Raum als »dritter Pädagoge«

Ulf Meyer
15. April 2021
Foto © Hertha Hurnaus

PPAG architects haben in Wien eine komplexe, räumlich reiche Schule gestaltet, die auch der Stadt zugute kommt und ihre Umgebung aufwertet.

Die Räume seiner Grundschule vergisst man zeitlebens nicht. Sie gehören zu den prägendsten Architekturen der Kindheit. Dem italienischen Erziehungswissenschaftler Loris Malaguzzi (1920–1994) galt das Klassenzimmer sogar als »dritter Pädagoge« (nach Eltern und Lehrern). Die Stadt Wien setzt deshalb bei ihrem Schulbauprogramm auf moderne »räumlich-pädagogische Konzepte«. Gutes Bauen und erziehungswissenschaftliche Erwägungen sollen ineinandergreifen.

Beim Neubau der Schule in der Längenfeldgasse im 12. Bezirk haben die städtischen Vorgaben Anna Popelka und Georg Poduschka (PPAG architects) zu einer Architektur inspiriert, die Projektarbeit und freies Lernen in den Vordergrund stellt, aber dank Gestaltung und Materialwahl auch urban wirkt. Die Anlage beherbergt neben der Volksschule auch eine Berufsschule.

Foto © Hertha Hurnaus
Foto © Hertha Hurnaus

Die Volksschule hat vier sogenannte Cluster mit je vier »Bildungsräumen«, die um eine »Lernlandschaft« herum angeordnet sind. Zu jedem Cluster gehören auch »Teamräume« für die Pädagog*innen – früher hätte man von Lehrerzimmern gesprochen. Die etwas angestrengt modern wirkenden Begriffe zeugen von der Verkopftheit des pädagogischen Konzeptes der Bauherrschaft, der Stadt Wien. Das hat die Architekten aber nicht davon abgehalten, eine komplexe und räumlich reiche Schule zu entwerfen. 

Das beginnt schon beim Städtebau: Der Entwurf von PPAG entwickelt »Wirkkraft in das umliegende Quartier«, wie Popelka und Poduschka sagen, weil der Neubau mit einer Berufsschule, einer Volkshochschule und einem Festsaal ein Stadtteilzentrum bildet. Von der namensgebenden Längenfeldgasse her führt ein überdeckter Vorplatz zum Eingang dieses urbanen Nukleus. 

Der große Schulbau ist in den untersten beiden Geschossen wie eine tiefe Platte organisiert, in den oberen Stockwerken dann löst sich der Grundriss glücklicherweise zu einem schmaleren Riegel auf. Dieser orientiert sich hinsichtlich der Höhe an den bestehenden Gebäuden rundherum und markiert die Straßenecke Längenfeld-/Steinbauergasse. 

Foto © Hertha Hurnaus
Foto © Hertha Hurnaus

Die Schule ist zur Längenfeldgasse hin orientiert und nimmt ihr Grundstück nur zur Hälfte in Anspruch: Der ehemalige Sportplatz wurde bebaut, ein bestehender Obstgarten hingegen blieb erhalten.

Die vier Klassenzimmer-Cluster liegen um einen Innenhof herum im 1. Obergeschoss. Aula, Verwaltung, Garderoben, Kreativbereich und Speisesaal werden über zwei breite Treppen erschlossen, und es gibt zusätzlich eine Anbindung zum Garten, zum Innenhof und auf das Dach. Die besagten »Teamräume« der Lehrer*innen bieten einen guten Überblick über ihren jeweiligen Cluster. 

Foto © Hertha Hurnaus

Die Berufsschule liegt über der Volksschule in der 2. bis 4. Etage. Von den Räumlichkeiten einer »Übungsfirma« und dem Pausenraum im Dachgeschoss öffnen sich schöne Blicke über Wien. Die »Zusatzklassen« im 2. Obergeschoss dienen beiden Schulen – je nach Bedarf. Sie sind über eine Treppe von der Volksschule aus erreichbar und auch als Mehrzwecksaal geeignet. Die Aula hat einen Sichtbezug zur Straße und zum Garten und bekommt Tageslicht von oben. 

Foto © Hertha Hurnaus
Foto © Hertha Hurnaus

Die Schule ist ein Stahlbetonbau aus vorgefertigten Teilen. Die Fassade besteht aus Leichtbauelementen. Die Wahl der Baumaterialien solle gestalterisch durch harte und weiche Oberflächen »zwischen Denkfabrik und Zuhause-Gefühl vermitteln«, so die Architekten. Darum wurden die vorwiegend harten und farblich kühlen Baustoffe mit weichen Vorhängen und angenehmen Sitzpolstern kontrastiert.

Die Fertigteile sind bis zur Greifhöhe mit integrierten Regalen ausgestattet. Darin liegen die Lernmaterialien bereit, die die Kinder besonders beim freien Lernen und im Projektunterricht brauchen. Spiegel wirken als weiteres architektonisches Element und lassen die Räume heller und weitläufiger wirken.

Eine blaue Treppe dient als »Lern- und Aufenthaltsbereich«, und auch das Foyer soll eine »Lernlandschaft« sein. Die große Verglasung zum Turnsaal hin öffnet diesen Raum visuell und bringt Licht von der Seite. 

Foto © Hertha Hurnaus

Der größere Schulhof bietet zugleich ruhige und belebtere, helle und schattigere Ecken. Die Außentreppen aus Stahl, die in den Garten führen, sind so gestaltet, dass die Kinder sie gern und auch als Spielgeräte verwenden. Wer dennoch keine Treppen steigen mag, hat die Möglichkeit, zumindest auf dem Weg nach unten eine Rutsche zu nehmen.

Modellfotos © PPAG architects 
Lageplan
Grundriss 1. Obergeschoss

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