Ziegelbau mit Gleis und Ausblick

Ostertag ARCHITECTS
22. November 2019
Foto: Florian Frey

Ostertag ARCHITECTS haben den neuen Bahnhof von Hennersdorf nahe Wien entworfen. Der funktionale Infrastrukturbau ist mit architektonischem Fingerspitzengefühl ausgestaltet. Er wertet den Ort an der Peripherie der Hauptstadt auf. Markus Ostertag beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

An den Nahtstellen zwischen den Peripherien der Städte und ruralen Räumen entwickeln wir die meisten Stations-Projekte, viele davon sind klein und mittelgroß. Das ist absolut spannend, denn es bedeutet an der Zukunft der Mobilität mitzuarbeiten.

Es gibt in Österreich neun Landeshauptstädte mit großen Bahnhöfen; es gibt zugleich über 1'000 Stationen, die mittelgroß oder klein sind und eine Fahrgastfrequenz von 500 bis 1'000 Personen pro Tag aufweisen. An diesem Zahlenverhältnis erkennt man ihre Bedeutung – die kleinen Bahnhöfe tragen wesentlich zur Qualität des Bahnfahrens bei. Ihnen ist daher ebenso viel Wichtigkeit und Bedeutung beizumessen wie den großen Anlagen; Unterschiede bestehen allein hinsichtlich der Größe und Frequentierung. Jeder Passagier – egal wo – hat Anspruch auf durchgängige hohe Qualität. Der Bahnhof Hennersdorf gehört mit einer Fahrgastfrequenz von bis 1'000 Reisenden pro Tag zu den kleineren in Österreich.

Foto: Florian Frey
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Homogenität, formale Klarheit und die Schaffung von Blickachsen bis zu den Bahnsteigen und von diesen in die umgebende Landschaft waren die Entwurfsprinzipien hinter der Gestaltung des lang gestreckten Tragwerks. Mit dem Kreuzungsbauwerk in Brückenbauweise ist ein exakt auf die Gegebenheiten des Ortes angepasstes Projekt entstanden. Der weit aufgespannte offene Raum unter der Konstruktion beherbergt alle Einrichtungen einer multimodalen Verkehrsstation. Zudem ist er ein wichtiger offener, überdachter Freiraum. Seine Größe wird durch die trompetenförmigen Säulen, die aus statischen Vorgaben heraus ihre Form erhielten, betont. Von dort aus gelangen die Besucher*innen über Treppen und Aufzüge barrierefrei zu den Bahnsteigen, wo sich durch große, in die Lärmschutzwände geschnittene Fensterbänder, schöne Ausblicke über das Umland eröffnen. Zudem verleihen diese Öffnungen dem Baukörper Leichtigkeit.

Foto: Florian Frey
Foto: Florian Frey
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Die Kapazität der Pottendorfer Linie soll künftig wesentlich erhöht werden. Deswegen wurde entschieden, die Gleise im Bereich des Bahnhofs, wo sie eine Landesstraße kreuzen, erhöht zu führen. Im Planungsprozess waren wir bestrebt, auch auf den städtebaulichen Kontext einzugehen und diesen zu entwickeln. Der neue Bahnhof in Hochlage ragt visuell in den Ort hinein, zugleich bleiben alle stadträumlichen Bezugsachsen zu den angrenzenden Wohngebieten erhalten. So entsteht ein Gleichgewicht. Die Ortsteile werden verbunden und aufgewertet. Aufgrund der Nähe zu diversen Wohnbauten war der Lärmschutz überdies ein weiteres wichtiges Thema.

Foto: Florian Frey
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Ziel unserer Handlungsallianz mit der ÖBB-Infrastruktur AG war es, aus der vornehmlich auf Funktionalität basierenden Gestaltung eines Bahndamms ein städtebauliches Projekt zu entwickeln, das den Ort eint. Die späteren Nutzer*innen standen von Anfang an im Fokus: Der Ausbau der Pottendorfer Linie und der Neubau des Bahnhof Hennersdorf bedeuten nichts weniger als die Verbindung der Wiener Peripherie mit dem Stadtzentrum und einen Quantensprung in Sachen Komfort und Attraktivität. 

Foto: Florian Frey
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?

Wir beweisen mit dem Bahnhof ein weiteres Mal, dass es auch im Kontext des komplexen und mitunter engen Regelwerks der ÖBB-Infrastruktur AG (vergleiche Standardisierungen, Materialqualitäten, Ausstattungsdetails und dergleichen mehr) möglich ist, auf Funktionalität ausgerichtete Infrastrukturbauten architektonisch qualitätsvoll auszugestalten, ihnen einen regionalen Bezug zu geben und dabei mit den jeweils betroffenen Kommunen neue Lebensräumen zu entwickeln, die von den Menschen gerne angenommen werden.

Foto: Florian Frey
Foto: Benjamin Ostertag
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Es sprachen viele Argumente dafür, Ziegel als Hauptbaumaterial zu verwenden. Jene spielen in fast allen Kulturen dieser Erde seit Jahrhunderten eine Rolle und sind Teil unserer kollektiven Geschichte. Gebrannter Ton ist jedoch nicht nur einer der ältesten Baustoffe, sondern auch einer der zukunftsfähigsten und modernsten. Haltbarkeit, Langlebigkeit und ein sehr schöner Alterungsprozess waren weitere Aspekte. Hinzu kam ferner, dass mit dem Baustoff auf die lange Tradition des Ziegelbrennens in der Region verwiesen werden konnte. Und schließlich konnten regionale Steine eingesetzt werden, was uns im Sinne der Nachhaltigkeit wichtig war.

Die Fassade wurde aus einem Akustik-Klinker gebaut, den die Firma Wienerberger speziell für den Bahnhof entwickelten hat. Durch scheinbar endlosen Reihen und eine sich stetig wiederholender Anordnungen der Ziegel sowie gleichzeitige Rapportveränderungen der Muster-Geometrien, entsteht ein schöner Fluss von Farbtönen, Licht und Schatten an der Fassade.

Grundriss Straßenebene
Grundriss Gleisebene
Querschnitt
Ostansicht
Name des Bauwerks Bahnhof Hennersdorf
Ort Hauptstraße, 2332 Hennersdorf
Nutzung Bahnhof
Auftragsart geladener Wettbewerb
Bauherrschaft ÖBB-Infrastruktur AG
Architektur Ostertag ARCHITECTS ZT GmbH, Wien: Markus Ostertag (Projektleiter) und Daniel Cranach (Projektleiter), Pushpa de Silva, Tomasz Burghardt
Fachplaner Statik und Gleisbau: PCD ZT-GmbH, Wien
Bauleitung Örtliche Bauaufsicht: TECTON, Wien
Jahr der Fertigstellung 2018 
Maßgeblich beteiligte Unternehmer Baufirma: Gebr. Haider & Co. Hoch- und Tiefbau GmbH, Kapfenberg | Ziegel & Akustik-Klinker: Wienerberger, Hennersdorf bei Wien
Fotos Benjamin Ostertag, Florian Frey

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