Sowohl – als auch

Ulf Meyer
12. Februar 2020
Foto: David Schreyer

In Lech haben die Architekten Matthias Hein und Gernot Thurnher einem alten Walserhaus neues Leben eingehaucht. Die unterschiedlichen Zeitschichten stärken sich gegenseitig.

Wenn ein historisches Walserhaus in schöner Lage nicht unter Denkmalschutz steht und stark baufällig ist, stellt sich unweigerlich die Frage, ob es noch saniert werden kann, oder durch einen Neubau ersetzte werden muss. Beim »Haus obd´r Lech« nahe Lech haben sich die Architekten Matthias Hein und Gernot Thurnher für ein »Sowohl-als-auch« entschieden. Beide Gestalter spannen schon seit vielen Jahren erfolgreich zusammen.

Foto: David Schreyer

Bevor sie sich jedoch an die Planungen machten, erstellte der Bauhistoriker Klaus Pfeifer eine Untersuchung, in der er Ursprung, Geschichte und Bauphasen des Hauses dokumentierte. Es wurde klar, dass der Bestand zu wertvoll ist, um ihn abzureißen. Architekten und Bauherr wollten darum ein Maximum erhalten und sahen den »Luxus des Projekts in seiner Schlichtheit und den Vorzügen des Ortes«, wie der Bauherr es formuliert. Pfeifers Begutachtung ergab allerdings auch, dass das Ende des 14. Jahrhunderts gebaute Bauernhaus baulich in katastrophalem Zustand war: Der Keller war nicht mehr zu retten, überhaupt konnten nur Teile der historischen Substanz – darunter glücklicherweise die ältesten – erhalten werden. 

Foto: David Schreyer
Foto: David Schreyer
Foto: David Schreyer

Der Mittlere Teil mit Eingang und Küche konnte in Teilen gerettet werden und wurde durch neue Bauteile ergänzt. Vorher wurde das ganze Haus auf Stützen gestellt, um Fundamente und Keller erneuern zu können. Wo früher der Wirtschaftsteil stand, der bereits in den 1950er-Jahren abgetragen wurde, wurde ein Bauteil in Holzmassivbauweise eingefügt. Das optische Gleichgewicht wurde dadurch wiederhergestellt. Auch die Fassaden und Fenster wurden erneuert und die Dachkonstruktion ausgetauscht. Große Teile der Wände, Decken und Böden hingegen blieben erhalten. Der sensible Umgang mit dem Alten, den die Architekten vorgaben, wurde von den ausführenden Handwerker*innen mitgetragen. Der Umgang mit dem Bestand wurde durch deren überdurchschnittlich gute Arbeit gestützt: »Die Handwerker arbeiteten mit Ehrgeiz und übertrafen sich gegenseitig in der Ausführungsqualität«, freut sich der Bauherr. 

Neues wurde selbstbewusst und wie selbstverständlich ergänzt, um die unterschiedlichen Bauepochen sichtbar zu belassen. Von Ruß geschwärzte Fichtenholzflächen wurden durch neue ergänzt und wechseln sich neu mit duftendem Zirbenholz ab. Neue Oberflächen in den Bädern, der Küche und am Ofen und Kamin wurden in traditioneller Handwerkstechnik gefertigt – Lehm-Kasein-Spachtelung kamen beispielsweise zum Einsatz, Kalkglätte und handgemachte Keramikkacheln. Sich dem Ort und Bestand formell anzupassen, aber neue Teile des Gebäudes als solche erkennbar zu lassen, erwies sich als die richtige Herangehensweise. 

Architektonisch und atmosphärisch besticht das Haus einerseits durch das Verhältnis von Privatheit und Offenheit und die inneren Raumbezügen, andererseits durch seinen angenehmen Holzgeruch und das sympathisch komplementäre Zusammenspiel von Alt und Neu. 

Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Von links nach rechts: Längsschnitt, Querschnitt

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