Lobau-Autobahn: »Stadtstraße« oder aus der Zeit gefallenes Projekt?

Manuel Pestalozzi
12. April 2022
Der Bau des Lobau-Tunnels unter den Donau-Auen südöstlich des Wiener Stadtzentrums wurde gestoppt. (Foto: Jaroslav Kubec via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Das Wiener Verkehrsprojekt ist heftig umstritten. Nun hat sich die Österreichische Gesellschaft für Architektur zu Wort gemeldet und für eine Stadt der kurzen Wege plädiert.

 

»Stadtstraße« ist eine als euphemistisch kritisierte Bezeichnung für die geplante Lobau-Autobahn in Wien. Das Großprojekt, zu dem ein über acht Kilometer langer Tunnel unter dem Nationalpark Donau-Auen hindurch gehört, bezeichnet die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) als »transdanubischer Anlassfall«. In Wien-Donaustadt führte dieser zu einem Protestcamp, das Anfang April von der Polizei geräumt wurde. Bei dem Vorhaben gehe es um mehr als nur die Frage, »ob die manipulativ Stadtstraße benannte, per se aber nicht nur unstädtische, sondern anti-städtische Schnellstraße gebaut werden soll oder nicht«, schreibt die ÖGFA in einem Meinungsbeitrag.

Als Plattform für die unabhängige, kritische Debatte zu Architektur und Stadtplanung erinnert die ÖGFA an frühere großmaßstäbliche Planungen – von Otto Wagners Großstadt bis zu Roland Rainers Gesamtplanungen –, die das Verhältnis zwischen Transdanubien und dem cisdanubischen Wien zum Thema hatten. Ein solcher Blick für das Ganze fehlt der ÖGFA in der Diskussion um das Verkehrsprojekt bisher. Auch mangelt es nach Meinung der ÖGFA am Verständnis für die Bedeutung öffentlicher Freiräume. Eine Planung im großen Maßstab müsste aber Räume anbieten, die allen Nutzer*innen offenstehen, statt ausschließlich einem einzigen Verkehrsmittel zum Vorteil zu gereichen, das auf Klima und Umwelt ebenso negative Auswirkungen habe wie auf die Stadt selbst.

Die Projektierung des Lobau-Tunnels wurde im vergangenen Dezember gestoppt. Das bietet in den Augen der ÖGFA die Gelegenheit, Infrastrukturprojekte infrage zu stellen, die noch aus einer Zeit stammt, in der »die Dringlichkeit des Klimaschutzes noch nicht ausreichend erkannt wurde«. Denn diese Vorhaben sind wichtige Weichenstellungen und bestimmen den Verkehr, die Emissionen und die Stadtentwicklung auf Jahrzehnte. Die ÖGFA fordert ein Konzept für den transdanubischen Raum, das über die Stadtgrenzen hinausreicht und Stadtentwicklung nicht nur aus der Perspektive des Wohnbaus betrachtet, sondern das Ziel einer urbanen Nutzungsmischung verfolgt, die in Korrelation zur Verkehrs- und Freiraumplanung steht.

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