»Ich habe Schuhschachteln satt!«

Manuel Pestalozzi
3. Mai 2021
Der mittelalterlich Ledererturm ist das Wahrzeichen der Stadt Wels. Das Bauwerk wurde 1326 erstmals urkundlich erwähnt. (Foto: Bwag via Wikimedia Commons, CC-BY-SA-4.0)

Wels’ Bürgermeister Andreas Rabl hat eine Debatte um die architektonische Entwicklung der Stadt vom Zaum gebrochen. Anders als sein Ruf nach historisierenden Fassaden stößt seine Forderung nach mehr Bürgerbeteiligung bei Architekt*innen auf Zustimmung.

Architektur bringt die Werte unserer Gesellschaft zum Ausdruck. Es verwundert daher nicht, dass sich Politiker*innen aller Couleur immer wieder in den Architekturdiskurs einschalten und mitunter auch versuchen, Stilrichtungen im Sinne ihrer Wertehaltung zu deuten und mitunter auch zu instrumentalisieren. Zum Beispiel hat der deutsche Architekturprofessor Stephan Trüby in den letzten Jahren ausführlich zur Vereinnahmung von historischer Architektur durch die politische Rechte geforscht und publiziert.

In Wels hat Bürgermeister Andreas Rabl (FPÖ) mit seiner Pauschalkritik an der zeitgenössischen Architektur eine große Debatte losgetreten. Interessant dabei ist, dass der nationalkonservative Politiker mit seinem Ruf nach mehr Bürgerbeteiligung auf die Zustimmung von Architekt*innen stößt. Auch unter letzteren gibt es nämlich Unzufriedenheit mit der aktuellen Planungspraxis in der Stadt. Doch der Reihe nach: Rabl hat sich auf der Plattform OÖNplus zu Wort gemeldet. Dort polterte und schäumte er: »Ich habe Schuhschachteln satt!« Damit meint er die »gängige Formensprache in der Architektur«. Stattdessen bevorzugt der FPÖ-Politiker nach eigenem Bekunden historisierende Bauten in Anlehnung an frühere Epochen, die er vermutlich mit seiner politischen Haltung besser in Einklang bringen kann. Genauer wurde er jüngst in einem Interview mit der Zeitung Die Monatliche: »Ich habe mich schon sehr früh gegen die Schuhschachtelbauweise ausgesprochen«, wehklagte er dort, »musste aber zur Kenntnis nehmen, dass diese Bauweise einerseits von den Förderregelungen im sozialen Wohnbau vorgegeben wird, andererseits diese Projekte zumindest teilweise vom Gestaltungsbeirat der Stadt freigegeben wurden.«

Es scheint dem Amtsträger vor allem um die Fassadengestaltung zu gehen, Grundrisse thematisiert er nicht. »Die Stadt Wels sollte für die Innenstadt und für große Wohnungsprojekte Gestaltungsrichtlinien erarbeiten«, meint er, »die Fassadengestaltung muss anspruchsvoller werden, dazu gehören mehr Plastizität, Gliederungen, Strukturen und Differenziertheit. Darüber hinaus brauchen wir bei den Gestaltungswettbewerben mehr Bürgerbeteiligung. Es sollten daher auch Welserinnen und Welser mitentscheiden, welche Projekte verwirklicht werden, um eine Verschandelung der Stadt zu verhindern.«

Kritik auch aus der Architekturszene

Gleichzeitig befragte Die Monatliche den Architekten Heinz Plöderl, PAUAT Architekten, zu seiner Sicht auf den Stand der Dinge. Auch der Wahlwelser attestiert der Stadt eine fatale Entwicklung im Bereich der Stadtplanung und kritisierte ebenfalls die fehlende Einbindung der Bürger. Er wünscht sich, dass der Gestaltungsbeirat öffentlich tagt und neben Architekturschaffenden und Politikern auch Historikerinnen am Tisch sitzen. »Man muss sich viel mehr Fragen stellen als die der Fassadengestaltung«, stellte er im Interview allerdings in Reaktion auf Rabls Ausführungen klar und fällte zugleich selbst ein hartes Urteil: »Raum- und Stadtplanung ist in Wels de facto nicht existent. Das ist ein gewaltiges Problem, und es ist an der Zeit, das zu ändern.« 

Der Bürgermeister hat für den kommenden Juni eine große Architektur-Enquete in Aussicht gestellt, bei der internationale Fachexpert*innen miteinander diskutieren sollen. Grundsätzlich ist dieser Ansatz zu begrüßen. Kritik sollte immer auf ihre Berechtigung hin geprüft werden. Und es ist wichtig zu fragen, inwiefern der Politiker mit seiner medienwirksamen Polterei eine Missstimmung in der Bevölkerung aufgreift. Es bleibt allerdings sehr zu hoffen, dass die Debatte schlussendlich tiefer schürfen wird als bisher und nicht bei einer geschmäcklerischen bis ideologischen Diskussion über die Fassadengestaltung liegen bleibt.

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