Moderne Lernumgebung von Sou Fujimoto

Ulf Meyer
17. Februar 2022
Foto: Chris Mansfield

 

Wie werden Studierende künftighin lernen? Geht es nach dem Österreicher Philippe Narval, frischgebackener Intendant des neuen Learning Center der Universität St. Gallen (HSG) in der Schweiz, ist das Pauken im Hörsaal ein Relikt aus der Vergangenheit. Die Hochschule der Zukunft sei ein Ort, an dem Studierende und Dozent*innen miteinander und voneinander lernen, ist er überzeugt. Auch wer nicht studiert hat, ist ihm dort willkommen. Statt in klassischen Vorlesungen soll der Unterricht nunmehr als Diskussion im Plenum stattfinden. Das nötige Faktenwissen kann unterdessen zu Hause erworben werden. Der eben fertiggestellte Neubau »Square« der HSG setzt dieses didaktische Konzept bereits baulich um.

Entworfen hat das elegante Bauwerk der Japaner Sou Fujimoto, der 2017 den geladenen Wettbewerb um dessen Gestaltung gegen starke einheimische Konkurrenz gewann. Er ist übrigens einer der aktuell erfolgreichsten Exponenten der japanischen Architektur. Erst kürzlich wurde ein von seinem Team gestaltetes Konzerthaus in Budapest fertig. Und wegen seines großen Erfolgs in Europa betreibt er ein Zweigbüro in Paris. Das 63 Millionen Schweizer Franken teure Haus, das durch Spenden ehemaliger Studierender finanziert wurde, ist neben der Bibliothek und dem Hauptgebäude das dritte Objekt am Campus auf dem Rosenberg. Den beeindruckenden Brutalismus des Hauptgebäudes und den postmodernen Klassizismus der Bibliothek kontrastiert der Neubau mit japanischer Leichtigkeit. Fujimotos Bau besteht aus Kuben. Die Grundfläche ist nach oben hin zurückgestuft, sodass das Gebäude an eine Stufenpyramide erinnert und wie die Weiterführung des Hügels wirkt, auf dem es steht. Auf diese Weise greift es trotz seiner Größe den Maßstab des umliegenden Wohnquartiers auf. Zugleich entstehen viele Terrassen und Gärtchen.

 

Foto: Maris Mezulis
Foto: Chris Mansfield
Foto: Chris Mansfield

 

Passend zum didaktischen Konzept begünstige der Grundriss Interaktion, Inspiration und Blickbezüge zwischen den Ebenen, sagt Fujimoto, und vor allem fördere er den Austausch. Durch den Haupteingang gelangt man in das große Atrium – mit 18,5 Metern der höchste Raum des Gebäudes und sein unbestrittenes Zentrum. Die öffentlich zugänglichen Bereiche werden über zwei Wendeltreppen erschlossen. Einen herkömmlichen Hörsaal gibt es nicht, stattdessen wird im Square auf offenen Galerien gelehrt. Dank modularer Trennwände können die Lernbereiche jederzeit verändert werden. Die Raumteiler sind dazu in Laufschienen an der Decke eingehängt.

 

Foto: Chris Mansfield
Foto: Chris Mansfield

 

In den oberen Etagen liegen die Räume für konzentriertes Arbeiten. Mit ihnen löst die HSG ein Problem, das sie schon seit vielen Jahren begleitet: Platzmangel. Glasfassaden, deren Scheiben an weißen Profilen befestigt sind, stellen überall Verbindungen zum Außenraum her. Die bereits angesprochenen Terrassen erlauben es, Seminare während der Sommermonate draußen abzuhalten. Auch soll auf ihnen Urban Gardening betrieben werden. Das dort angebaute Gemüse soll in der Cafeteria verarbeitet und schließlich kredenzt werden, so die Wunschvorstellung der Hochschule und Fujimotos.

Die Außenräume hat der Landschaftsarchitekt Enzo Enea aus Rapperswil-Jona gestaltet. Der Aushub, der bei den Bauarbeiten anfiel, wurde gesammelt und an der Grundstücksgrenze zu Hügeln angehäuft. 

 

Foto: Chris Mansfield
Foto: Chris Mansfield


Beton, Glas, Aluminium und weisser Putz sind die prägenden Baustoffe. Etwa die Hälfte des verbauten Betons wurden in einem nahen Betonwerk recycelt. Zudem wurde ihm ein beträchtlicher Anteil Weisszement hinzugefügt, um eine hellere Farbe zu erreichen. Sein Einsatz lässt sich als Bezugnahme auf das alte Hauptgebäude interpretieren. Und es gibt weitere Referenzen an den Ort: Die Muster auf den Akustikplatten zum Beispiel sind Interpretationen der St. Galler Spitze, der berühmten Stickerei der Ostschweiz also. In die Betondecken wurden Hohlkörper eingesetzt, um Gewicht zu sparen. Durch ein Heiz- und Kühlungssystem mit Erdwärme und Solarmodulen wird das Gebäude zum Niedrigenergiehaus.

Als »Leuchtturm für das neue Lernen an Universitäten« beschreibt Professor Dr. Thomas Bieger, ehemaliger Rektor der Universität St. Gallen, Fujimotos Bauwerk stolz. Die insgesamt 700 neuen Arbeitsplätze würden »Raum für das Studieren im digitalen Zeitalter« schaffen, lobt er. Fujimotos flexible, elegant-dünne und indeterminierte Architektur eröffnet tatsächlich neue Möglichkeiten der Wissensaneignung. Jetzt muss ihr Potenzial genutzt werden. Dafür hat die HSG Stiftung für die nächste Dekade 1 Million Schweizer Franken pro Jahr gesprochen.

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