Blühender Beton und welke Postmoderne

Ulf Meyer
23. Januar 2020
Gottfried Böhm im Jahr 2018 (Foto: Christian Schaulin)

Der Kölner Bildhauer-Architekt Gottfried Böhm ist eine Legende. Der einzige lebende deutsche Pritzker-Preisträger wird diese Woche hundert Jahre alt. Dem gestalterischen Verwandlungskünstler wird aus diesem Anlass eine ausgedehnte Veranstaltungsreihe gewidmet.

Dass in Deutschland eine derart umfassende Würdigung eines lebenden Architekten organisiert wird, dürfte wohl einmalig sein. Die Veranstaltungsreihe zu Ehren Gottfried Böhms umfasst 35 Symposien; dazu finden Ausstellungen und Exkursionen an verschiedenen Orten statt. 16 Institutionen arbeiten dafür zusammen. In einer Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums (DAM) zum Beispiel wird die Wallfahrtskirche in Neviges (Nordrhein-Westfalen) präsentiert. Die Schau fragt zugleich, wie gefährdete Betonbauten der Nachkriegsmoderne erhalten werden können. Das Museum für Angewandte Kunst in Köln wiederum hat Hélène Binet eingeladen, Böhms Sakralbauten fotografisch neu zu porträtieren. Ihren Arbeiten werden Kohle-Zeichnungen Böhms gegenübergestellt.

Mehrere Böhm-Bauten haben Architekturgeschichte geschrieben. Denn vor seinen mitunter klobigen postmodernen Exkursen knüpfte Böhm an die skulpturale Architektur seines Vaters an. Dominikus Böhm (1880–1955) war einer der führenden Kirchenbaumeister der Zwischenkriegszeit in Deutschland. Im väterlichen Büro hat Gottfried Böhm sein Handwerk einst erlernt. Seine fast vier Dutzend (!) Kirchen haben ihre Qualitäten über die Jahrzehnte bewiesen.

Wallfahrtskirche »Maria, Königin des Friedens«, Neviges, 1963–68 (Foto: Inge und Arved von der Ropp /Irene und Sigurd Greven Stiftung, 1976)
Wallfahrtskirche »Maria, Königin des Friedens«, Neviges, 1963–68 (Foto: Steffen Kunkel, 2015)

Die Godesburg in Bonn (1959) und das Rathaus Bensberg (1969) verbanden meisterhaft »das Erbe mit neu Erworbenem«. Bis zum Tod seines Vaters arbeiteten beide Architekten in Köln eng zusammen. Das erste eigene Werk war die Kapelle »St. Kolumba« in Köln (1947), die später in Peter Zumthors Diözesanmuseum »Kolumba« aufging. Sie wurde, rings um eine Madonnenfigur errichtet, zur Ikone der Nachkriegszeit. Gestaltungskraft bewies Böhm insbesondere auch mit dem Entwurf der Kirche »Maria, Königin des Friedens« in Velbert-Neviges. Der Mariendom gilt als sein bedeutendster Kirchenbau überhaupt und wirkt wie ein Zelt. 

Nachdem die Kirchenbau-Konjunktur der Nachkriegszeit abebbte, widmete sich Böhm mehr und mehr Wohn- und Geschäftshäusern. Aus den kraftvollen Beton-Skulpturen des Frühwerks wurden Bauten aus Stahl und Glas. Mit den »WDR-Arkaden« in Köln, der Ulmer Stadtbibliothek oder der Filiale der Deutschen Bank in Luxemburg hat sich Böhm als wichtiger Vertreter der (schnell verwelkten) deutschen Postmoderne profiliert.

»WDR-Arkaden«, Köln (Foto: D. Heiermann, 2011)

Das opulente Programm zum 100. Geburtstag will daher deutlich machen, dass Böhm »mehr ist als ein Kirchen-Architekt«. Von den skulptural-expressiven Béton-Brut-Bauten des Frühwerks bis zu den teils leider über Gebühr ambitionierten Projekten seines Spätwerks sollen alle Aspekte von Böhms Schaffen beleuchten werden. Böhm ist ein Einzelgänger, gilt als eigensinnig, aber auch wandelbar. Und er ist eine »Ausnahmeerscheinung der deutschen Nachkriegsarchitektur«, dessen oft anti-moderne Haltung in der Tradition etwa von Hans Poelzig (1869–1936), Bruno Taut (1880–1938) und Hans Scharoun (1893–1972) steht. 


Seit 2006 führen Böhms Söhne Stephan, Peter und Paul das Büro und setzen in dritter Generation das Wirken der Böhms in Deutschland fort. 

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