Verstehen, was Verlust bedeutet

Katinka Corts
25. Juni 2021
Gegenstände aus einer sudetendeutschen Heimatstube im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin (Foto: Markus Gröteke © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung)

Ohne Angst vor Krieg und Vertreibung leben zu dürfen, erachten wir zuweilen als selbstverständlich. Das frisch eröffnete Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Berliner Deutschlandhaus lehrt uns, was Verlust bedeutet. Den Umbau haben Marte.Marte Architekten gestaltet.

Wer heute an Flucht denkt, hat womöglich Bilder von Menschen vor dem geistigen Auge, die in überfüllten Schlauchbooten unter großem Risiko das Meer zwischen der Türkei und Griechenland überqueren. Sie haben das Europa der vergangenen Jahre geprägt. Doch die Flucht über das Mittelmeer, die uns Europäern am stärksten präsent ist, ist nur ein kleiner Teil dessen, was täglich Millionen Menschen betrifft. Laut UNO fliehen aktuell weltweit so viele Menschen vor Krieg, Konflikten und Verfolgung wie nie zuvor. Auf 82,4 Millionen wurde ihre Zahl Ende vergangenen Jahres geschätzt, 42 Prozent davon sind minderjährig. Als wichtigste Herkunftsländer führt die UNO Syrien, Venezuela, Afghanistan, den Südsudan und Myanmar an.

Blick auf die breite Stiege, die ins erste Obergeschoss führt; der Umbau des Deutschlandhauses wurde von Marte.Marte Architekten gestaltet. (Foto: Dawin Meckel © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung)
Eine Wendeltreppe schraubt sich ins zweite Obergeschoss der Ständigen Ausstellung. (Foto: Markus Gröteke © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung)

Nachdem uns 2015 die prekäre Lage der Geflohenen deutlich bewusst war und in Deutschland Angela Merkels inzwischen so kontrovers diskutiertes »Wir schaffen das!« Hoffnung versprach, verblasste die Erinnerung mit den Jahren. Erst als das Lager in Moria auf der griechischen Insel Lesbos brannte, erinnerten wir uns (ganz erschrocken!), dass die schlimme Lage der Menschen, die auf der Flucht nach Europa kommen, weitgehend unverändert ist: Sie haben kein Zuhause, müssen ein Leben im Lager fristen und manche ihrer Kinder kennen nur diesen Ort. Geld kam nach dem Brand zwar aus Brüssel, Griechenland stand und steht aber als Ersteinreiseland gemäß der Dublin-Verordnung weiter allein mit der Verwaltung der Migration und der Bearbeitung der unzähligen Asylanträge da. Und während wir in Mitteleuropa Ängste vor dem grassierenden Coronavirus durchstanden und Unsicherheit über die Lieferung der korrekt zertifizierten FFP2-Masken bestand, fürchteten auch tausende unterversorgte Lagerinsassen – ja, ich erlaube mir, sie Insassen zu nennen – die Pandemie und versuchten, sich mit einfachen Masken aus Zeltstoff zu schützen. Auch Europa fürchtete, dass Corona in den Lagern wüten könnte – zumindest teilweise aber wohl mit anderen Hintergedanken: Was, wenn das Virus dort mutiert – kommen die neuen Varianten, die dann vielleicht noch gefährlicher sind, aus dem Lager heraus und zu uns? 

Im März dieses Jahres fasste Barbara Wesel in einem lesenswerten Artikel pointiert zusammen, wie wir zur heutigen Flüchtlingspolitik gekommen sind. Das europäische »Flüchtlingsproblem« besteht immer noch, weiterhin nimmt die Türkei mehr als die Hälfte der Geflohenen auf. Auf eine klare Asylpolitik der EU wartet man noch immer vergeblich. Im Film »Miraggio«, den ich vergangenes Jahr im Rahmen des Zurich Film Festival gesehen habe, porträtieren die Schweizer Regisseurin Nina Stefanka und die Übersetzerin Balkissa Maiga sechs junge Männer, die aus unterschiedlichen Gründen aus Mali flohen und nun seit Jahren in Italien auf das ersehnte neue Leben warten. Dieser Seelenzustand des verzweifelten Wartens, den Stefanka im Film abbildet, eint wohl alle Geflohenen weltweit.

Der »Raum der Stille« wurde vom Büro Königs Architekten aus Köln entworfen. (Foto © Königs Architekten)
 
Foto © Königs Architekten

Wenn wir heute mit Flucht konfrontiert sind, erscheint uns das Thema fremd. Man findet es schlimm, die Menschen tun einem leid. Und dass ein großer Teil der Deutschen zum Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Flucht war, ist ähnlich fern und fremd für uns. Vor 77 Jahren flohen Millionen Menschen aus Schlesien, Pommern und dem Sudetenland vor der vorrückenden Sowjetarmee und hofften auf ein neues Zuhause, ohne das alte je zu vergessen. Einige Deutsche haben heute noch Großeltern, die selber Flüchtlinge waren. Hört man ihre Geschichten von der Vertreibung, vom panischen Packen der Wagen, von den nächtlichen Märschen über die gefrorene Ostsee, vom Verstecken in den Wäldern abseits der Wege, von der unbändigen Angst vor der Roten Armee, deren Soldaten nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion 1941 und dem Mord an Millionen Menschen Rache wollten, von den schweren Anfängen westlich der Oder – können wir uns das wirklich vorstellen? Wie ist es, sich mit einem neuen Ort anzufreunden, wenn man doch den alten nie verlassen wollte und zeitlebens den Schlüssel des eigentlichen Zuhauses behält?

