen Charakter. Die geschlossene Fassadenabschnitte schützen vor der tropischen Hitze. (Foto: Julien Lanoo)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Wir waren sehr vertraut mit den Interessen, dem Programm und den Ambitionen der Nubuke Foundation. Als Besucher*innen, Kurator*innen und Ausstellende kannten wir den Ort schon viele Jahre und aus unterschiedlichen Perspektiven. Wir waren lange vor Projektbeginn anderweitig im Austausch mit der Leitung der Foundation. Wir wussten, dass es ihr Anliegen ist, für ein sehr heterogenes Publikum und unterschiedliche Akteur*innen offen und attraktiv zu sein. Demnach waren Inklusion, Flexibilität und Freiheit für die Kurator*innen entscheidende Parameter und prägend für viele Entwurfsentscheidungen. 

Das Gebäude erstreckt sich in den Palmenhain der Nubuke Foundation. Eine Open-Air-Bühne befindet sich neben der Galerie und unterstützt große und kleine Events im Garten. (Foto: Julien Lanoo)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


2016 wurde eine Wettbewerbssituation arrangiert. Wir waren eingeladen, Antworten auf den Wunsch der Nubuke Foundation nach einer räumlichen und inhaltlichen Erweiterung zu entwickeln. Unser Entwurfskonzept basierte darauf, den Bestand zu erhalten und neu zu programmieren. Zudem schlugen wir einen neuen Baukörper »über« dem Garten vor. Mittelpunkt der neuen Nubuke Foundation sollte, wie schon erwähnt, der Garten und der prachtvolle Katappenbaum werden. Aus diesem Konzept leiteten sich alle weiteren Entwurfsentscheidungen ab. Wir blieben ihm bis zur Ausführung treu.

Das neue Galeriegebäude der Nubuke Foundation setzt ein Zeichen in Accra und auf dem Gelände. (Foto: Julien Lanoo)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Aus unterschiedlichen Gründen war es sehr schnell klar, dass das neue Galeriegebäude in Sichtbeton gebaut werden sollte. Die Rohheit und Klarheit, die das Material ausmachen, schienen uns passend für eine neue Bauaufgabe in einer Stadt, in der vorwiegend mit importierten Materialien, verkleideten Fassaden und Farbanstrichen gearbeitet und kaschiert wird.

Das Material erlaubte uns einerseits, die statischen Anforderungen zu meistern – das Gebäude sitzt auf vier gedrehten Stützwänden mit Auskragungen an beiden Enden der Röhre, im Innenraum ist es gänzlich stützenfrei. Andererseits passt es besonders zum monolithischen Charakter unserer Gestaltung. Wir waren zudem inspiriert von Referenzen aus anderen tropischen Regionen wie Brasilien, Mexiko und Indien, die uns im Entwurfsprozess begleitet haben. Wir wissen, dass die Verwendung von Beton heute aus ökologischen Gründen in der Kritik steht. In diesem Kontext allerdings ist er nachhaltig im Sinne von Langlebigkeit, wartungsarm und eine gute Antwort auf das anspruchsvolle tropisch-feuchte Klima in Südghana. 

Situation
Grundriss 
Schnitt
Name des Bauwerks
Nubuke Extended
 
Standort
7 Lome Close, Accra, Ghana
 
Auftragsart
Direktvergabe
 
Bauherrschaft
Nubuke Foundation
 
Architektur
nav_s baerbel mueller + Juergen Strohmayer, Accra / Wien
Kontaktarchitekten: orthner orthner & associates, Accra
Mitarbeit (Ausführung): Abdul-Rauf Issahaque
 
Fachplaner 
Bollinger + Grohmann Ingenieure, Wien
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Gebäudevolumen 
1'500 m3
 
Maßgeblich beteiligte Unternehmer 
Betonbau: HITL Construction Ltd., Accra 
Schlosser: MeCraft Ventures, Accra 
Tischler: Emmanuel Mawudzinwua, Accra 
Dach: Dygate Ghana Ltd., Accra
 
Fotos
Julien Lanoo

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