Von Tradition und Innovation

Nina Mair und Michaela Mair
27. März 2020
Foto: Markus Bstieler

Nina Mair und Michaela Mair haben das Firmengebäude der Gabriel Forcher Tischlerei erweitert. Der Sitz des Traditionsunternehmens war seit 1928 bereits in mehreren Etappen ausgebaut worden. Nina Mair erklären uns die Gestaltung und zeigt auf, welche Herausforderungen zu meistern waren.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die Gabriel Forcher Tischlerei, ein Familienunternehmen in der dritten Generation, ist in kontinuierlichem Wachstum begriffen. Die Firma wurde 1928 von Gabriel Forcher gegründet und beschäftigt heute 95 Mitarbeiter*innen. Das Firmengebäude, anfänglich eine 100 Quadratmeter große Werkstatt, wurde in regelmäßigen Ausbauschritten erweitert. Heute gilt die Firma mit mehr als 7'000 Quadratmetern Produktionsfläche als ein solides mittelständisches Unternehmen. Für die neuste Erweiterung wurde erstmals ein Architekturbüro beauftragt – wir. Um die Marke Forcher zu stärken, sollten einerseits die Produktions- und Büroflächen erweitert werden, andererseits war gewünscht, der gewachsenen Struktur ein einheitliches Aussehen zu verleihen. Es waren zwei Herausforderungen zu meistern: Der Bestand musste ins neue Gebäude bei laufendem Betrieb integriert werden und die Innenausstattung war so zu planen, dass möglichst viel davon von der Tischlerei selbst hergestellt werden konnte.

Foto: Markus Bstieler
Foto: Markus Bstieler
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Der Betrieb verbindet zwei essentielle Qualitäten: jahrhundertealtes Wissen und traditionelles Tischlerhandwerk, aber auch einen umfangreichen Maschinenpark mit modernster CNC-Technologie. Passend dazu haben wir darauf geachtet, Innovation mit Understatement und liebevoll ausgestalteten Details zu vereinen.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Im Entwurf wurden einerseits Ausblicke auf die spektakulären Bergmassive der Dolomiten geschaffen, andererseits wurde die Natur ins Gebäude geholt. Als zentrales Element wurde ein vollverglaster Innenhof zwischen das Bestandsgebäude, die neue Werkhalle und das Foyer platziert. Dieser dient als Treffpunkt für die Mitarbeiter*innen. In seiner Mitte wurde ein Ahorn gepflanzt, der in den heißen Monaten Schatten spendet. Gleichzeitig symbolisiert er das Material, mit dem die Tischlerei täglich arbeitet: Holz.

Foto: Markus Bstieler
Foto: Markus Bstieler
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Neben der Innovationsfreude und dem großzügigen Umgang mit Raum wurde bei der Planung ein besonderes Augenmerk auf die funktionalen Abläufe gelegt. Diese Haltung spiegelt die Philosophie der Firma Forcher wider und verbindet beide Maßstabsebenen. Denn sowohl das Gebäude als auch die darin hergestellten Möbel erhalten ihre Qualität aus der richtigen Materialwahl, präzisem Handwerk und sorgfältig gestalteten Details.

Unser Entwurfskonzept konzentriert sich auf die Bedürfnisse des Menschen, stellt sie in den Vordergrund. Sowohl von der Werkstatt als auch von jedem Büroarbeitsplatz aus öffnen sich Blicke in die Umgebung, auf die Berge rundherum. Die Büros im Obergeschoss sind auf zwei Niveaus aufgeteilt, die von einem Satteldach über die gesamte Gebäudebreite von 30 Metern stützenfrei überspannt werden. Zentral sind die Küche sowie der Aufenthaltsbereich angeordnet, der sowohl den Mitarbeiter*innen als auch dem Empfang von Gästen dient. Das Herzstück dieser Interaktionsfläche bildet ein vier Meter langer Massivholztisch. Wie ersichtlich wird, legt die Bauherrschaft großen Wert auf ein gutes Miteinander und gemeinsam verbrachte Pausen. 

Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Nein. Die Bauherrschaft war bereit zu mutigen Entscheidungen und konnten diese auch während des gesamten Prozesses voll vertreten. Mit diesem Architekturprojekt wurden nicht nur außergewöhnliche Arbeitsräume geschaffen, sondern es wurde auch der Grundstein für die erfolgreiche Weiterführung des Betriebs in der nächsten Generation gelegt.

Foto: Markus Bstieler
Foto: Markus Bstieler
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Das Gebäude ist so konzipiert, dass es energieautark funktionieren kann. Derzeit wird mit den zerspanten Holzabfällen aus der Produktion so viel Energie erzeugt, dass nicht nur das eigene Firmengebäude geheizt werden kann, sondern auch ein benachbartes Unternehmen Fernwärme von der Tischlerei bezieht. Das Tragwerk des neuen Hallendachs ist so konzipiert, dass bei Bedarf noch eine Photovoltaikanlage installiert werden kann. 

Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Jedes Material kommt dort zum Einsatz, wo es seine Stärken ausspielen kann. In der Fertigungshalle überwindet die primäre Tragstruktur aus Leimbindern Spannweiten bis zu 30 Metern stützenfrei. Die Brandabschnittswand zwischen Büro und Fertigungshalle wurde in Stahlbeton ausgeführt, während alle Außenwände des Bürobauteils aus schichtverleimten Massivholzelementen konstruiert sind. In der Produktionshalle findet man ein klares, auf die funktionelle Anforderung zugeschnittenes Tragwerk, welches dem Stützenraster der Bestandshalle folgt. 

Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Schnitt
Name des Bauwerks 
Forcher Headquarter
 
Ort
Bürgeraustraße 29, 9900 Lienz
 
Nutzung
Büro- und Produktionsgebäude
 
Bauherrschaft
Gabriel Forcher Tischlerei GmbH
 
Architektur
Kooperation Nina Mair und Michaela Mair, Innsbruck
Mitarbeiter*innen: Stefanie Budweiser, Ana Turcan, Barbara Beetz, Verena Rauh
 
Fachplaner
Statik: Peter Stippler
Brandschutz: IBS Innsbruck
Elektroplanung: Duregger
Bauphysik: Susanna Hoffer
HKLS: Tiefenbacher
 
Bauleitung 
BMST-Greiderer
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Auszeichnung 
iF Design Award
 
Fotos
Markus Bstieler

Vorgestelltes Projekt

Vector Architects

Renovation of the Captain's House

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