Blick in die Bibliothek (Foto: Markus Gröteke © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung)

Damit die Berichte der Augenzeug*innen von damals nicht in Vergessenheit geraten, werden ihre Erzählungen seit Jahrzehnten dokumentiert. Am 23. Juni wurde im Berliner Deutschlandhaus das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung feierlich eröffnet. Und gestaltet wurde der Umbau von einem Team aus Österreich: Vor elf Jahren gewann das Vorarlberger Büro Marte.Marte Architekten den Wettbewerb zur Umgestaltung und Erweiterung des Gebäudes aus den 1930er-Jahren. Als Lern- und Erinnerungsort schildert die neue Ausstellung dort die europäische Geschichte der Zwangsmigrationen vom 20. Jahrhundert bis heute. Im Mittelpunkt stehen Flucht und Vertreibung von über 14 Millionen Deutschen im historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs, jener Katastrophe entfesselt von den Nationalsozialisten, die von ihrer Machtübernahme an auf den Krieg hingearbeitet und ihn aus ideologischen Gründen herbeigesehnt hatten.

Auf mehr als 5000 Quadratmetern befinden sich neben der Ständigen Ausstellung auch mehrere Sonderschauen, eine Bibliothek mit Zeitzeugenarchiv und ein »Raum der Stille«. Letzteren entwarf das deutsche Büro Königs Architekten aus Köln. Bei der Neugestaltung des Gebäudes blieb die denkmalgeschützte Fassade erhalten, im Inneren trennt eine Lichtfuge Bestand und Erweiterungsbau. Die optisch ruhige Atmosphäre von Sichtbeton und weißen Wänden ist angemessen hinsichtlich der inhaltlich schweren Kost der Ausstellung, die vom Stuttgarter Büro Atelier Brückner gestaltet worden ist. Beeindruckend ist auch die 30 mal 30 Meter große Sichtbetondecke, die den Hauptraum überspannt und lediglich an den drei Treppenhäusern und einem Aufzugsschacht in den Ecken aufgelagert ist.

»Im Dokumentationszentrum geht es um Flucht und Vertreibung der Deutschen, aber auch um die vielen anderen Menschen, die Zwangsmigration erleben mussten und bis heute erleben. Im Geist der Versöhnung schließen wir damit eine Lücke in der deutschen Erinnerungskultur. Wir sagen: Vertreibungen sind ein Unrecht und benennen die Verursacher des Leids. Unsere Empathie gilt allen Flüchtlingen und Vertriebenen. Historische und politische Phänomene werden sachlich und auf dem Boden der Wissenschaft erklärt. Auf diese Weise wirken wir Polarisierungen, aber auch Relativierungen entgegen. Das neue Haus versteht sich als ein Diskussionsangebot für alle Interessierten.«

Direktorin Dr. Gundula Bavendamm

Das Zentrum kann fortan täglich außer montags kostenfrei besucht werden. Eine Besonderheit ist der Bibliotheksraum, in dem Besucher*innen ihrer eigenen Familiengeschichte nachspüren und in miteinander verschalteten digitalen Archiven Dokumente über die Wege ihrer Ahnen einsehen können. Doch das Zentrum ist nicht nur ein Ort der Vergangenheit, vielmehr werden Besucher*innen über die Jahre immer mehr eigene Geschichten beitragen können. Viele der Ausstellungsstücke wurden der Stiftung von Zeitzeugen übergeben, gemeinsam mit den damit verbundenen Geschichten. Das wird auch künftig so sein, denn auch die Geschichte der aktuellen Flüchtlingsbewegungen rund um das Mittelmeer wird weiter Eingang in die Ausstellung finden. Ein starkes Bild dazu ist eine digitale Weltkarte, auf der Museumsgänger*innen die Wege ihrer Familien eintragen können – als Spuren ihrer eigenen Vertreibung oder als Wege der Flucht ihrer Verwandten. Und das Museum wird aufwühlen. Hat man erst einmal all die Preziosen gesehen, die Menschen mit auf ihre Flucht nahmen als Erinnerung an ihre Heimat, wird man sich zwangsläufig fragen: Was würde ich nicht zurücklassen? Woran hängen meine Erinnerungen?

Wendeltreppe zum zweiten Obergeschoss der Ständigen Ausstellung (Foto: Markus Gröteke © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung)
 
Bauwerk
Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung Versöhnung
 
Standort
Stresemannstraße 90, 10963 Berlin
 
Bauherrschaft
Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung
 
Architektur
Marte.Marte Architekten, Feldkirch 
»Raum der Stille«: Königs Architekten, Köln
Ausstellungsgestaltung: Atelier Brückner, Stuttgart
 
Projektsteuerung
tp management GmbH, Berlin
 
Innenausstattung und Bibliothek
Zauleck, Berlin, und aatvos, Donderen, Niederlande
 
Öffnungszeiten ab 23. Juni 2021 
Generell: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr  
Bibliothek und Zeitzeugenarchiv: Dienstag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr
Öffentliche Führungen: donnerstags um 17, samstags und sonntags um 15 Uhr
Führung in englischer Sprache: sonntags um 16.30 Uhr

Stefan Marte sprach im Interview mit Austria-Architects auch über die Arbeit seines Büros in Deutschland.

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie