Building Europe – große Debatte über Baukultur

Manuel Pestalozzi
13. Oktober 2021
Im Orpheum in Graz fand ein interessiertes Fachpublikum aus ganz Europa zusammen. (Foto © Building Europe, Jakob Kotzmuth)

Anfang Oktober war Graz das Zentrum des europäischen Architekturdiskurses. Expert*innen aus 22 Ländern sprachen ausführlich über die Zukunft des Bauens. Künftig jedoch braucht es vor allem mehr Taten.

Das Motto der Konferenz Building Europe lautete »Auf dem Weg zu einer Architektur und Baukultur hoher Qualität für alle«. Das macht klar: In ganz Europa gibt es in unterschiedlichen Schattierungen Missmut über die architektonische Qualität und die zu geringe Zukunftsfähigkeit der gebauten Umwelt. Doch was ist das überhaupt, Qualität? Was ist Baukultur? Die Begriffe sind unscharf und schwer zu fassen, wirklich befriedigende Definitionen gibt es nicht. Jeder versteht etwas anderes unter ihnen, und viele streiten um die Deutungshoheit. Die Konferenz wurde von vielen Akteuren und Institutionen gemeinsam aufgegleist: dem Bundesministerium Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport, der Architekturstiftung Österreich, dem Land Steiermark, der Stadt Graz, dem Grazer Haus der Architektur, der Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen, LandLuft, der Plattform Baukulturpolitik und dem Architects Council of Europe; dazu kamen die Architektur- und Raumplanungskammer von Slowenien, das slowenische Außenministerium und die Stadt Maribor. So hatte der Anlass einen sehr offiziellen und politischen Anstrich. Außen vor bleib unterdessen die Wirtschaft, die eigentlich – ob man nun möchte oder nicht – ein wichtiger Player wäre. Und obschon die Konferenz ein Anlass für alle sein sollte, blieb man am Ende doch irgendwie unter sich.

Im ersten Teil, der auf Österreich fokussierte, wurden über die Arbeit in der EU gesprochen. Zum Beispiel wurden die Ergebnisse einer seit Anfang vorigen Jahres auf EU-Ebene aktiven Arbeitsgruppe präsentiert, die sich um qualitätsvolle Architektur und eine gute gebaute Umwelt für alle kümmern soll. In dieser wurden Empfehlungen für die europäische Architektur- und Baukulturpolitik entwickelt. Sie verfolgt damit ähnliche Ziele wie das New European Bauhaus (NEB). Entstehen soll mit diesem ja ein Ort der Begegnung, um über Disziplingrenzen hinweg neue Lebensweisen zu diskutieren. 

An einer der Podiumsdiskussionen nahm auch Veronika Valk-Siska vom estnischen Kulturministerium (Zweite von rechts) teil. (Foto © Building Europe, Jakob Kotzmuth)

Neben zahlreichen Politiker*innen sprach in Graz unter anderem auch Reinier de Graaf vom niederländischen Büro OMA. In seiner Präsentation »Architecture and the Future of Europe« machte er deutlich, auf welche Herausforderungen Architekt*innen zukünftig reagieren müssen. Reagieren – das war dabei ein Schlüsselwort. Denn vielfach ist das Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen: Es sollten zum Beispiel gar keine Flächen mehr neu bebaut werden. Es geht also darum, den Bestand zu pflegen und an ihm weiterzubauen. Interessiert man sich für das Thema Umbau und beschäftigt man sich zuvorderst mit jungen Büros, könnte man meinen, das Weiterbauen sei mittlerweile die Hauptbeschäftigung von Architekt*innen. Doch in Wahrheit wird munter neu gebaut und werden fast überall unbeeindruckt neue Flächen versiegelt – Vogel-Strauss-Haltung, Kopf in den Sand. 

Im österreichischen Teil der Konferenz kam weiter auch die Wiederbelebung der Ortszentren zur Sprache. Als Positivbeispiel wurde dabei die Gemeinde Trofaiach in der Obersteiermark präsentiert. »Trofaiach wurde ausgezeichnet als die Gemeinde, die mit dem Thema in Österreich am besten umgeht«, sagte Steiermarks Landesbaudirektor Andreas Tropper gegenüber dem ORF stolz.

Ein Besichtigungsprogramm ergänzte die Vorträge und Diskussionen. (Foto © Building Europe, Jakob Kotzmuth)

Nach der Präsentation weiterer Best-Practice-Beispiele ermöglichten am Folgetag drei thematische Exkursionen in und um Graz den Besuch von bemerkenswerten Gebäuden – wahlweise aus den Bereichen »Wohnen«, »Gesundheit« oder »Bildung«. Die Ausflüge dienten auch dem Austausch und der Vernetzung. Ein Mittagessen im Haus Denk, kurz hinter der slowenisch-österreichischen Grenze, bildete den Auftakt zum slowenischen Teil der Konferenz. Dessen Schwerpunkt lag auf den Herausforderungen im Umgang mit dem umfangreichen Bestand an Einfamilienhäusern, der die ruralen Teile des Landes bestimmt. Die Hälfte der slowenischen Bevölkerung lebt in diesen Bauten. In Vorträgen und Diskussionen wurde beraten, wie mit diesen Häusern vor dem Hintergrund des Klimawandels, aber auch sozialer und ökonomischer Veränderungen zu verfahren ist.

Insgesamt wurden Probleme angesprochen, die zwar längst bekannt sind, doch noch immer nicht gelöst – und zwar bei weitem nicht. Auch definierte Ziele und erprobte Ansätze wurden besprochen: Partizipation, klimaneutrales Bauen, Ressourcenschonung, die vermehrte Arbeit mit dem Bestand, der möglichst weitgehende Verzicht auf Abriss und Neubau, der Schutz unbebauter Flächen. Nun muss überall in Europa der Schritt vom Reden zum Handeln gelingen, sodass wir bald mehr vorzuweisen haben als einzelne Vorzeigeprojekte und einige tolle Initiativen. 

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