Von der Wirksamkeit alter Ideen

Manuel Pestalozzi
17. März 2022
Die Zentrale der einstigen k.k. Länderbank ist moderner, als es die Fassade zunächst vermuten lässt. Denn Otto Wagner war sehr am technischen Fortschritt interessiert. (Foto: Gugerell via Wikimedia Commons, CC0 1.0)

 

Die Aufgabe für Otto Wagner (1841–1918) war nicht einfach: Der Bauplatz war gemessen am Programm klein, und insgesamt standen für Gestaltung und Bau der neuen Länderbankzentrale nur anderthalb Jahren zur Verfügung. Die Konstruktion des Baumeisters war so radikal wie modern: ein Skelettbau aus Stahl, ausgefacht mit Platten. Eine Glasdecke zieht sich über die Schalterhalle, und eine Glaskuppel wölbt sich über dem Entree; der sechsgeschossige Palazzo in der Hohenstaufengasse 3 in der Wiener Innenstadt bietet viel Tageslicht und eine umfassende Klimatisierung: Im Untergeschoss sah Wagner Platz für Kessel-, Ventilations-, Heizungs- und Dynamomaschinen vor. 

Heute aber wird es in dem Baudenkmal in den Sommermonaten zu heiß. Das Arbeiten in den Büros ist dann oft unangenehm. Nun galt es, Abhilfe zu schaffen. – Und dazu wurde Wagners Lüftungskonzept wieder aktiviert.

 

Zwischen der Lichtdecke des einstigen Kassensaals und dem Glasdach wurden neue Beschattungselemente angebracht. (Foto © BHÖ)

Doch der Reihe nach: Heute dient die Länderbankzentrale dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport als Amtsgebäude. Das Haus ist eine Liegenschaft der Burghauptmannschaft Österreich (BHÖ). Diese hat jetzt ein Projekt umgesetzt, das unter Schonung der historisch wertvollen Bausubstanz und ohne Einsatz zusätzlicher Kühlsysteme eine Absenkung der Raumtemperatur während der Sommermonate bewirkt. Das aus der Bauzeit stammende historische Lüftungssystem des Hauses wurde dafür reaktiviert. Es wird ergänzt durch eine neue, zielgerichtete Beschattung des Glasdachs mithilfe eines reflektierenden Sonnensegels sowie durch den Einsatz elektrisch steuerbarer Lüftungsklappen. 

 

Auch dieser Tageslichtbrunnen dient der Nachtauskühlung. (Foto © BHÖ)

In der warmen Jahreszeit strömt während der Nachtstunden über die bestehende Be- und Entlüftung des ehemaligen Kassensaals und der Sitzungssäle Kaltluft aus dem Keller und von außen ein, um die Bausubstanz zu kühlen. Diese Maßnahmen versprechen eine nachhaltige Reduktion der sommerlichen Hitzebelastung im Büroalltag – ohne aufwendige technische Hilfsmittel. Sie bleiben weitgehend unsichtbar, was für die Klimatauglichkeit von Otto Wagners Architektur spricht und auf ihren nachhaltigen Wert hinweist.

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