Zwischen den Bäumen

Ulf Meyer
10. September 2021
Foto: Barbara Bühler

Die alten Bäume und Bauten auf dem Grundstück einer Liechtensteiner Familie sollten nicht angetastet werden. Das hat Heinrich Degelo zu einem Haus inspiriert, das mit seinen schwungvollen Formen nur den Raum dazwischen beansprucht.

Als 1959 drei Teams aus Norwegen, Schweden und Finnland ausgewählt wurden, um den Nordischen Pavillon für die Biennale in Venedig zu entwerfen, gewann Sverre Fehn (1924–2009) mit einer Lösung von verblüffender Einfachheit: Der spätere Pritzker-Preisträger schlug vor, den Pavillon um einen bestehenden Baum in den Giardini herum zu planen – als sinnfälligen Ausdruck skandinavischen Respekts vor der Natur. Die Idee, ein Haus um bestehende Vegetation zu entwickeln, anstatt sie zu zerstören, findet sich auch in späteren Werken wie dem Wohnhaus beim Hanegi Park in Tokio von Shigeru Ban (2011), in dem er selbst wohnt und das um die Bäume eines Hains herum entworfen wurde. Vielen bekannt ist sicherlich auch das Haus Bernheimbeuk (2011) in Schaarbeek des belgischen Büros De Vylder Vinck Taillieu. 

Der Schweizer Architekt Heinrich Degelo und sein Team haben nun in Liechtenstein einen ähnlichen Weg beschritten: Von den konvexen Baumkronen auf dem Baugrundstück ließen sie sich zu konkav ausgesparten, auskragenden Geschossplatten inspirieren. Eine gute Idee, die bis ins Detail fein ausgeführt ist, reicht eben mitunter schon für ein architektonisches Bijou. Das Mehrfamilienhaus an der Gemeindegrenze zwischen Vaduz und Triesen steht an einem Hang und erzählt eine Familiengeschichte: Die Bauherrin hatte ihre Heimat im Fürstentum vor Jahrzehnten verlassen. Nun ist sie zu ihren Wurzeln zurückkehrt, um das Anwesen der Familie weiterzubauen.

Foto: Barbara Bühler

Die Architekten sahen das Potenzial des Standortes und wollten einen möglichst nachhaltigen Beitrag leisten. Bekannt wurde das Büro für seine minimalistische Architektursprache und mit der großen Präzision seiner Bauten. Durch ihr Kunstmuseum in Vaduz (2000) sind die Gestalter im Fürstentum bereits weithin bekannt. Heinrich Degelo hatte es gemeinsam mit seinem damaligen Partner Meinrad Morger und Christian Kerez entworfen.

Die Bauherrin habe etwas von der Offenheit, die sie in der Welt erfahren hat, in die Heimat und an den Sitz ihrer Familie mitbringen wollen, erzählt Heinrich Degelo. Die alten Bäume auf dem großen Gartengrundstück hatte noch ihr Großvater gepflanzt und gepflegt. Er war Förster. Das alte, einfache Haus an der Straße mit einem kleinen Anbau, den der Vater der Bauherrin einst gezimmert hatte, sollte erhalten bleiben. Diese Erbstücke bildeten den Rahmen für den Neubau, der zwischen die Bäume eingepasst wurde. Er nimmt sich nur den Raum, den Birke, Föhren und Mammutbaum frei lassen. Die verglaste Fassade wurde hinter den auskragenden Geschossdecken zurückgesetzt und gibt den Bäumen so auch visuell Raum. Im Haus fühlt man sich, als würde man zwischen den Baumkronen wohnen.

Foto: Barbara Bühler
Foto: Barbara Bühler
Foto: Barbara Bühler

Das Gebäude ist auf einer Pfeilerkonstruktion aufgeständert. Darunter befinden sich die Abstellplätze für die Autos und Fahrräder der Bewohner*innen. Jede der elf Wohnung darüber bietet einen eigenen Balkonsitzplatz, der von keiner anderen Einheit eingesehen werden kann. 

Das Gebäude mit orthogonaler Grundrissstruktur wurde aus weißlichem Sichtbeton gebaut, und die Böden weisen denselben Farbton auf. Nur die Fensterrahmen, Türen und Möbel sind aus Ulmenholz gefertigt. Sie bilden einen warmen Kontrast zu den kühlen Oberflächen der Wände und Fußböden. Blickt man aus dem Gebäude nach draußen, verwischen, wie schon angedeutet, die Grenzen der Interieurs mit den geschwungenen Fassaden, den Balkonen und den Bäumen. Jene sind in gewissem Maße die Begrenzungen der Wohnungen. Ihre Farben werden vom Sonnenlicht auf die hellen Wände reflektiert, sodass sich die Stimmung in den Wohnungen mit dem Wechsel der Jahreszeiten ändert.

Foto: Barbara Bühler
Foto: Barbara Bühler
Situation
Grundrisse von oben nach unten: 2. und 3. Obergeschoss

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